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10. September 2009, 18:32 Uhr

Propaganda wie zu Sowjetzeiten

Es steht nicht zum Besten mit der Pressefreiheit in Russland. Nicht alle Journalisten müssen um ihr Leben fürchten, die Methoden der Kontrolle sind subtiler. Und die Spielregeln den meisten bekannt. Von Katja Gloger

Russland, Presse, Reporter ohne Grenzen, Sotschi

Blick über Sotschi: Die 20-Milliarden-Dollar-Stadt wird um jeden Preis Olympische Spiele ausrichten© Peer Grimm/DPA

Zum Beispiel Sotschi, die Ferienstadt am warmen, Schwarzen Meer, 330.000 Einwohner groß. Kieselsteinstrände, die berühmte Promenade, in den grünen Bergen oberhalb der Küste liegt die weitläufige Sommerresidenz des russischen Präsidenten. Die Hotels sind teuer; hier Urlaub zu machen, kostet meist mehr als eine Pauschalreise in die Türkei.

Nun ist der Kurort Sotschi bekanntermaßen der Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. Die Spiele haben Top-Priorität auf der Propaganda-Agenda des Kreml, man will der Welt das neue Russland demonstrieren, Putins Russland. Die Spiele finden statt, "um jeden Preis", wie Ministerpräsident Putin gesagt haben soll.

Vom gemächlichen Ferienort zum politischen Brennpunkt

Und das macht den einst so gemächlichen Ferienort zu einem politischen Brennpunkt. Es geht um bis zu 20 Milliarden Dollar, der geschätzte Etat für die Spiele. Und weil es um sehr viel Geld geht, geht es natürlich auch um Korruption, um Schiebereien, es geht um Macht und um Kontrolle. Um Kontrolle etwa über die Medien.

Es steht nicht zum Besten mit der offiziell so vielbeschworenen Pressefreiheit in Russland. Kritische Journalisten leben gefährlich, seit Putins Machtantritt im März 2000 wurden mehr als 20 Journalisten ermordet, die kluge, mitfühlende Reporterin Anna Politkowskaja von der Nowaja Gaseta war das prominenteste Opfer. Keines der Verbrechen ist bislang wirklich aufgeklärt.

Nun müssen nicht alle Journalisten in Russland um ihr Leben fürchten, nicht alle werden bedroht oder erpresst oder ins Gefängnis geworfen. Es geht ja auch anders. Die Methoden der Kontrolle und Manipulation sind subtiler. Die Spielregeln sind den meisten bekannt - es sind die Propaganda-Methoden der einstigen Sowjetunion.

Bericht von "Reporter ohne Grenzen"

Ein Team der Organisation "Reporter ohne Grenzen" hat sich in Russland umgesehen. Wollte die Arbeit der Presse im weiten Land erkunden, wollte wissen, wie es um die Meinungsfreiheit bestellt ist in einem Land, dessen Machthaber sich brüsten, die "gelenkte Demokratie" erfunden zu haben.

Nun ist ihr Bericht über die Arbeit von Journalisten und Medien in Russland veröffentlicht worden, "Helden und Handlager" heißt er, und er liefert ein differenziertes Bild, denn von Region zu Region, von Stadt zu Stadt ist die Lage unterschiedlich. Da gibt es Städte, in denen Berichte über korrupte Beamten möglich sind und andere, in denen Reporter gefeuert werden, wenn sie nur daran denken. Das Muster aber kehrt überall wieder: wie frei Berichterstattung sein darf, hängt von der Gnade der Mächtigen vor Ort ab. Meist muss sich der Kreml gar nicht einmischen. Die vom Kreml bestellten Gouverneure vor Ort wissen meistens, was zu tun ist.

Viele Medien gehören der Orts- oder Regionalverwaltung

Denn viele Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen gehören ohnehin der jeweiligen Orts- oder Regionalverwaltung. Die Kontrolle über private Medien wird meist gekauft: Dabei sichern so genannte "Informationsverträge" den Einfluss, wie Reporter ohne Grenzen beschreibt. Diesen Verträgen zufolge dürfen Stadt- und Kreisverwaltungen "Empfehlungen zum Inhalt und zur künstlerischen Qualität" geben. Im Klartext: die jeweiligen Presse- und Propagandaabteilungen liefern fertige Artikel, Fotos, Videos zur Veröffentlichung. Dafür gibt es im Gegenzug Werbung oder gleich Bares. Auf dieses Geld sind die Meisten angewiesen. "Wer die Musik bezahlt, bestimmt eben, was gespielt wird." Und wahr ist auch: Journalisten lassen sich bezahlen, liefern bestellte Artikel ‚ mal PR für einen Politiker, mal übelste Verleumdungsartikel gegen einen Konkurrenten. "Sakasucha" heißt diese Form des russischen Journalismus. Ein Wort mit bitterem Beigeschmack. Bestelltes Zeug.

