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3. Februar 2012, 17:11 Uhr

Ihre Lauheit und der Wüterich

Die US-Vorwahlen laufen auf das Duell Mitt Romney gegen Newt Gingrich heraus. stern.de macht den Check: Wer hat mehr Glamour, wer den besseren Song und für wen muss man sich mehr schämen? Von Niels Kruse

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Kandidat Gingrich (r.): "Ich möchte den ganzen Planeten verändern"© Kevork Djansezian/Getty Images

Newt Gingrich - der böse, alte Mann

Glamour
Klarer Punktsieg für Newt Gingrich. Er selbst strahlt in seinen ewig gleichen schwarzen Anzügen den Charme eines netten Opas aus, der immer ein paar Bonbons für die Kleinen parat hat. Aber das Washingtoner Schlachtross hat ja noch seine Frau Callista. Die ist gerade erst 45 Jahre alt und damit ein knappes viertel Jahrhundert jünger als ihr Mann. Für ihr Alter wirkt die Bob-Blondine etwas tantig, ist aber sehr apart und macht was mit Medien. Filme über Ronald Reagan etwa und Fotos zum Beispiel. Letztere wurden auch schon in der "New York Times" veröffentlicht. Diese Frau an seiner Seite lässt den Wüterich regelrecht entspannt aussehen.

Temperament

Hat er wie kaum ein anderer. Konkurrent Romney will die Unternehmenssteuern und die Abgaben auf Kapitaleinkünfte verringern? Gingrich will sie gleich ganz streichen. Denn er weiß: Bei US-Wahlkämpfen gewinnt der lautere Trommler, vor allem wenn es um die Wirtschaft geht. Deswegen plant er für den Fall seines Wahlsieges auch eine Kolonie auf dem Mond. Darunter kann sich zumindest jeder was vorstellen. Vor allem der kleine Mann, auf den es der Volkstribun abgesehen hat. Dessen Weltbild dürfte er auch teilen. Occupy-Aktivisten rief er jüngst zu: "Nehmt erst einmal ein Bad und sucht euch dann einen anständigen Job."

Fremdschämfaktor

Ist wie bei vielen radikalen Konservativen reichlich hoch. Drei Beispiele aus seinem Wahlkampfkatalog: "Gesetze gegen Kinderarbeit sind dumm". "Die Palästinenser sind ein erfundenes Volk". "Barack Obama betreibt bürokratischen Sozialismus". Kann man als hartgesottener Wahlkämpfer, der Gingrich ist, ja mal so in den Raum stellen. Wobei sich angesichts solcher Forderungen eher Frage stellt, für wen man sich mehr genieren muss: Für denjenigen, der die abstrusen Gedanken hat und ausspricht oder für denjenigen, der sie beklatscht.

Realitätssinn

Wenn beim Fußball eine Mannschaft klar zurückliegt, sie aber trotzdem kämpft und alles gibt, fliegen ihr die Herzen zu. Wenn aber ein Politiker bei Umfragen hinten liegt, und trotzdem vom Sieg spricht, wird er belächelt und gilt als größenwahnsinnig und/oder realitätsfern. So oder so: Gingrich wird im Laufe des Vorwahlkampfs irgendwann die Puste ausgehen. Sei aus Geldmangel, sei es aus Mangel an Wählern. Und doch will er bis zum Nominierungsparteitag der Republikaner seinen Mann stehen. Grund: "Wenn man alle Nicht-Romney-Stimmen nimmt, dann wird es auf dem Parteitag wahrscheinlich eine Nicht-Romney-Mehrheit geben." Deshalb lautet sein neustes Motto: 46 States to go - noch 46 Staaten. Der Mann, das muss man ihm lassen, war schon oft abgeschrieben - und kam doch immer wieder. Wer weiß, was dieses Jahr noch passiert.

