Gut ein Jahr vor der Fußball-WM ist Südafrika mit den Stadien kaum im Rückstand, wohl aber beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Nun wählt das Land seinen neuen Präsidenten und eine korrupte Elite bringt Nelson Mandelas Erbe in Gefahr. Von Marc Goergen, Kapstadt

Stimmenfang direkt am Wähler: eine ANC-Anhängerin bei einer Wahlkampfveranstaltung im Nyanga-Township-Stadion© Gianluigi Guercia/AFP
Manchmal kommen Skandale sehr schön daher. Gleich am Ortseingang der Provinzstadt Nelspruit, drei Autostunden nordöstlich von Johannesburg, ragt die Baustelle des neuen WM-Stadions in den blauen Himmel. Eine schmucke Konstruktion. Eingebettet in sanfte Hügel, nicht zu protzig, die Stützpfeiler sind sogar Giraffenhälsen nachempfunden - eine Hommage an die Tiere des nahen Krüger-Nationalparks.
Nur an die Menschen hier denkt man weniger.
Ein Abend im Januar. Der 44-jährige Jimmy Mohlala, ein Gemeindevorsitzender aus der Nähe von Nelspruit, sitzt mit seinem 19-jährigen Sohn Tshepiso vor seinem Haus, als plötzlich ein Auto vorfährt. Zwei Männer mit Masken springen aus dem Wagen. Dann beginnen sie zu schießen. Mohlala fällt zu Boden. Tshepiso rennt ins Haus, er versucht die Tür zu verrammeln, doch sein Verfolger schießt durch den Spalt. Die Kugel trifft Tshepisos Bein. Mit letzter Kraft schafft er es, die Tür zuzuschlagen. Die Männer ziehen ab.
Mohlalas Frau Bonny hört die Schüsse im ersten Stock. Sie rennt nach draußen. Vor der Garage findet sie ihren Mann auf dem Boden, um ihn herum nur Blut. Sie kann nichts mehr für ihn tun.
"Das war kein normales Verbrechen", sagt sie heute. "Das war die Rache, weil er einfach keine Ruhe geben wollte."
Ende 2006 hatte sich Mohlala mächtige Feinde gemacht. Er hatte Schiebereien beim Stadionbau an die Öffentlichkeit gebracht. Unter anderem war die kleine Gemeinde Matsafeni direkt neben der Baustelle betrogen worden. Einen Rand, umgerechnet noch nicht einmal zehn Cent, hatten die Menschen für ihr Land bekommen, auf dem nun die Arena für die Fußballweltmeisterschaft 2010 gebaut wird - und windige Versprechungen, wie sie von dem Projekt profitieren würden. Später urteilte ein Richter, das Vorgehen des Stadtrats unterscheide sich kaum von "jenen Kolonialisten, die das Land der Einheimischen an sich gerissen haben, im Tausch gegen funkelnde Knöpfe und Spiegel".
Der African National Congress (ANC) drängte sein langjähriges Mitglied Mohlala zum Rücktritt als Gemeindevorsteher. Der aber weigerte sich. Das war nach Meinung seiner Familie und seiner Freunde sein Todesurteil. Später wurde sogar seine Frau Bonny bedroht: "Ein paar Wochen nach Jimmys Tod kamen Polizisten zu uns. Sie schleppten mich und Tshepiso in ein Feld. Dann fesselten sie uns mit Handschellen und schlugen uns mit Stöcken. Sie sagten, wir sollten Ruhe geben. Sonst würden sie auch uns töten."
Sie zeigt ihre Hände. Noch immer ziehen sich rote Streifen von den Handschellen um die Gelenke. Neben ihr auf dem Sofa sitzt ihr Sohn Tshepiso, in sich versunken, mit leerem Blick. Erst seit ein paar Tagen kann er wieder ohne Krücken durchs Haus humpeln.
Ein gutes Jahr vor der Weltmeisterschaft ist Südafrika eine Baustelle. Allerorten entstehen Stadien, Straßen, Plätze. Die Begeisterung für Fußball ist groß. Die Arbeiter am Stadion von Kapstadt haben sogar eine eigene Mannschaft gegründet. Jeden Abend trainieren sie auf dem staubigen Platz vor der Baustelle.
Doch je näher die WM rückt, desto größer werden die Zweifel, ob die Menschen von dem Spektakel profitieren werden. Und nicht nur jene auf den richtigen Posten. Auf den Hochglanzbroschüren mit den Plänen von Nelspruit etwa leuchten Trainingsflächen und Zubringerstraßen. Aber wer soll dieses Sportzentrum nutzen? Die Stadt hat nur etwas mehr als 200.000 Einwohner und verdankt ihren bescheidenen Ruhm einzig dem nahen Krügerpark. Ohnehin ist der Bau des Stadions schon mehrere Monate im Verzug, weil die Arbeiter gestreikt haben. Und die versprochene neue Schule für die Kinder der überrumpelten Gemeinde Matsafeni wird erst mal überhaupt nicht gebaut. Zurzeit büffeln die Schüler in Containern - in ihren Klassenzimmern arbeiten jetzt die Ingenieure.
Inmitten all der Kungeleien wird demnächst ein Mann das Land führen, der selbst im Verdacht von Korruption steht. Am 22. April wählt Südafrika zum vierten Mal nach Ende der Apartheid einen neuen Präsidenten, und aller Voraussicht nach wird das Jacob Zuma sein. Denn der 67-Jährige ist der Chef des ANC, der Partei, die mit Nelson Mandela an der Spitze das Ende der Apartheid besiegelte.
Doch nach 15 Jahren an der Macht ist der ANC dabei, das Erbe Mandelas zu verspielen. Zu viele Skandale haben das Bild von den hehren Befreiungskämpfern erschüttert. Und mittendrin in all den schmutzigen Geschichten steckt Jacob Zuma. Soll er Südafrika repräsentieren, wenn die Welt ans Kap kommt?
Im Township Khayelitsha sind die Menschen von der Idee begeistert. Seit dem frühen Morgen strömen sie ins Stadion der Elendssiedlung bei Kapstadt. Sie drängeln und zerren, singen und schreien, schon werden die ersten nach Luft japsenden Kinder über die Köpfe gehoben.
Endlich rollen Zumas schwarze BMWs neben die Bühne. Vorredner heizen die Stimmung an, immer wieder "Viva ANC", und "Viva Zuma". Bald kippt der erste Zaun, nur mit Mühe können die Ordner die Massen zurückdrängen. Gegen Ende seines Wahlkampfauftritts gibt Zuma seinen Fans schließlich, worauf sie gewartet haben. Musik wird eingespielt, und er beginnt zu singen, seine Hymne: "Umshini wami" - Bringt mir mein Maschinengewehr. Er lacht und lässt den Körper um seine mächtige Mitte kreisen. Und die Menschen vor der Bühne singen begeistert mit. Doch kaum ist der letzte Ton von den heftigen Böen verweht, ist Zumas Korso schon wieder auf dem Highway - und Khayelitsha, dieser endlose Flickenteppich aus Häuschen und Hütten, wieder seiner Tristesse überlassen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 17/2009