Die Taliban wollen in Afghanistan Furcht säen, im Stundentakt explodieren die Bomben in der Hauptstadt. Aber geht es wirklich darum, die Wahlen zu stören? Ein Lagebericht aus der Hauptstadt Kabul. Von Christoph Reuter

Infernos im Stundentakt: Die Taliban versuche, die Wahlvorbereitungen zu stören© David Guttenfelder/AP
Der Tag zwei vor den Wahlen beginnt in Kabul mit entferntem Donnern. Mehrere Raketen sind im weitläufigen Gelände des Präsidentenpalastes und im Hauptquartier der Polizei eingeschlagen. Wundersamerweise wurde niemand verletzt. Stunden später ist wieder ein Dröhnen in der Ferne zu hören, als sich mittags ein Selbstmordattentäter auf der Jalalabad-Road nahe einer britischen Patrouille sprengt, mindestens sieben Menschen in den Tod reißt und ungefähr 100 verletzt. Tags zuvor schon hat sich ein Selbstmordbomber im Auto nahe dem Haupttor des Isaf-Hauptquartiers mit mehreren hundert Kilo TNT gesprengt, einen halben Straßenzug verwüstet.
Kabul ist eine Stadt in Angst, und heute, am Mittwoch, wird sie still sein wie selten. Behörden, ausländische Organisationen haben geschlossen, wer kann, meidet die Straßen.
Die Taliban wollen Furcht säen, und es ist ihre Art der Statements, Infernos im Stundentakt geschehen zu lassen. Doch etwas ist seltsam: Alles greifen sie an – nur nichts, was mit den Wahlen zu tun hätte. Nicht die Wahlkommission, nicht das Hotel Interconti, wo die internationalen Wahlbeobachter ihr Quartier aufgeschlagen haben, nicht die EU-Büros, nicht die Konvois mit Urnen und Unterlagen. Dabei dekretieren sie seit Monaten mit wachsender Blutrünstigkeit Drohungen gegen jeden, der wählen gehen möchte. Sie würden die Wahllokale attackieren, verkünden sie, sich an den Wählern zu Hause rächen, jeden Finger abhacken, der mit Tinte aus dem Wahllokal markiert sei.
Ein Widersinn, der untergeht im großen Rauschen der Gerüchte, der großen Deals hinter verschlossenen Türen und der kleinen Panikreaktionen. Am Vormittag kreisen Hubschrauber über der Stadt und werfen Flugblätter für Abdullah Abdullah ab, Karzais wichtigstem Herausforderer. Einige landen im Palast. Worauf Präsident Karzai außer sich geraten sein soll, die Piloten der Hubschrauber verhaften ließ und sich bei der Wahl-Beschwerdekommission beklagte. Woraufhin wiederum sich Abdullah bei derselben Kommission über die Festnahme der Piloten beschwerte. Und halb Kabul lachte. Bis zur nächsten Detonation.
Hinter den Kulissen, in den täglichen Runden des US-Botschafters, des UN-Missionsleiters, des Chefs der Wahlkommission und des afghanischen Innenministers, wird um die wirkliche Machtfrage gerungen. Monatelang und millionenfach sind gefälsche Wählerregistrierungen herausgegeben, nicht linientreue Polizeioffiziere ausgetauscht, Gouverneure und Wahlbeamte unter Druck gesetzt worden, um Karzais Wahlsieg sicherzustellen. Noch Montag Abend kehrte der usbekische Warlord Raschid Dostum aus türkischem Zwangsexil zurück, wohin ihn allerdings nicht das Massaker an über tausend Taliban gebracht hatte, die er 2001 umbringen ließ, nachdem sie sich bereits ergeben hatten – sondern ein nächtlicher Überfall auf einen politischen Konkurrenten im Herbst 2008.
Dostum, sichtlich betrunken, ließ ihn von seinen Schergen mit einer Wodkaflasche vergewaltigen, um anschließend auf dem Dach seiner pinkfarbenen Villa mehreren hundert Polizisten in nicht zitierfähigen Worten klarzumachen, dass sie wieder nach Hause gehen könnten. Seit Montag nacht ist Dostum wieder zu Hause. Er wird gebraucht. Denn für seine usbekischen Anhänger ist er immer noch ein Halbgott, und seine Rückkehr war der Preis ihrer Stimmen für Karzai.
Nichts und niemand wird ausgelassen. Doch die Amerikaner und Europäer wollen nicht, dass die Wahl zu offensichtlich gefälscht wird. Es geht um die Wahlzentren in den Kriegsprovinzen des Südens und Ostens: Dort, wo es keine Wahlbeobachter geben wird, wo es zuvor schon die massivsten Fälschungen bei den Registrierungen gegeben hat, wird auch der größte Wahlbetrug erwartet. Innenminister Hanif Atmar wollte knapp 7000 Wahlzentren öffnen lassen. Die Amerikaner drücken ihn auf 6500, außerdem verweigern sie ihm die Milizen, die er aufstellen lassen wollte. Die theoretisch den Wahlgang sichern, praktisch aber die Wähler einschüchtern würden. Es dauert Tage, bis US- und UN-Botschafter sich durchgesetzt haben.