Im Iran wird der demokratische Protest Hunderttausender unterdrückt, doch der US-Präsident schweigt. Warum? Barack Obama will um jeden Preis die iranische Atombombe verhindern. Menschenrechte passen gerade nicht in seine Strategie. Die Welt erlebt jetzt den Machtpolitiker Obama, einen eiskalten Realo. Von Katja Gloger

Im Konflikt um die iranische Atombombe zeigt sich US-Präsident Obama auch von seiner harten Seite© Haraz N. Ghanbari/AP
Kaum jemand nutzt die Macht der Worte so wie er, Barack Obama. "Words matter", pflegt er zu sagen. Worte sind etwas wert. Mit der Kraft seiner Worte gewann er einen der härtesten Wahlkämpfe aller Zeiten. Die werbende Macht seiner Worte ließ er die Welt zuletzt in Kairo spüren, als unter der hohen Kuppel der altehrwürdigen Universität die Botschaft eines neuen Miteinanders mit der islamischen Welt verkündete. Und das wichtigste, das größte seiner Worte war stets: Hoffnung. Die Hoffnung auf selbstbestimmte Veränderung.
Eine Hoffnung, die gerade Hunderttausende junger Iraner auf die Strasse treibt. Eigentlich müssten die Demonstranten, müsste die Welt jetzt ein paar wichtige Worte von Barack Obama hören, dem Führer der freien Welt.
Doch es herrscht merkwürdige Stille. Da dringen Töne eines Jazz-Workshops für Jugendliche aus dem Weißen Haus, aber keine klare Stellungnahme zum vermuteten Wahlbetrug im Iran. Bestenfalls ringt sich Obama zu ein paar Allgemeinplätzen durch: "Ich bin sehr beunruhigt." Oder: "Es gibt Menschen im Iran, die mehr Demokratie sehen wollen. Wie sich dies in den kommenden Wochen entwickelt, kann nicht vom amerikanischen Volk entschieden werden." Von Wahlfälschung, Betrug, den mindestens acht Toten, den Dutzenden Verletzten - bislang kein Wort.
Da ist er gerade mal ein paar Monate im Amt, und schon scheint er bereit, seine Ideale auf dem Altar der Realpolitik zu opfern? So sehen es zumindest die ewigen Rechthaber, und der Kommentator des stramm konservative "Wall Street Journal" gehört stets gerne dazu: "Der Mann, der, sagt, dass Worte wirklich etwas wert sind, weigert sich, ein Wort der Unterstützung an das iranische Volk zu richten. Nach diesem Maßstab hätten die USA ja niemals sowjetische Dissidenten unterstützen dürfen, denn das hätte ja vielleicht die Abrüstungsverhandlungen gestört." Und - fast noch schlimmer für einen überzeugten amerikanischen Patrioten rechter Gesinnung - da sei der französische Präsident mit Kritik am Wahlbetrug voranmarschiert. Ausgerechnet ein Franzose, Lieblingsfeind seit dem Unabhängigkeitskrieg - und der ist schon über 200 Jahre her! Und der republikanische Senator John McCain konnte mal wieder so richtig ausholen: "Der Präsident sollte klar und deutlich sagen, dass dies eine korrupte Wahlfarce ist", tönte er.
Ist Barack Obama also doch ein Machtpolitiker, einer von denen da oben? Interessengetrieben, pragmatisch, eiskalt? Ja. Ist er. Obama weiß, was er will. Er ist geduldig, er ist freundlich, er ist vorsichtig, auch kooperativ. Und vor allem ist er knallhart.
Denn in der Iran-Frage steht zuviel auf dem Spiel, viel zuviel. Vielleicht sogar ein Krieg. Es scheint paradox: die demokratisch gesinnten Demonstranten in den Straßen der iranischen Städte durchkreuzen da gerade Obamas Iran-Zeitplan.
Hinter den Kulissen versuchen sich die beiden Länder seit Monaten in einer von tiefem Misstrauen geprägten Annäherung. Obama hat eine Offensive des guten Willens ausgerufen. Seit 30 Jahren, seit dem Geiseldrama in der US-Botschaft in Teheran, befinden sich die USA in einer Art unerklärtem Kriegszustand mit dem Iran. Für den Iran gilt dies seit 58 Jahren: damals putschte sich der Schah mit Hilfe der CIA auf den Pfauenthron.
Jetzt aber scheint es, als ob die beiden Länder langsam aus ihrer Erstarrung erwachten. Und dabei übertreffen sie sich in hintergründiger Symbolik. Im März eröffnete Obama den Reigen mit seiner Neujahrsansprache an das iranische Volk - eine Aufforderung zum Dialog. Seine wahre Botschaft an die iranische Führung aber lautete: Absage an die Bush-Ideologie des "regime change". Bereitschaft zu Verhandlungen mit der islamischen Führung. Und so klingt Obama auch in diesen Tagen: Er achte die Souveränität des Iran, sagt er.
Eine Woche später nur, Ende März, so weiß das Nachrichtenmagazin "Time" zu berichten, sprach ein amerikanischer Diplomat auf neutralem Moskauer Boden mit einem iranischen Kollegen über ökonomische Fragen. Kurz darauf soll der Sondergesandte Richard Holbrooke die Hand eines stellvertretenden iranischen Außenministers geschüttelt haben. Als ob dies schon zuviel der Annäherung sei, musste der Iraner dementieren, dass es zu einem handshake kam. Aber dann ließ Teheran die amerikanische Journalistin Roxana Saberi frei, die man wegen angeblicher Spionage zu acht Jahren Gefängnis verurteilt hatte. Ein Test, hieß es in Teheran. Zuletzt, so berichtet "Time", soll Teheran auch grünes Licht für die Reise eines US-Diplomaten in den Iran gegeben haben. Die soll - bislang - im Sommer stattfinden.
Vor allem aber erklärte sich die Obama-Regierung vor zwei Monaten bereit, ohne weitere Vorbedingungen mit dem Iran über das Nuklearprogramm zu verhandeln. Das schien bislang so gut wie unmöglich: Die Aufhebung der Urananreicherung galt als Grundvoraussetzung.
Katja Gloger Die Wirtschaftskrise hat eine Welt fest im Griff, die auch ohne sie vor einer Neuordnung steht. Vor allem seit Barack Obama ins Weiße Haus eingezogen ist. Wie Amerikas Präsident die Welt verändern will, wer in Russland um die Macht kämpft, warum China das 21. Jahrhundert bestimmen könnte und worüber die Mächtigen dieser Erde hinter den Kulissen sonst noch rangeln, darüber schreibt stern-Autorin Katja Gloger in der stern.de-Kolumne "Was die Welt bewegt". Katja Gloger hat als Korrespondentin jahrelang für den stern aus Washington und Moskau berichtet.