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"Und dann sagten sie: Heute lernt ihr zu foltern"

Er wurde gezwungen, Frauen zu vergewaltigen und Männer zu verstümmeln. Washington Mabada, 22, war Folterknecht im Dienste von Simbabwes Präsident Robert Mugabe. Dann konnte er fliehen. Seither sind ihm seine früheren Kollegen auf der Spur.

Von Marc Goergen

Es gibt sie, diese kurzen Momente, in denen Washington Mabada nicht älter wirkt, als er ist. Seine Stimme wird ein paar Töne höher, und begeistert erzählt er etwa von seiner Leidenschaft, dem Fußball, von den drei Spielen in Simbabwes U-17-Nationalmannschaft, von seinem einzigen Tor, "und einem Elfmeter, aber den zähle ich nicht". Die Augen werden größer, die Falten verwandeln sich in Grübchen. Ein 22-Jähriger mit einem Jungsgesicht in einem Einfamilienhausgarten in Namibias Hauptstadt Windhuk. Bis ein Auto vorbeifährt, vielleicht eine Spur langsamer als üblich. Plötzlich, als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte, beginnen die Eiswürfel in seinem Glas zu klirren. Zitternde Hände stellen das Wasser auf den Tisch, das Lachen ist weg, die Augen wandern hektisch umher, suchen den Garten ab nach Türen, Durchgängen, möglichen Verstecken. Eineinhalb Jahre lang stand Washington Mabada in den Diensten des Geheimdienstes von Simbabwe CIO (Central Intelligence Organisation). Er war Werkzeug des diktatorischen Regimes von Staatspräsident Robert Mugabe, er folterte und mordete, und seine Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Nur ihr Anfang ist klar zu fassen. Jener Tag, als Mabada den Bus bestieg, der ihn aus Simbabwes Hauptstadt Harare zum Trainingscamp des "National Youth Service" ins nahe gelegene Bindura bringen sollte.

Es ist ein kühler Morgen im Juli 2005. Zum ersten Mal in seinem Leben hat Mabada so etwas wie Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Seit die Eltern vor Jahren an Aids gestorben sind, ist er der Ernährer der vier Geschwister. Autos waschen, Botengänge, mal eine Fahrradreparatur. Seine Noten sind gut, "ehrlich, fleißig, hart arbeitend" steht im Zeugnis, er will studieren - aber mit welchem Geld? Jetzt endlich eine Chance. Ein Bekannter hat ihm gesagt: Verpflichte dich für ein halbes Jahr zum "National Youth Service", danach bezahlen sie das College.

Alles scheint ein großes Abenteuertraining

Und tatsächlich beginnt alles gut. 2001 hat Simbabwes Präsident Robert Mugabe den "National Youth Service" ins Leben gerufen. Gleich einer Art Hitler-Jugend soll darin der Nachwuchs des Landes ideologisch auf Kurs getrimmt werden. So hört auch Mabada stundenlange Vorträge über den Kolonialismus der Weißen, den Freiheitskampf der Schwarzen, er robbt unter Hindernissen, schläft mit 20 anderen im Saal. Alles scheint ein großes Abenteuertraining, selbst Freunde findet Mabada schnell. Gideon zum Beispiel, er liegt neben ihm. Nächtelang diskutieren sie über Fußball. "Shorti" - Kurzer - neckt Mabada den kleinen Gideon, der nennt ihn "Napi", von "Napkin" - Windel -, weil Mabada gern zwei Hosen übereinander trägt.

Das Pfadfinderspiel endet an einem Nachmittag im September. Ein Ausbilder ruft Mabada, Gideon und zwei andere zu sich. "Schon mal was mit einem Mädchen gehabt?", fragt er. Die vier schütteln den Kopf. Der Ausbilder führt sie in ein Nebenzimmer. Auf einem Tisch liegt eines der Mädchen des Camps, es ist vielleicht fünfzehn Jahre alt. Es ist nackt, Arme und Beine sind mit Handschellen an den Tisch gekettet. Während es schreit und an den Fesseln rüttelt, verteilt der Ausbilder Joints. Bei den ersten Zügen hustet Mabada noch, doch bald vernebeln Marihuanawolken den Raum. Schließlich sagt der Vorgesetzte: "Sie hatte Bürodienst und wollte heimlich telefonieren. Ihr seid die Strafe." Washington Mabada ist der dritte. Da hat das Mädchen schon aufgehört zu schreien.

"Warum habt ihr uns dazu gezwungen?"

