Freiheit und Demokratie verspricht der US-Präsident dem gesamten Nahen Osten. Dabei weiß er noch nicht einmal, wie die Nachkriegsordnung im Irak aussehen soll. Stattdessen träumen seine Strategen schon von weltweiter Dominanz: Amerika will jeden Rivalen in die Knie zwingen

Präsident Bush demonstriert in Kampfmontur der "USS Enterprise" Entschlossenheit. Der Flugzeugträger ist Symbol der globalen Militärpräsenz, mit der er seine Pläne für eine neue Weltordnung umsetzen will© Chris Morris
Mit jedem Tag, den der Krieg gegen den Irak näher rückt, werden die Visionen des amerikanischen Präsidenten großspuriger. Und seine Minister schmallippiger. Denn während ihr Chef in imperialen Höhen schwebt, stecken sie in den Tiefen der Details fest. Im Schatten gewaltiger Sternenbanner sprach George W. Bush vergangene Woche von der Befreiung Iraks als "einem dramatischen und inspirierenden Beispiel", das der Welt "die Macht der Freiheit zeigt, wenn sie eine ganze Region verändert und in das Leben von Millionen Menschen Hoffnung und Fortschritt bringt".
Der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, einer der militantesten Verfechter eines Kriegs gegen den Irak, zog es dagegen im Kongress in Washington vor, über die Zahl der benötigten Truppen, die Dauer ihres Einsatzes und die Kosten jede Aussage zu verweigern: "Wir haben keine Ahnung, was wir wirklich brauchen, solange wir nicht vor Ort sind."
Und zwei Abteilungsleiter aus dem Außen- und dem Verteidigungsministerium mussten bei einer Anhörung vor einem Komitee des US-Senats zugeben, dass ihre Ressorts bei den entscheidenden Fragen zur Nachkriegsordnung über das Diskussionsstadium noch nicht hinausgekommen sind. Sie waren so sehr mit Grabenkämpfen über Amerikas Haltung zum Irak beschäftigt, dass sie keinen Plan für die Nachkriegsordnung, geschweige denn für einen Wiederaufbau vorlegen konnten. Washingtons Bürokraten sind sich nicht einmal einig darüber, ob nur jeweils die Top-Leute von Saddams Verwaltung ausgewechselt werden (wogegen die irakische Exil-Opposition heftig protestiert) oder auch die niedrigeren Ränge (was die Militärs ablehnen, weil sie ohne die Apparatschiks ein Chaos fürchten).

Auftakt zum "Krieg der Ideen": Eine Ehrengarde paradiert, bevor Präsident Bush vor dem American Enterprise Institute in Washington seine Visionen für den Nahen Osten darlegt© AP
Eine Regierung, die ihre Vorgänger im Amt unter Bill Clinton dafür ausgelacht hat, auf dem Balkan "nation building" zu betreiben, den Neuaufbau durch Krieg zerstörter Gesellschaften, muss nun erkennen, dass sie sich gewaltig verschätzt hat. Dass die 50 Milliarden Dollar, die sie einst für einen neuen Golfkrieg veranschlagt hat, bei weitem nicht ausreichen werden. Aus den 40 000 bis 50 000 Soldaten sind längst 100 000 bis 250 000 geworden, die nach Schätzungen des Militär-Experten Michael O' Hanlon von der Washingtoner Brookings Institution allein im ersten Jahr nach dem Sturz des irakischen Diktators in der irakischen Wüste Dienst tun müssen.
Weil der erste Tag nach dem Krieg noch im Dunkeln liegt, sprechen die Anhänger eines schnellen Angriffs lieber vom ersten Tag nach dem Ende des Friedens. Die gegenwärtigen Pläne für eine Invasion sollen den Irak "physisch, emotional und psychologisch erschüttern", sagt der Militärstratege Harlan Ulman. Die "Schock- und Überwältigungs-Strategie" soll einen Effekt haben "wie die Atombomben auf Hiroshima. Das dauert nicht Tage oder Wochen, sondern nur Minuten."
Mehr als 3000 Präzisionsbomben und Marschflugkörper werden in den ersten 48 Stunden zum Einsatz kommen, doppelt so viele wie in den 40 Tagen des Golfkriegs von 1991. Auch wenn diese Waffen nach offiziellen Angaben des Pentagon das Risiko für die Zivilbevölkerung so klein wie möglich halten sollen, erklärte ein Beamter des Verteidigungsministeriums dem Fernsehsender CBS: "Es wird keinen sicheren Ort in Bagdad geben. Das schiere Ausmaß dieses Angriffs hat es nie zuvor gegeben." Sollte es den Truppen der Amerikaner und der Briten gelingen, Saddam Hussein und seinen engsten Zirkel tatsächlich zu beseitigen und die Hauptstadt binnen kurzer Zeit in die Hände der Alliierten fallen, wäre der Krieg schnell gewonnen. Der Frieden noch lange nicht.