Wer führt Italien aus dem Chaos politischer Instabilität und schafft es, den Reformstau zu lösen? "Superwalter!" könnte die Antwort lauten, die bei der Wahl zum Chef der neuen Demokratischen Partei fallen könnte. Von Luisa Brandl, Rom

Wenn nicht er, wer dann? Der römische Bürgermeister Walter Veltroni ist die Hoffnungsfigur der italienischen Linken© Andreas Solaro/AFP
Er ist in Hochform in diesen Tagen vor der Wahl. Walter Veltroni beginnt den Tag mit Morgengymnastik, hält eisern Diät und eilt unaufhaltsam von Termin zu Termin. Nicht selten ist er 20 Stunden auf den Beinen, bereist das ganze Land. Hier eine Messeveranstaltung, da eine Begegnung im Studentenheim, dort ein Parteifest, dann ein Besuch in der römischen Peripherie, wo es keine Monumente und keine Touristen gibt. Und überall jubeln die Menschen.
"Superwalter", wie sie ihn nennen, kommt nicht wie die üblichen Politiker daher. Im Gegenteil: Er attackiert sie, die Politikerkaste, die Bürokratie, die Parteien als Karriereschmiede. Seine Botschaft trifft den Nerv des Volkes: "Wir brauchen eine Schocktherapie, um Italien aus dem Tunnel zu führen", sagt Veltroni.
Starker Protest gegen das Verhalten der Politiker war zuletzt in Italien hoch gekocht. Der Linksdemokrat greift den Zorn der Italiener auf und fordert einschneidende Reformen: die Reduzierung der Parlamentssitze, nur noch eine Abgeordnetenkammer anstatt des zweigliedrigen Parlaments und eine Wahlrechtsreform. In einem Fernsehinterview sagte Veltroni etwas unvorsichtig, das Reformpaket könne innerhalb von acht Monaten verabschiedet werden und dann sei der Weg frei für Neuwahlen.
Es hat den Anschein, als habe der 52-Jährige nicht nur den Parteivorsitz der neuen Demokratischen Partei im Sinn, sondern auch in absehbarer Zeit die Kandidatur als Ministerpräsident. In der Tat ist die Regierung schwer angeschlagen. Romano Prodi ist umzingelt von der radikalen Linken und dem liberalen Flügel. Veltroni steckt jetzt in einem Dilemma: Er hat Prodi seine Unterstützung zugesagt, ist aber zum Scheitern verurteilt, wenn er den politischen Stillstand mit trägt.
Hinter Veltroni stehen laut Umfragen 70 Prozent der Anhänger der linken Mitte. Wenn sie ihn am Sonntag voraussichtlich zum neuen Parteivorsitzenden wählen, erwarten sie vor allem eines: Reformen. In einer beispielslosen Basisabstimmung werden mehr als eine Million Menschen in den 12.000 Wahllokalen im ganzen Land erwartet. Zum ersten Mal wird ein Parteichef direkt gewählt.
Wahlberechtigt sind Italiener und in Italien gemeldete Ausländer ab 16 Jahren. Sie müssen einen Euro bezahlen, brauchen aber nicht Mitglieder der neuen Partei zu werden. Fünf Kandidaten für den Vorsitz stehen zur Wahl: der Favorit und Bürgermeister von Rom Walter Veltroni, die Familienministerin Rosy Bindi, der Staatssekretär Enrico Letta, der Blogger Mario Adinolfi und der Polit-Außenseiter Piergiorgio Gawronski. Außerdem werden 2500 Delegierte gewählt, die das Parteistatut ausarbeiten sollen. Die Kandidaten sind zur Hälfte Frauen.
Alle warten nun gespannt auf den Reformer Walter Veltroni. Gemeinsam mit Prodi arbeitete er seit 15 Jahren an der Gründung einer linksliberalen Partei. Unter dem Symbol des Olivenbaums (Ulivo) kandidierten die Linksdemokraten und demokratischen Katholiken der Margherita bereits zusammen. Nun sollen sich die beiden stärksten Parteien des Mitte-links-Bündnisses zu einer Partei vereinigen. Ihre Werte sind jedoch stark gefallen von 31 Prozent bei den Wahlen 2006 auf heute 27 Prozent. Nun soll es "Superwalter" wieder richten. Veltroni gilt als einer der beliebtesten Politiker. Laut Umfragen schätzen ihn 44 Prozent aller Italiener - linke wie rechte.
Und diese Chance will Veltroni nutzen. Dazu hat er an seinem Image gefeilt. Nicht nur seine Gegner hielten ihn für einen "buonista", einen weichlichen Gutmenschen, der heute etwas sagt und morgen das Gegenteil davon, nur um es allen recht zu machen. In diesem Wahlkampf hat Veltroni sein Profil geschärft. "Die Italiener wollen eine Demokratie, die fähig ist zu entscheiden", ruft er, "unser Land ist in den Händen von Veto-Playern, jenen, die die Politik als Instrument begreifen, um Entscheidungen zu verhindern. Aber die Entscheidung ist die Seele der Demokratie. Und Entscheiden bedeutet eine gewaltige Verantwortung zu übernehmen, weil es sich auswirkt auf das Leben der Menschen."