Erst spät in der Nacht lässt die Wirkung des Marihuanas nach. Mabada und Gideon liegen wach im Schlafsaal. Sie wollen fliehen. Sie rennen los, über den Trainingsparcours, übers Fußballfeld - bis die Hunde anschlagen. Mittlerweile ist es fünf Uhr, und noch während der Morgen graut, werden sie zu Schlägen verurteilt. Mabada ist der Erste. Er gibt sich reumütig, kommt mit 20 Hieben davon. Dann Gideon. Seine Hände werden über dem Kopf an eine Stange gebunden. Immer wieder schreit er: "Warum habt ihr uns dazu gezwungen?" Dann schlagen sie zu, mit Besenstielen, Eisenstangen, Seilen. Als man ihn nach einer halben Stunde losbindet, fällt sein Körper leblos zu Boden. Es ist das Letzte, was Mabada durch seine verweinten Augen von "Shorti" sieht.

In der Gartenidylle von Windhuk rinnen die Tränen wieder Mabadas Wangen hinab. Er unterbricht seine Erzählung, geht umher. Vögel tschilpen auf den Bäumen, und vom blauen Himmel strahlt warm die Sonne. Er scheint es kaum zu bemerken. Sein Blick ist leer. Er lässt seine Finger knacken. Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger, kleiner Finger. Dann kommt er zurück, von wo auch immer, und wischt sich die Augen trocken.

Häscher sind ihm auf der Spur

Seit einem halben Jahr ist Mabada nun auf der Flucht. Eine namibische Familie kümmert sich neuerdings um ihn. Sie versteckt ihn unter falschem Namen in Pensionen, Hotels, Wohnungen. Mugabes Häscher sind ihm auf der Spur. Sie hören Leitungen ab, beschatten seine Helfer und drohen am Telefon. Schon ein paarmal ist er den Agenten nur knapp entkommen, und erst vor wenigen Tagen hat ein Kommando nachts die Fenster der 72-jährigen Großmutter seiner heimlichen Beschützer eingeschlagen und Mabada zu verschleppen versucht. Er konnte die Verfolger überwältigen.

Vieles klingt wie aus dem Drehbuch eines schlechten Films, auch Beweise hat Mabada für seine Geschichte nur wenige. Aber wenn man die zerschlagenen Fenster sieht und die Beschatter an der Straßenecke, glaubt man nicht mehr an einen Agententhriller. Menschenrechtler bestätigen die Existenz von geheimen Gefängnissen und Folterkommandos. Und schon nach wenigen Gesprächen mit Mabada melden sich anonyme Stimmen am Telefon und warnen: "Wir beobachten dich."

"Wir ziehen an den Schnüren, ihr tanzt!"

"Was ich erzähle, ist die Wahrheit", sagt Mabada langsam, "wenn ich sterbe, soll die Welt wissen, was ich getan habe." Im November 2005, ein paar Wochen nach dem Tod Gideons, wählen Vorgesetzte Mabada für ein Sonderprogramm aus - ob er will, schert keinen. Als er einmal Nein sagt, bekommt er zu hören: "Dafür ist hier kein Platz! Wir ziehen an den Schnüren, und ihr tanzt!" Das Training wird härter, die Ideologielektionen werden länger, bis man ihn eines Morgens mit drei anderen nach Harare ins Hauptquartier der Regierungspartei Zanu-PF bringt. Sie fahren ins zweite Untergeschoss, in die ehemalige Tiefgarage des Hochhauses. Plötzlich öffnet sich per Fernbedienung eine verborgene Tür in der Betonwand, dahinter erstreckt sich ein Korridor. Die vier Jugendlichen werden hineingeführt. Als das Licht flackernd angeht, sehen sie hinter Gittern zehn verdreckte Gesichter mit Bärten, darunter auch ein Weißer. "Politische Gefangene", sagt ihr Begleiter. Sonst spricht niemand ein Wort.

Ein paar Minuten lang lässt man sie im Trakt stehen, dann bringt man sie wieder hinaus. Gespräche mit Offizieren folgen, Belehrungen und Drohungen, Übergabe der Dienstausweise des "Ministry of State Security". Aus Washington Mabada, Aidswaise, 20 Jahre, begeisterter Fan des FC Bayern, von Chelsea und Milan, wird die Dienstnummer 18026. Er und die anderen drei Jungen sind jetzt die Geheimdiensteinheit "Charlie 4". Eine Zelle des Terrors.