Wirklich unabhängige Zeitungen, keinem Auftraggeber verpflichtet? Nach Schätzung der "Allianz der unabhängigen russischen Verlage" sind es vielleicht 70 im ganzen Land. 70 von offiziell mehreren Tausend Medien. Meist zu kleineren Verlagen gehörend, finanzieren sie sich mit Werbebroschüren, Hochglanzmagazinen, Kalendern, Büchern, Stipendien. Sie trotzen den lokalen Machthabern, dem täglichen Druck, sie lassen sich nicht einschüchtern - und lassen geduldig die Steuerfahndung über sich ergehen. Denn zu kritischen Journalisten kommt die Steuerfahndung immer. Auch dies gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen der Medien in Russland.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie die "Vertikale der Macht" funktioniert und warum Lobeshymnen auf den "geliebten" Gouverneur gehalten werden müssen

Seite 1: Propaganda wie zu Sowjetzeiten
Seite 2: Lobeshymnen auf den "geliebten" Gouverneur
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
Josh67 (12.09.2009, 14:57 Uhr)
STR_EDDS
Sorry wenn ich Sie kritisieren muss.
Meiner Meinung nach sind die Zustände auch in Userem Land ähnlich wie in Russland oder China, zumindest was die Wirkung betrifft.
Natürlich ist das hiesige System wesentlich feiner und subtiler.
Kaum jemand merkt es, das ist der Unterschied!
Es wird aber im Endeffekt das Volk genauso propagandistisch bedient wie in Russland oder China (als Beispiel).
Ich meine hierzulande ist man im Beeinflussen noch ein ganzes Stück weiter.

Denke Sie mal darüber nach.

Schönes Wochenende :)
Josh67 (12.09.2009, 14:48 Uhr)
Lol...
die "freie" deutsche Presse schreibt über Pressefreihiet der Russen.
Ich lach mich tot!
Lieber Stern warum schreibt Ihr nicht mal über die hiesige Situation der Medien.
Wem gehören Sie und wie frei sind Sie?
Sie kennen ja den Spruch"Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe",oder?
gute Nacht
Popobawa (12.09.2009, 14:35 Uhr)
@STR_EDDS
War ich schon, kein großer Unterschied zu hier, eigentlich überhaupt keiner. Der Mehrheitswillen wird mit Füßen getreten als unliebsamer Journalist kannst du hier auch lange einen Job suchen. Statt rechtsextreme hast du hier linksextreme die gezielt gefördert werden. Keine Verschwörungstheorie das ist offiziell, für die Bekämpfung von Linksextremismus gibt es in Deutschland kein Geld, wie schade aber über die Vereinigung von Naschi in Russland meckern. Eigentlich lassen sich die parallelen beliebig fortsetzen aber wenn man das nicht sehen will sieht man das auch nicht, ist in Russland auch, Die Zustände sind kein Geheimnis aber der allgemeine pöbel nimmt es einfach hin oder ignoriert sie.
RDUKE7777777 (12.09.2009, 14:29 Uhr)
Wer im Glashaus sitzt...
.... Die Pressefreiheit ist weltweit in Gefahr. Mit dem Finger auf Nationen zu zeigen, in denen es um die Pressefreiheit NOCH SCHLECHTER gestellt ist, wirkt sehr erbärmlich. Gut, dass die dubiosen Machenschaften aufgezeigt werden, aber wie wäre es beispielsweise mit einer Stellungnahme über die ominösen Schweinegrippe-Panikberichte? Wer hat die geschrieben? Oder warum wurde in keinem Medium in Deutschland jemals über die Bilderberg-Konferenz berichtet???

Erst mal vor der eigenen Haustür kehren...
STR_EDDS (12.09.2009, 14:05 Uhr)
Na dann -
ab nach Russland, liebe Systemkritiker. Mag sein dass unsere Presse (wie jede Presse auf der Welt, egal in welchem Land) tendenziös ist. Aber diesen Zustand mit dem in Russland (China, div. mittelam. Länder, etrc) zu vergleichen, ist schon mehr als absurd. War jedoch vollkommen klar, dass einmal wieder die Systemkritik am eigenen Land an erster Stelle steht. Und alleine diese Tatsache, straft die Verschwörungstheoretiker Lügen.
jetrabbit (12.09.2009, 13:36 Uhr)
durch den spiegel schauen
im stern erscheint ein freigegebener artikel zu afghanistan, in dem 99% der meinung sind, deutschland soll raus. am nächsten tag erscheint eine meinungsumfrage in dem angeblich die mehrheit der deutschen krieg in afghanistan befürworten... allerdings ohne kommentarfunktion. lol.
Popobawa (12.09.2009, 13:28 Uhr)
Ein schöner Spiegel
ist vermutlich hier auch nicht viel anders, wie sonnst kann man sich den Mainstreammist hier erklären. Um mal was kritisches zu lesen bleiben nur noch Blogs und kleine Medienvertreter übrig. Alles Klima-, Gender-, Afghanistan (seit Jahren ist das Elend und die Ineffizienz
bekannt) kritische kommt gar nicht erst vor. Einige Zeitung alla Bild betreiben nur noch Wahlwerbung für CDU und versuchen fleißig die anderen Parteien in den Dreck zu ziehen (wem wundert es so wurde der Chef doch als wichtiger Vertretet der Medien bei Merkel empfangen zur dicken Fete), so eine Art gelenkte Demokratie...
facilidad_de_ser (12.09.2009, 12:46 Uhr)
Wie sieht es denn mit...
...der Pressefreiheit in Deutschland aus? Ist die hier wirklich gegeben? Oder wird den Presseorganen in D nicht ganz genau vorgeschrieben, was man verschleiern soll und worüber bitte nicht berichtet werden soll?

Wieso ist denn auf stern.de bei so vielen Artikeln die Kommentar Funktion deaktiviert worden? Sind das Artikel bei denen eine eigene Meinung unerwüscht ist?
Viper2024 (12.09.2009, 12:39 Uhr)
Das geht doch gar nicht...
...schließlich handelt es sich doch nach Aussage ranghoher SPD-Mitglieder (und wohl auch der Linken) bei Putin um einen lupenreinen Demokraten. Wie passt denn da so ein Artikel ins Bild?
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