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2. März 2008, 21:39 Uhr

Wie Schafe, die alles mitmachen

Zu Sowjetzeiten war Wählen Pflicht und es gab Piroggen und Kefir. Heute ist der Urnengang ein Recht, das zunehmend wieder zur Pflicht wird. Nur: Warum sollte man überhaupt noch wählen gehen? Ein persönlicher Rückblick von Olga Kitowa, Moskau

Abkommandiert zum Wahlurnen schleppen: Das Feld "Gegen alle" wurde abgeschafft© Maxim Shipenkow/EPA/DPA

In Moskau wird es Abend, der Tag der Präsidentschaftswahl geht langsam vorüber. Im Fernen Osten werden schon längst die Stimmen ausgezählt. Aber Zweifel daran, wie die ausgehen, hat sowieso keiner. Es sind langweilige Wahlen. Dmitri Medwedew wird mit großem Abstand siegen: Er ist ein treuer Weggefährte Wladimir Putins und wurde im vergangenen Jahr von ihm zum Nachfolger erkoren wie ein Zarewitsch, der Zarensohn.

Konkurrenten hatten nie eine Chance - die Opposition wurde mundtot gemacht, und der einzige wirkliche Oppositionskandidat, der ehemalige Premierminister Michail Kassjanow, wurde zu den Wahlen gar nicht erst zugelassen. Die Medien, vor allem das Fernsehen, arbeiten ausschließlich so wie es von ihnen verlangt wird.

Die wichtigste Frage des Tages lautet also: Warum sollte man überhaupt noch wählen gehen? Geht jemand wählen? Sind unsere sowjetischen Instinkte wieder erwacht? In der Sowjetunion siegte Leonid Breschnew meist mit 98 Prozent, denn wir waren verpflichtet, zu den Urnen zu gehen. Damit es den Wählern nicht schwer fiel, gab es Blaskapellenmusik, Piroggen, Saft und Kefir in den Wahllokalen, außerdem Pioniere, die feierlich grüßten. Heute gilt die Wahl immerhin als Recht, nicht als Pflicht. Aber der Druck, das Kreuzchen am richtigen Ort zumachen, wächst wieder.

Ich habe eine private Umfrage gemacht, unter Freunden, die im ganzen Land verteilt leben. Und das ist das Ergebnis: Tschita liegt im Fernen Osten, acht Flugstunden von Moskau entfernt. Der Himmel war blau, die Luft hatte sich auf Null Grad erwärmt, und viele Wähler haben gerne einen Spaziergang zu ihren Wahllokalen unternommen. Auch meine Freundin. Sie hat tatsächlich für Medwedew gestimmt. Sie wunderte sich über meine Frage: Für wen hätte sie sonst wählen sollen? Und wählen will sie auf jeden Fall, das hält sie für ihre Pflicht. Sie berichtete, dass niemand Druck ausgeübt habe und es auch keine besondere Wahlkampagne gab. Unter Freunden waren die Wahlen kein Thema. Von Medwedew erwartet sie nichts: Nichts Gutes, nichts Schlechtes, erst recht keine Verbesserung ihres Lebensstandards, den sie verdient hätte, denn als Lehrerin am College verdient sie kaum genug zum Leben.

In Wolgograd, wo eine befreundete Familie lebt, haben die Wahllokale noch geöffnet. Der Streit in der Familie hatte gerade seinen Höhepunkt erreicht, als ich anrief. Tatjana möchte wählen gehen, und ihr Mann macht sich über sie lustig. Dabei wollte sie eigentlich nur bei "Gegen alle" ein Kreuzchen machen. Doch dieses Feld wurde abgeschafft. Sie überlegte eine Weile und beschloss dann, alle Namen durchzustreichen. Ihr Mann Valerie kann sich im Traum nicht vorstellen, ins Wahllokal zu gehen - wie ein Sklave sagt er, oder ein willenloses Schaf, das alles mitmacht, ganz egal was ihm vorgesetzt wird.