Er lernt zu töten

Die ersten Missionen sind, für die Verhältnisse Simbabwes, fast harmlos. Sabotage an Bahnstrecken (die der Oppositionspartei MDC angelastet werden), Anschläge auf Häuser von Zanu-PF-Funktionären (ebenfalls der Opposition zugeschrieben). Doch nach und nach gerät Mabada immer tiefer in das Netzwerk des Terrors. Er trainiert, Gegner mit einem Kniestoß an die Lendenwirbelsäule minutenlang zu lähmen, lernt, sie mit einem Schlag auf den Kehlkopf zu töten und erhält Zutritt zu den geheimen Gefängnissen des Landes: modrige Kammern unter Falltüren auf abgelegenen Farmen, ganze unterirdische Zellenblöcke unter Betonplatten, die sich per Hydraulik öffnen.

Die Einheit "Charlie 4" bewohnt ein Apartment im Zentrum von Harare. Das gesamte achtstöckige Gebäude gehört dem Geheimdienst, auch andere Teams sind hier untergebracht. Es mangelt an nichts. Jeden Morgen bringt jemand frisches Brot, im Kühlschrank gibt’s Milch und Fleisch; Gin, selbst Marihuana ist reichlich vorhanden: Boten liefern das Rauschgift in Plastiktüten à 20 Kilo. Zwischen den Aufträgen hängen die vier auf den Sofas herum, trinken, kiffen, legen eine der DVDs ein, die man ihnen dagelassen hat: eine mit Zanu- PF-Liedern, eine mit einer Mugabe- Rede. Manchmal organisiert jemand ein paar Nutten. Über die Arbeit reden sie nicht. Die Wohnung wird abgehört.

Mabada teilt sein Zimmer mit Georg e. In der Nacht holen sie eine Bibel hervor. Schweigend umkritzeln sie einzelne Sätze, reichen das zerfledderte Buch dann im Schein einer kleinen Lampe von Matratze zu Matratze. Manchmal sind es einfache Weisheiten, manchmal geht es um das Leben nach dem Tod, meist aber um Sünde und Vergebung: "Wolltest Du sagen: Gott weiß von uns nichts?", umkreist Mabada eines Abends im Buch der Sprüche, "Hat er, der die Herzen prüft, keine Kenntnis? Hat er, der über Dich wacht, kein Wissen? Ja, er vergilt jedem Menschen, wie sein Tun es verdient."

Auf dem Boden getrocknetes Blut

Es ist mittlerweile Januar 2006, als Ausbilder die vier Jugendlichen in einem der Befragungszimmer ihres ehemaligen Traningscamps in Bindura erwarten. In der Mitte steht ein Tisch, davor ein Stuhl mit Fesseln. Auf dem Boden getrocknetes Blut. Sie sagen: "Heute lernt ihr zu foltern." Ein Mann wird hereingebracht, er trägt den Khaki-Dress eines Gefangenen. "Niemand wird ihn vermissen", sagt ein Ausbilder. Tassen werden mit Schnaps gefüllt, Joints gedreht, dann verprügelt der Trupp "Charlie 4" den Unbekannten. Als er bewusstlos wird, schleppen sie das Bündel Mensch in eine Ecke.

Bald liegt ein zweiter Gefangener in der Ecke, seine Füße schwarz von Schlägen mit einer Rute - "Stufe zwei", sagen die Ausbilder, "schlagt dort, wo es besonders wehtut." Nach dem dritten Geschundenen füllt Brandgeruch von Elektroschocks den Raum, und noch immer ist die Tortur nicht zu Ende, noch immer gehen Gin und Joints von Hand zu Hand, noch immer wird ein weiterer Gefangener hereingebracht. "Wir wussten gar nicht mehr, was wir taten", sagt Mabada, "wir waren total zugedröhnt, und die Ausbilder schrien immer nur: 'Seid wie wilde Tiere! Seid wie wilde Tiere!'"

Er reißt ihm die Hoden vom Körper

Der vierte Gefangene wird in den Raum gezerrt. Man bindet ihn auf den Tisch und schneidet ihm Hose und Hemd vom Körper. Ein Ausbilder nimmt aus einem Werkzeugkasten eine Zange. Dann kneift er ein Stück aus dem Ohr des Häftlings. Der rüttelt an seinen Fesseln, schreit verzweifelt, bis ihm ein Ausbilder ein Band über den Mund klebt. Anschließend geht er um den Tisch herum und reißt die Hoden des Mannes von dessen Körper.

