Bei seinem Besuch in der Türkei umwarb Barack Obama das Land, als ob er ein Verkäufer türkischen Honigs sei. Kein Wunder, denn Ankara ist ein Joker im geopolitischen Spiel der USA. Dabei geht es nicht nur darum, islamische Herzen zurückzugewinnen. Von Katja Gloger

Sanfter Auftritt auf blauem Teppich: Barack Obama hat die Türkei im Sturm erobert© Jason Reed/Reuters
Okay, der Mann hatte zugehört, geduldig zugehört. Vielen zugehört. Er hatte Verantwortung für die Weltwirtschaftskrise auf seine schmalen Schultern geladen, dann ein paar Kompromisse unter zankenden Staatenlenkern vermittelt, und seine Frau Michelle hatte selbst die hartgesottene Queen verzückt. Barack Obama wollte Vertrauen schaffen, ein neues, vielleicht bescheideneres Amerika vorstellen - und um der lieben Einigkeit mit diesen merkwürdigen Europäern zuliebe hatte er auf Forderungen nach mehr Geld für die Konjunktur, nach mehr Soldaten für Afghanistan verzichtet. Und sorgte mit seiner ebenso schönen wie unrealistischen Vision von einer atomwaffenfreien Welt auch noch für die massengerecht verpackte Vision. Yes. We. Can.
Da schält sich so etwas wie eine Anti-Bush Doktrin heraus, pragmatisch, auf Gemeinsamkeiten abgestellt. Lieber Konsens als Krise, lieber Gruppenfoto als Gezanke. Obama erhielt wenig echte Unterstützung, aber er wurde wenigstens ordentlich zurückgeliebt von den Europäern, und selbst die sonst so ergebnisorientierten Amerikaner ("Und was springt für uns dabei heraus?") fühlten sich zum ersten Mal seit Jahren wieder von der Welt gemocht. Obama betreibe Diplomatie der kuscheligen Gruppenumarmung, heißt es in Washington.
Soweit das Augenfällige. Den wichtigsten Teil seiner Reise aber hatte sich Präsident Obama zum Schluss aufgespart: seinen Staatsbesuch in der Türkei - gleich zwei Tage lang. Er hatte diese letzte Station seiner ersten Auslandsreise erst angekündigt, als er wusste, dass er von den Europäern keine Zugeständnisse in Sachen Finanzen, in Sachen Afghanistan bekommen würde.
Und er umwarb das Land, als ob er selbst ein Verkäufer türkischen Honigs sei. Handelte mit Verve den Kompromiss aus, mit dem der Däne Rasmussen seinen Job als Nato-Generalsekretär erhielt: Als Preis bekommt das Nato-Mitglied Türkei einen Stellvertreter-Posten. Und vielleicht wird jetzt auch der kurdische TV-Sender Roj TV geschlossen, der von Dänemark aus sendet. Er vermied das "G-Wort", den Genozid, den Völkermord an den Armeniern 1915. Auch in den USA täte man sich schwer mit "unserem Erbe der Behandlung der eingeborenen Amerikaner", säuselte er verständnisvoll - und pries den Beginn einer neuen diplomatischen Ära zwischen Armenien und der Türkei.
Mehr noch: Deutlich, überdeutlich wiederholte Barack Obama die Forderung seines Vorgängers George W. Bush nach einer Aufnahme der Türkei in die EU. Der eigentliche Sieger der ersten Obama-Reise nach Europa heißt Türkei.
Katja Gloger Die Wirtschaftskrise hat eine Welt fest im Griff, die auch ohne sie vor einer Neuordnung steht. Vor allem seit Barack Obama ins Weiße Haus eingezogen ist. Wie Amerikas Präsident die Welt verändern will, wer in Russland um die Macht kämpft, warum China das 21. Jahrhundert bestimmen könnte und worüber die Mächtigen dieser Erde hinter den Kulissen sonst noch rangeln, darüber schreibt stern-Autorin Katja Gloger in der stern.de-Kolumne "Was die Welt bewegt". Katja Gloger hat als Korrespondentin jahrelang für den stern aus Washington und Moskau berichtet.