In Belgorod an der ukrainischen Grenze ist meine Freunde Swetlana sauer. Auch sie ist Lehrerin - und ihr Schuldirektor forderte sie auf, mit allen Kollegen um 12 Uhr mittags ins Wahllokal zu gehen. Und "richtig wählen" solle sie auch. Aus Protest hat sie dann bei dem Kommunisten Gennadij Sjuganow ihr Kreuzchen gemacht - obwohl sie weiß, dass er selbst dann nicht siegen würde, wenn er 80 Prozent der Stimmen bekäme.

In Woronesch sagt mein Freund, ein Chirurg, dass eine Krankenschwester seinen Stimmzettel abgegeben hat. Natürlich für Medwedew. Er erzählt, dass vor einigen Tagen im Krankenhaus die Anweisung ausgegeben wurde, niemanden ohne Not aufzunehmen. Unter dem Motto: Erst sollen die Leute am Sonntag wählen gehen, dann krank werden. In der Geburtsabteilung musste jede Gebärende einen Wahlschein mitbringen - damit sie auch im Krankenhaus ihre Stimme abgeben darf.

In Moskau legt sich seit dem Morgen dicker Schneematsch auf die Straßen, nur wenige verlassen da freiwillig und gerne das Haus. Seit Wochen werben die Behörden hier massiv - und zwar nicht für Medwedew, sondern dafür, dass die Leute zur Wahl gehen. Das hören wir im Fernsehen, wir bekommen SMS auf unseren Mobiltelefonen, und manche Vorgesetzten sagen das ihren Mitarbeitern mit ernster Mine. Die Moskauer lästern, heute sei das Fernsehprogramm noch schlechter als sonst - damit niemand mit guten Filmen abgelenkt wird.

Die Opposition hat versucht, aus Protest eine Website im Internet anzulegen. Jeder kann seinen Namen hinterlegen hinter dem Bekenntnis: "Ich nehme an dieser Farce nicht teil!" Der Erfolg ist mäßig, aber der Leiter der Wahlkommission reagierte dennoch empört auf die Aktion. Wählen sei Bürgerpflicht, monierte er. Von sowjetischen Verhältnissen sind wir also tatsächlich nicht mehr weit entfernt. Hoffentlich gibt es dann wenigstens wieder billige Piroggen an den Urnen und Kuchen. Ich bin übrigens nicht wählen gegangen. Das Wetter, wissen Sie. Und auch sonst hatte ich einfach keine Lust.

Die Journalistin Olga Kitowa ...

Die Journalistin Olga Kitowa ... ... schreibt seit vielen Jahren über Korruption und Amtsmissbrauch in Russland. Im Dezember 2001 wurde sie zu zweieinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, wegen angeblicher "Verleumdung, Beleidigung und tätlichen Angriffs" auf Mitglieder der örtlichen Miliz. Ende 2003 wurde ihr in Wiesbaden der Preis der Pressefreiheit vom Deutschen Journalisten Verband verliehen. Sie schreibt regelmäßig für stern.de.

Übersetzung: Bettina Sengling
 
 
KOMMENTARE (10 von 29)
 