Es ist Nachmittag geworden in Windhuk, langsam senkt sich die Sonne und färbt den Himmel rot. Washington Mabada trinkt inzwischen Weißwein, noch immer klirren die Eiswürfel in seinem Glas. Er nimmt eine Beruhigungstablette. Zwei Wochen lang war Mabada schon in einer namibischen Psychiatrie - seine Helfer hatten ihm unter der Hand den Platz besorgt. Seine Seele erholt sich nur langsam. Selbst sein eigenes Foto erkannte er anfangs kaum wieder.

Im Traum trifft er seine tote Mutter

Und fast jede Nacht kommen die Träume. Er sieht seine Verfolger, seine Opfer, manchmal auch seine Mutter. Als sie im Sommer 2002 starb, schloss Mabada ihr die Augen und zog das Laken über ihr Gesicht. Jetzt trifft er sie nachts wieder. Sie steht auf dem anderen Ufer eines Flusses und hält ihm einen Stock hin. Aber so sehr sich Mabada auch streckt, er kann ihn nicht erreichen. In einer Art Selbsttherapie hat er seine Erfahrung als Folterscherge aufgeschrieben. Eine abgegriffene Kladde mit 50 Seiten, eng beschrieben, die Schrift ist flüssig geschwungen, fast scheint sie zu schön für all diese Worte des Grauens, all diese "Verhörraum", "Foltermethode", "Brandbombe".

Sonst besitzt Mabada kaum etwas. Kurz bevor er sich absetzte, gelang es ihm, aus dem Haus des CIO-Chefs Didymus Mutasa Dokumente mitzunehmen, darunter auch Spionageberichte über den amerikanischen Botschafter. Doch schon auf einer der ersten Etappen seiner Flucht, in der namibischen Küstenstadt Lüderitz, stahlen Agenten die Dokumente aus seinem Zimmer. Nur durch Zufall war er selbst gerade nicht im Haus. Alles, was ihm jetzt gehört, haben ihm mutige Helfer überlassen. Ein paar Hosen und Hemden, eine Tasche. Nur eine Plastikmappe hat er aus Simbabwe gerettet. Darin steckt die Kopie seines Passes, die Sterbeurkunden von Vater und Mutter, ein Schulzeugnis, ein nutzlos gewordener Empfehlungsbrief seines Lehrers. "Eine Person, die den Wert von Disziplin erkennt und deren Brauchbarkeit im normalen Leben", steht dort. Die Worte scheinen wie Hohn auf alles, was Mabada erleben musste.

Inflationsrate über 1000 Prozent

Das Jahr 2006 vergeht. In Harare wird es Frühjahr, Sommer, Herbst, die Wirtschaftslage des isolierten Simbabwe verschlechtert sich von Woche zu Woche, die Inflationsrate steigt auf über 1000 Prozent, doch am Alltag von "Charlie 4" ändert sich wenig. Sie terrorisieren Oppositionspolitiker, stören deren Versammlungen oder übernehmen Wachdienste in Häusern von Funktionären. Alle paar Wochen patrouillieren sie in Zivil über die Märkte der Stadt, und jeder muss abends drei Verhaftungen vorweisen können. Willkürlich nehmen sie Menschen auf der Straße fest.

Oft ist es schwer, Leute zu finden, die etwas verbrochen haben. "Ich habe sogar Männer verhaftet, nur weil sie sich nicht ordentlich in eine Schlange eingereiht haben", sagt Mabada. Einmal fahren sie mit mehreren Kommandos in eine Kneipe von Oppositionsanhängern. Die vielleicht 40 Männer und Frauen werden in eine Ecke getrieben. "Wer hat für den MDC gestimmt?", fragt der leitende Agent. Zwei Männer melden sich.

Zum Sex gezwungen

"Die sind ehrlich", fährt der Agent fort, lacht und lässt sie gehen. "Ihr aber", herrscht er die anderen an, "ihr seid Lügner." Die Geheimdienstler kippen Bier und Wein in ein großes Fass, und alle müssen ihre Gläser füllen, müssen trinken, immer wieder. Dann zerren sie den Männern und Frauen die Kleider vom Körper. Die Entblößten müssen sich in einer Reihe aufstellen. Während Mabada und seine Kollegen sich auf ihre Gewehre lehnen und Joints rauchen, befehlen sie den Wehrlosen, miteinander Sex zu haben. Dieser mit jener, jene mit diesem, dann wird getauscht, ohne Kondom - in einem Land mit einer der höchsten Aidsraten der Welt. Die Gewehrläufe bestimmen die Paarungen. Am Ende treiben sie die Verstörten aus der Kneipe.

