Angeblich geheime, nun aufgetauchte Papiere der Bundeswehr und des BND warnen vor einem Bürgerkrieg in Afghanistan. Das ist allerdings nicht neu, sondern schon lange öffentlich bekannt. Von Manuela Pfohl

Noch bis 2014 sind westliche Truppen in Afghanistan stationiert. Was danach in dem Land geschieht, ist völlig ungewiss© Maurizio Gambarini/DPA/LMV
Eigentlich weiß ja längst jeder, dass die am Montag in Bonn beginnende Afghanistankonferenz nicht mehr ist als nur ein viel zu teures Kaffeekränzchen. Wenn es aber doch noch eines Beweises dafür bedurfte, dann sind es die streng geheimen, hoch brisanten und vertraulichen Papiere, die der "Bild"-Zeitung gerade jetzt zugespielt worden sein sollen. Unmittelbar vor dem Treffen auf dem Petersberg sind demnach Unterlagen der Bundeswehr, des Bundesnachrichtendienstes (BND) und sogar vom Combined Joint Intelligence Operations Center - Afghanistan, einer Art US-Militärgeheimdienst, aufgetaucht.
Mit "brisanten Informationen" dazu, was passieren könnte, falls die internationalen Truppen Ende 2014 wirklich aus Afghanistan abziehen sollten. "Wenn die Isaf-Truppen das Land verlassen, wird es Bürgerkrieg geben", wird aus einem Bericht des US-Militärs über den Norden Afghanistans zitiert. Und in einem als geheim eingestuften Bundeswehr-Dokument heißt es angeblich: "Nach dem Ende der Besatzung durch Isaf 2014 werden die Führer der Aufständischen", die sich nach Pakistan geflüchtet haben, "nach Afghanistan zurückkehren". Als Schmankerl am Rande wird der BND mit der Info zitiert: "Es sei bekannt gewesen, dass der nordafghanische Polizeichef Daud Daud, bis zu seiner Ermordung im Mai ein enger Partner der Bundeswehr, in den Drogenhandel verwickelt gewesen sei.
Das suggeriert Dramatik pur, bietet aber in Wirklichkeit nicht mehr als längst bekannte Binsenweisheiten. Sollte das Material echt sein, dann wäre das einzig wirklich Brisante daran die Erkenntnis, dass die US-Militärs, die Bundeswehr und wie es scheint auch die Nachrichtendienste offenbar bis jetzt keine Ahnung davon hatten, was sich seit Jahren im Land am Hindukusch abspielt. Zumindest muss man sich fragen, warum sie Erkenntnisse als streng geheim einstufen, die in den vergangenen Jahren mehr als einmal öffentlich diskutiert wurden.
Beispiel 1: "Wenn die Isaf-Truppen das Land verlassen, wird es Bürgerkrieg geben."
In einem Interview mit der Nachrichtenagentur DPA sagt Christoph Reuter, der ehemalige stern-Korrespondent in Afghanistan, im Mai dieses Jahres: Nach dem für 2014 geplanten Abzug der Truppen sei ein neuer Bürgerkrieg "leider die wahrscheinlichste Option".
Schon für eine Studie des afghanischen MRA-Instituts, die von der Nato in Auftrag gegeben worden war, und im August 2008 vom obersten Nato-Kommandeur in Afghanistan, US-General David McKiernan, vorgestellt wurde, waren mehr als 5600 Afghanen zur Sicherheitslage befragt worden. Im August 2005 hatten dabei noch 92 Prozent der Bevölkerung die Situation als "gut" eingeschätzt, nur sechs Prozent hielten sie für "schlecht". Drei Jahre später sahen nur noch 45 Prozent der Bevölkerung die Lage als "gut", 42 Prozent hielten sie für "nicht gut oder schlecht", 12 Prozent bezeichneten sie eindeutig als "schlecht". Bereits damals hatten die Entsender der Schutztruppen an einer Strategie für Afghanistan gefeilt, die sich mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg befasste.
Geändert hat sich seitdem nichts. Die internationale Hilfsorganisation "World Vision", die sich seit 2001 in Afghanistan engagiert, kommt aktuell zu dem Schluss, dass "die Militärstrategie nicht den beabsichtigten Erfolg erzielt hat". Seit 2006 habe sich die Lage Jahr für Jahr verschlechtert. Und: "Das größte Versäumnis war es, dass die internationale Gemeinschaft parallel bis heute keine umfangreiche zivile und langfristige Entwicklungsstrategie erarbeitet hat." Ekkehard Forberg, Experte für Friedensförderung und Anwaltschaftsarbeit bei World Vision appelliert an die Delegierten der Afghanistankonferenz: "Wir brauchen engagierte Politiker mit Weitblick. Bessere zivile Strukturen müssen aufgebaut und die Korruption muss landesweit bekämpft werden. Die Menschen brauchen Arbeit, gute Bildung und Hoffnung für eine friedliche Zukunft in ihrem Land. Mit Gewalt können keine positiven Veränderungen in den Köpfen der Menschen erreicht werden.“
Beispiel 2: "Nach dem Ende der Besatzung durch Isaf 2014, werden die Führer der Aufständischen", die sich nach Pakistan geflüchtet haben, "nach Afghanistan zurückkehren", heiße es in einem als geheim eingestuften Bundeswehr-Dokument.
Neu ist auch das nicht. Die radikalislamischen Taliban waren nach Einschätzung des internationalen Forschungsinstituts ICOS schon 2009 in fast ganz Afghanistan aktiv. Seit November 2008 seien sie in 80 Prozent des Landes "permanent" präsent, teilte der International Council on Security and Development (ICOS) 2009 mit. In weiteren 17 Prozent des Landes gebe es "substanzielle" Aktivitäten der Taliban. Die Ergebnisse der Untersuchung waren unter anderem in der "Süddeutschen"-Zeitung veröffentlicht worden. Was also ist daran jetzt im Jahr 2011 geheim?
Viel spannender ist die Frage, warum noch bis vor kurzem die offizielle Sprachregelung für den militärischen Einsatz am Hindukusch lautete, man müsse die radikalen Islamisten mit aller Härte bekämpfen, um den Weg für demokratische Strukturen in Afghanistan zu schaffen, während jetzt - auch von der Politik in Deutschland - immer unbefangener eine Einbeziehung der Taliban bei künftigen Entscheidungen gefordert wird.