AlterEgo (03.03.2008, 18:06 Uhr)
@vega - der Fragemann
Da hat er aber brav gebellt der vega-mann und alle die nicht mit den Mond anheulen sind böse Kommunisten, oder PDS Kader die sich gefälligst nach Russland verpissen sollen, wenn es ihnen hier nicht gut genuag ist. So viel nur zur freien Meinungsäusserung - die die sie hier am lautesten predigen, würden sie als erstes in den Staub treten.
Und sie fragen welche Wahl die Russen hatten - lassen sie sich doch einen Wahlzettel schicken, da steht eine Latte drauf. Herrn Gorbatschov haben die Russen nicht gewollt, auch wenn es den Deutschen doch glatt die Kulleraugen rausgeworfen hat. Und vom Russland Jelzins, in dem auch noch der letzte Rest verkam oder verhöckert worde hatten Sie die Schauze einfach voll. Es geht ihnen heute besser als vor 8 Jahren. Sie verdienen doppelt so viel, könne die ersten Reisen machen, bessere Wohnunge beziehen oder Artikel im Stern schreiben. Oder wenn es ihnen zu nass wird einfach nicht zur Wahl gehen - können sie auch. Aber wenn jemand in freier Entscheidung dorthin geht, dann wird er gleich mal zum dummen Schaf degradiert. Passt dann besser in das Bild, dass amn haben muss, wenn man einen Artikel im Westen loswerden will.
Deshalb ein paar einfrage Fragen an Sie - ging es den Russen je besser als heute?
Dürfen Sie nur das entscheiden, was sie für richtig finden?
Im Gegensatz zu den "Paradewahlen" in AFG oder Irak ging es gesittet zu, oder?
Was wollen Sie momentan mehr?
Wieder Jelzinsche Verhältnisse?
sachsenwini (03.03.2008, 16:37 Uhr)
Ob die Wahlen in Russland demokratischer waren
als die Wahlen in den USA oder bei uns kann ich genauso wenig beurteilen, wie die Regierungsqualitäten des neuen Präsidenten Dmitri Medwedew.
Er gilt in Russland eher als liberaler Politiker und als Aufsichtsratschef von Gazprom hat er sicherlich nicht nur einen guten Kontakt zu unserem Exkanzler sondern auch einen guten Ruf als souveräner Leiter.
Russland wird einen selbstbewussten Man an der Spitze benötigen, der sich nicht unterbuttern lässt.
Ich wünsche ihm viel Erfolg in seinem Volk einen guten gerechten Präsidenten.
Vincent_Vega (03.03.2008, 14:27 Uhr)
Aber Herr Waller....;-)
wie können Sie den armen Russland-Experten hier nur vorwerfen, Russland nicht besser zu verstehen als russische Journalisten, doe vor Ort leben?
Diese Sorte von Menschen brauchen doch ihre Hoffnung auf einen beseren Wort ausserhalb des pseudo-faschistischen Systems der BRD; wie können Sie sie mit der Realität konfrontieren?
Ist nur die Frage, ob sie in Russland auch so gegen ihr eigenes System propagieren könnten, wie sie es hier tun bis ein Forumsmoderator ihre Beiträge sperrt.
Aber wen Sie Badmax´Antwort auf meinen Beitrag lesen, scheint er ohnehin ein System vorzuziehen, welches ihn brav füttert, wenn er dafür sein Grundrecht abgeben darf. Denn auf diesen Punkt meines Beitrages ist er nicht eingegangen.
Schätze, es handelt sich hier um alte PDS-Kader.
wallerer (03.03.2008, 12:37 Uhr)
Respektlosigkeit
Ich habe mir jetzt alle Kommentare durchgelesen und finde, dass die "Russland-Experten" gegenüber Frau Kitowa schlicht und ergreifend respektlos sind.
Noch ist es so, dass eine russische Journalistin die Umstände in ihrem Heimatland am besten beurteilen kann. Ich bin nicht der Meinung, dass es uns hier zusteht, den Inhalt ihres Artikels in Zweifel zu ziehen.
Badmax (03.03.2008, 12:06 Uhr)
@an die Dummen unter uns
"Unsere" westlichen Parade-Demokratien scheuen Volksentscheide (siehe Schweiz) wie der Teufel das Weihwasser. Ne ne, wir haben nur das Recht, aus einer Kollektion von fertig konfektionierten Suppenkaspern zu wäheln, die sich alle 4 Jahre zur Wahl stellen. Dabei regiert dann immer eine von zwei Parteien (CDU oder CDU-SPD), die restlichen Parteien bilden eine Art Dekoration die nötig ist, um sich international als Demokratie zu präsentieren.
Bloß keine Volksentscheide, wir Wähler sind ja so dumm und könnten keine richtige Entscheidung treffen.... ooops ;-) da tun sich gerade Paralellen auf, zu den Vorwürfen gegenüber Russland (dumme Wähler..) anscheinend sind wir alle ein bisschen dumm die dumm.