Geschäftssinn

Gingrich ist schon seit fast 40 Jahren in der US-Politik aktiv, eine Branche, in der gemeinhin nicht das ganz große Geld gemacht wird. Doch der Doktor der Geschichte ist trotzdem kein armer Mann: Er hat fast 25 Bücher ge- und mitgeschrieben, von denen ein Dutzend in den Beststellerlisten gelandet sind. Sein Job als Lobbyist für die Pleite-Hypothekenbank Freddie Mac hat ihn zum Multi-Millionär gemacht. Doch Rezepte gegen die darniederliegende US-Wirtschaft hat er nicht (bis auf die Entmachtung der Gewerkschaften) und leider auch keine potenten Geldgeber wie sein ärgster Gegner Mitt Romney. Doch immerhin: Der milliardenschwere Casinobesitzer Sheldon Adelson sponsort seinen "alten Freund" und Bruder im Geiste mit einigen Millionen. Ob das allerdings für mutmaßlich teuersten Wahlkampf aller Zeiten reichen wird?

Ordnungssinn

Abtreibung ist böse, Homosexualität natürlich auch, das Land brauche dringend ein FBI-Antiterrorteam mit sehr vielen Sonderrechten. Mit dem Klimawandel haben die Menschen nichts zu tun, Schwarze sollen sich Jobs besorgen, statt Lebensmittelmarken, Spanisch ist die Sprache des Ghettos, weshalb Englisch endlich offizielle Amtssprache werden muss, nicht jede Entscheidung des Obersten Gerichts kann respektiert werden. Und dann ist da noch die Sache mit dem Mond. Er wolle einfach nicht, dass die Chinesen demnächst auf dem Mond landen, ohne dass nochmals Amerikaner dort waren. So stellt sich Gingrich sein schönes, neues Amerika vor. Doch so leicht lässt sich die Intelligenz der Amerikaner nicht beleidigen. In Florida waren es immerhin 70 Prozent, die nicht für Gingrich gestimmt haben.

Auslandserfahrung

Na gut, erweckt von höchster Stelle war ja auch schon George W. Bush. Newt Gingrich aber ist noch erweckter: "Wir sind das einzige Volk, das sagt, dass jeder einzelne Macht direkt von Gott bekommt", sagte er einmal und ohne dabei rot zu werden. Mit diesem Anspruch ist Außenpolitik natürlich ein Selbstgänger: Kuba, die widerborstige Insel des abhalfterten Sozialismus, will er von den Castros befreien, notfalls militärisch. Das Mullahregime in Teheran will er mit Bomben, Hackern und einer Art muslimischem Papst zu Leibe rücken und zum Thema Nahost fällt ihm vor allem ein, dass die Palästinenser eigentlich gar kein echtes Volk sind. Immerhin: Er weiß, dass der Mond nicht von dieser Welt und nur mit Raumschiffen zu erreichen ist.

Faktor Weiße Weste

Sollte Gingrich tatsächlich Barack Obamas Gegenkandidat werden, so sagte jüngst ein US-Bürgerrechtler, würde der Republikaner dastehen wie ein "schmutziges Glas neben einem sauberen". Denn die Liste seiner Verfehlungen ist lang: Als Bill Clinton wegen eines Affärchens mit der Praktikantin Monica Lewinsky in die Bredouille geriet, war Gingrich einer der größten Fürsprecher für eine Amtsenthebung Clintons. Nur leider hatte er zu dem Zeitpunkt ebenfalls etwas Außereheliches am Laufen. Besonders beliebt hatte er sich auch nicht damit gemacht, dass er während er Clinton-Präsidentschaft die Haushaltsverhandlungen zwischen Demokraten und Republikanern de facto völlig blockierte. Und einen weiteren Fleck wird er auch nicht los: Angeblich soll er seiner Krebskranken damaligen Frau die Scheidungspapiere ans Krankenbett gebracht haben.

Erotik

Wie jeder stramme Republikaner ist Gingrich ein Familienmensch. Und weil es gar nicht genug Familien geben kann, hat er gleich drei davon gegründet: Mit Jackie von 1963 bis 1977, mit Marianne von 1981 bis 1999 und seit 2000 mit Callista. Trotzdem setzte er nur zwei Töchter in die Welt.

Song

Zu jedem US-Wahlkämpfer gehört ein schmissiges Lied. Gingrich entschied sich für "Eye of the tiger" von Survivor - nur leider ohne die Band vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Jetzt muss er sich eine neue Einlaufmusik suchen.

Rhetorik

"Ich habe hohe Ambitionen. Ich möchte den ganzen Planeten verändern. Und das tue ich auch, denn ich eine berühmte Person." (In einem Interview mit der Washington Post, 1985)+

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