Wie konnte man mit so etwas leben? Abends einschlafen? Morgens aufwachen? "Ein paar von uns haben das sogar genossen, die Macht, die Drogen, wir waren ja unantastbar", sagt Mabada. "Ich habe nachts oft nur geweint, aber ich hatte Angst zu fliehen. Ich hatte die Orte gesehen, an die sie Verräter bringen." Im November 2006 schließlich ist Mabadas Hass auf sich selbst größer geworden als die Angst. Die Aktion hat den Codenamen "Operation Construction". "Charlie 4" soll mit einem Jeep zum Lake Kariba fahren, einem See an der Grenze zu Sambia. Im Kofferraum des Wagens ist eine verschlossene Metallkiste verstaut. Am See, so lautet der Befehl, würden sie ein Boot finden, darin weitere Instruktionen.

"Helft mir, meine Söhne"

Schon beim ersten Zwischenstopp hören sie dumpfe Schläge in der Kiste, aber keiner wagt, etwas zu sagen. Schweigend fahren sie weiter. Als sie das Ufer erreichen, ist es dunkel. Im Dickicht finden sie das Boot, darin einen Sack Zement, Schaufeln, einen Umschlag mit ihrem Auftrag und dem Schlüssel für die Kiste. Als sie den Deckel öffnen, blicken sie auf einen älteren Mann. Er ist halb zu Tode gefoltert. Ein Ohr ist vom Kopf gerissen, ein Auge zugeschwollen. Die Lippen sind aufgeplatzt, seine Handgelenke von Fesseln bis auf die Knochen durchgescheuert. "Helft mir, meine Söhne", sagt er mit schwacher Stimme.

Da entdeckt jemand einen Soldaten im Wald. Sie werden beobachtet. Es ist wieder ein Test. Unter Tränen beginnen sie Sand und Zement anzurühren. Schaufel um Schaufel führen sie ihren Auftrag aus und füllen den Beton in die Kiste. Die Masse bedeckt ihr hilfloses Opfer, bis nur noch dessen zerschundener Kopf zu sehen ist. Dann schütten sie, auch das verlangt ihr Auftrag, Abbinder hinein, und der Beton beginnt zu erhärten. Wimmernd tragen sie die Kiste ins Boot. Versuchen, sie irgendwie mit dem Deckel zu verschließen. Einer fährt hinaus auf den See. Als er zurückkehrt, ist das Boot leer.

Per Bus nach Botsuana

"Nach dem Abend ging es einfach nicht mehr", sagt Mabada, "vielleicht war es der Blick des Mannes in der Kiste, ich weiß nicht genau. Nur dass ich wegmusste, war klar. Auch wenn es mein Leben kosten würde." Einen Monat später bekommt Mabada die Gelegenheit dazu. Überraschend werden seiner Gruppe vier Wochen Urlaub gewährt, die ersten in eineinhalb Jahren - mit der einzigen Auflage, immer erreichbar zu sein. Gleich am ersten Tag, Mitte Dezember 2006, besteigt Mabada den Bus ins Nachbarland Botsuana, gelangt per Anhalter weiter an die namibische Küste. Zwei Monate lebt er dort, fühlt sich fast sicher, arbeitet sogar bei einem Kirchenbau der Zeugen Jehovas.

Ein neues Leben scheint greifbar nahe - bis ihn die Vergangenheit einholt, ihre Boten ihn beschatten, in sein Zimmer einbrechen und ihn beinahe zu fassen bekommen hätten. Sein Leben auf der Flucht hat begonnen. Es ist Abend geworden in Windhuk, hell leuchten die Sterne am Wüstenhimmel über der Stadt. Der Wein und die Tabletten haben mittlerweile Mabadas Zittern betäubt, vielleicht die Geister, die ihn verfolgen, für einen Moment zum Schweigen gebracht. Das Mädchen. Gideon. Der Alte in der Kiste. Seine Häscher. Bald muss er wieder verschwinden, in eines jener Schlupflöcher, die seine Helfer immer wieder für ihn finden und die doch nur für ein paar Tage sicher sind. "Ich würde einfach nur gern ein neues Leben beginnen und das alles hinter mir lassen", sagt er. "Die Schule zu Ende machen. Ohne Angst auf die Straße gehen. Arbeiten. Wenn man mir irgendwo dazu die Chance gibt." Wenn man ihn nicht vorher findet.

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