Badmax (03.03.2008, 12:04 Uhr)
@Silbador
Da stimme ich ihnen zu. "Unsere" westlichen Parade-Demokratien scheuen Volksentscheide (siehe Schweiz) wie der Teufel das Weihwasser. Ne ne, wir haben nur das Recht, aus einer Kollektion von fertig konfektionierten Suppenkaspern zu wäheln, die sich alle 4 Jahre zur Wahl stellen. Dabei regiert dann immer eine von zwei Parteien (CDU oder CDU-SPD), die restlichen Parteien bilden eine Art Dekoration die nötig ist, um sich international als Demokratie zu präsentieren.
Bloß keine Volksentscheide, wir Wähler sind ja so dumm und könnten keine richtige Entscheidung treffen.... ooops ;-) da tun sich gerade Paralellen auf, zu ihren Vorwürfen gegenüber Russland (dumme Wähler..) anscheinend sind wir alle ein bisschen dumm die dumm.
bernie-abg (03.03.2008, 11:46 Uhr)
@Badmax...
...Sie haben Vincent_Vegas Frage entweder nicht verstanden oder wollen sie nicht beantworten.
Deshalb hier nochmal:
"Wenn Putin doch wirklich so beliebt ist, warum kann man die Russen denn nicht so wählen lassen, wie es sie beliebt?"
Oder anders ausgedrückt, wenn Putin sich seiner Sache sicher gewesen wäre, hätte er dann auch die Opposition unterdrückt?
Silbador (03.03.2008, 11:28 Uhr)
Die Schweiz
ist das einzige demokratische Land, das ich kenne.
Bei uns spielt es sowieso keine Rolle, wen man wählt, die Reichen werden reicher, der Rest ärmer, da die Geldmenge ja nicht größer wird.
Badmax (03.03.2008, 10:10 Uhr)
@Vega
vieleicht sind wir doch nicht so dumm, wie sie denken oder der westliche Heuschreckenverein es gerne hätte.
Wieso kehren sie nicht einmal vor der eigenen Tür?
Der Westen ruiniert sich gerade selber mit seiner Wirtschaftspolitik, das kann nie und nimmer ein Vorbild für andere Staaten sein.
Mal auf die Idee zu kommen, das Putin wirklich etwas für sein Land geleistet hat, darauf werden sie wohl nie kommen. In Gegensatz zu ihnen kenne ich viele Russen die Putin als Retter der Nation betrachten, seit Putin das Ruder an sich gerissen hat steigt der Lebensstandard der Russen stetig und das wird mir von meinen Freunden auch bestätigt. Keiner in Russland möchte diese ekelhaften westlichen Heuschrecken, die wie in Rumänien (Nokia) Hungerlöhne zahlen und den Gewinn an der amerikanischen Börse privatisieren, wovon die rumänischen Arbeiter nur träumen können.
Die Märchen von Demokratie und offener Wirtschaft glaubt ihnen im Osten keiner mehr. Und das ist auch gut so.
Vincent_Vega (03.03.2008, 09:57 Uhr)
Den Ruf nach dem starken Mann kennen wir doch auch
Lieber @badmax & @gmathol,
es gibt zwar den Spruch: "Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber"
aber mit Ihrer Beider Argumente könnte man auch nach Diktatoren vom Kaliber Hitler oder Stalin rufen.
Es scheint Ihnen überhaupt nichts auszumachen, dass die Leute überhaupt keine Wahl haben, als wählen zu gehen und den vom Zar - entschuldigung- amtsvorgänger selbst bestimmten Nachfolger zu wählen, während es gleichtzeitig keinerlei Presse mehr gibt, die irgendetwas Regierungskritisches mehr publizieren können ,weil sie entweder geschlossen oder ihre Journalisten erschossen wurden. Stadttdessen scheinen Sie eine wohlwollende Diktatur gutzuheissen, die den Menschen ihrer Rechte beraubt, solange die Regierung sie gut füttert.
Der Friedensnobelpreisträger Mohmmed Yunus, der mit seinen Mikrokredit-Banken in Bangla-Desh gegen die Armut kämpft ohne vom Staat gefüttert zu werden, sagte seinen Kunden: "Wenn ihr schon alle Politiker für Teufel haltet, dann wählt wenigstens die kleinen Teufel oder kandidiert selber".
Diese Wahl haben anscheinend aber die Russen selber nicht und Sie beide lobhudeln einem System, welches den Russen ein Grundrecht abspricht.
Ich habe da eine Frage: Wenn Putin doch wirklich so beliebt ist, warum kann man die Russen denn nicht so wählen lassen, wie es sie beliebt? Warum muss es Zustände geben, wie von der Korrespondentin beschireben?
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