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Warum sind in der Türkei plötzlich Zärtlichkeiten unerwünscht?

Geknutscht wurde auf türkischen Straßen noch nie sonderlich viel, doch selbst Händchenhalten gehört nun zu "unerwünschten Vorkommnissen" - selbst unter Verlobten. Die Sitten in dem Land werden spürbar straffer.

Von Raphael Geiger, Istanbul

Küssen Istanbul

Etwas, das türkische Sittenwächter nicht gerne sehen: Knutschen in der Öffentlichkeit

Diyanet, das türkische Amt für religiöse Angelegenheiten, möchte nicht, dass Verlobte in der Öffentlichkeit händehalten. Klar, sagt die Behörde in einer Fatwa, also einem Glaubensgutachten: Verlobte dürfen sich treffen und sich kennenlernen. Das allerdings sei nicht ohne Risiken, es könne zu "unerwünschten Vorkommnissen" führen. Etwa könnte das Paar auf die Idee kommen, schon vor der Hochzeit zusammenzuziehen. Allein ein "Flört", wie die Türken das Wort schreiben, könne schon zu Gerede und Gerüchten führen, und sei folglich zu vermeiden.

Früher war die Behörde liberal

Hält sich daran jemand? Manche junge Paare aus konservativen Familien sicher, wobei die auch jetzt schon nicht gerade auf der Straße knutschen. Die meisten holen alles nach, wenn sie allein sind - was laut Diyanet auch "unerwünscht" ist, vermutlich ahnen die Gutachter, was geschieht, wenn die Augen der Verwandtschaft nicht mehr auf den Verlobten liegen.

Die Behörde Diyanet stand früher für einen moderaten Islam. In letzter Zeit fällt sie mit eher skurril-reaktionären Gutachten auf. Es sind Empfehlungen, an die sich niemand halten muss, Millionen Türken lachen eher über sie, wie über das frühere Gutachten, laut dem das Tragen von Parfum in der Öffentlichkeit eine Sünde ist; oder jenes, das Alkohol zu trinken verbietet, den Gebrauch von alkoholhaltigem Putzmittel aber erlaubt.

Selbst Bier gibt es oft nur illegal

Diyanet untersteht der AKP-Regierung - die und Präsident Recep Tayyip Erdogan möchten die Türkei immer islamischer gestalten. Auch die Religionsbehörde wurde so über Jahre konservativer. Ihre Gutachten aber beeinträchtigen andersdenkende Türken weniger als die Politik der Regierung. Wer am alternativlosen Religionsunterricht nicht teilnimmt, bekommt inzwischen automatisch die schlechteste Note und damit einen schlechteren Zeugnisschnitt. Die normalen staatlichen Schulen sind schlechter ausgestattet als die ebenfalls staatlichen Imam-Hatip-Schulen, an denen sich fünf Pflichtfächer mit dem Islam beschäftigen. Auch nicht besonders religiöse Familien schicken ihre Kinder auf die Imam-Hatip-Schulen, wegen der besseren Qualität.

Ständig steigt die Steuer auf Alkohol, die Städte geben kaum noch Schanklizenzen für Bars aus. Oft steht Bier nicht mehr auf der Karte, man bekommt es aber noch immer - illegal, serviert in einer Kaffeetasse, damit es niemand bemerkt. Liberale Türken haben das Gefühl, dass ihr Land sich in die falsche Richtung bewegt. Vor den einzelnen Diyanet-Gutachten haben sie keine Angst, vor einem religiösen Staat schon.

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