Wen nehmen Barack Obama oder John McCain mit ins Weiße Haus? In Washington surren die Gerüchte - auf den Listen: viele alte Bekannte. Und Obama könnte auch Republikaner als Minister berufen. Egal wer das Rennen macht: Der nächste Präsident braucht ein verdammt gutes Team. Von Katja Gloger, Washington

Großes Geheimnis: Obama und sein Rivale McCain verraten noch nicht, wen sie ins Weiße Haus berufen wollen© Paul Sancya/AP Photo
Ach, waren das doch noch gemütliche Zeiten, damals, als man nach der Wahl erst einmal anständig ausschlafen konnte. Noch mehr als zwei Monate bis zum großen Tag der Amtseinführung, man war zwar gewählt, aber doch noch nicht richtig Chef. "Transition", der Übergang, wird diese Zeit genannt. Und bislang galt für einen designierten amerikanischen Präsidenten die goldene Regel: In der Zeit des Übergangs hält man sich zurück. Klar, hinter den Kulissen verhandelte man um Posten, schließlich gilt es, allein 1100 höhere Posten in Regierung und Ministerien zu besetzen, die vom Senat offiziell bestätigt werden müssen. Man bastelte an der Rede zur Amtseinführung, überlegte vielleicht, welche Farbe der neue runde Teppich im Oval Office haben könnte und versuchte ansonsten, nicht den Anschein eines Neben-Präsidenten zu erwecken. Der Übergang war eine letzte Atempause vor dem Einzug ins Weiße Haus, um den immerhin wichtigsten Job der Welt anzutreten.
Nicht dieses Mal. Auch nicht nach zwei Jahren ununterbrochenen, wahnwitzigen Wahlkampfes. Keine Pause, Ausschlafen ist nicht gestattet. Der gewählte Präsident muss rasch Zeichen für die Zukunft setzen. Keinesfalls sollen die 77 Tage bis zum Amtsantritt als Periode der Unsicherheit, gar der Schwäche gelten. Keinesfalls soll diese Zeit an 1932 erinnern, als Franklin D. Roosevelt die Wahl gewann. Mitten in der Weltwirtschaftskrise dauerte es damals vier Monate bis zu seinem Amtsantritt - und in diesen vier Monaten rutschten die USA immer tiefer in die Krise. Heute soll der amtierende George W. Bush die Größe haben, mit seinem Nachfolger zu kooperieren. Auch wenn der Barack Obama heißt.
Gigantische Herausforderungen erwarten den "President elect", den gewählten, aber noch nicht vereidigten Staatschef: eine gefährliche Weltwirtschaftskrise, drohende Rezession in allen Industriestaaten, eine astronomische Verschuldung, zwei Kriege, ein demoralisiertes Land. Rasch müssen wichtige Entscheidungen gefällt werden. Etwa über ein zweites so genanntes "ökonomisches Stimulierungs-Paket", ein umstrittenes 300-Milliarden-Dollar-Projekt. Da soll der Neue rasch Zeichen setzen, Hoffnung machen, Stabilität bringen. "Genau das aber ist das Dilemma sowohl für Obama als auch für McCain", so der Präsidenten-Historiker Robert Dallek in der "Washington Post": "Es wird eine kitzlige Angelegenheit. Einerseits muss man eine gewisse Distanz zu Bush halten, andererseits muss man schon klar Position beziehen."
Noch ist die Wahl nicht entschieden, noch ist (fast) alles möglich, doch in Washington bereitet man sich auf eine Regierung Obama vor. Schon strecken Republikaner ihre Fühler zu Bekannten bei den Demokraten aus - wer weiß, vielleicht sind ja noch ein paar überparteiliche Jobs zu vergeben. Washington surrt vor Gerüchten über Obamas Schattenkabinett. In Wahrheit weiß man zwar nichts Genaues. Und die wenigen, die Genaues wissen, die sagen nichts. Gar nichts. Aber manchmal werden Gerüchte ja Realität.
Man weiß ja, wie gut, wie zielstrebig sich Obama auf die Machtübernahme vorbereitet. Auch hier scheint Obama besser organisiert als der Hitzkopf John McCain. Seit Monaten arbeitet Obamas "Transition-Team" an den hochgeheimen "shortlists", den Listen mit der Endauswahl der Kandidaten für die wichtigen Posten in Kabinett und Nationalem Sicherheitsrat. Schon früh beauftragte er den ebenso nüchternen wie kompetenten John Podesta mit der Leitung seines "Transition-Teams". Podesta war einst Stabschef unter Clinton, managte ihm das Weiße Haus. Personalfragen werden sehr diskret von Cassandra Butts, einer alten Obama-Bekannten aus Harvard, behandelt.
Zu den Strippenziehern im Team Obama gehört vor allem Thomas Daschle, einst Mehrheitsführer im Senat. Freundlich, verbindlich und äußerst diskret bereitete er etwa den Europabesuch Obamas im Sommer vor. Neben Podesta und dem eisenharten demokratischen Fraktionschef im Kongress, Rahm Emmanuel, könnte er als Stabschef in Betracht kommen. Unklar, ob Obamas engster politischer Berater und enger persönlicher Freund David Axelrod nach Washington umzieht - um etwa die Funktion des obersten Politstrategen zu übernehmen. Noch sagt Axelrod, er wolle in seine Heimatstadt Chicago zurückkehren.
In den vergangenen Wochen umgab sich Obama vor allem mit Wirtschaftsexperten. Es war ein kleiner Coup, als er Paul Volcker, den ehemaligen gestrengen Zentralbankchef als ökonomischen Berater gewann. Zu möglichen Kandidaten für den Job des Finanzministers oder wichtiger Berater im Weißen Haus zählen neben Volcker auch Ex-Finanzminister Robert Rubin oder Lawrence Summers, einst oberster Wirtschaftsberater Clintons und glückloser Harvard-Präsident.
Pragmatisch sucht sich Obama Politprofis aus der Regierungszeit Clintons zusammen. Wer von ihm eine linksliberale, gar linke Politik erwartet, wird enttäuscht sein. Klar scheint aber auch: Obama will keine eitlen Diven, er will erfahrene, selbstbewusste Teamplayer, eloquent und diskret. Lange Pizzanächte mit Zigarren und endlosen Diskussionen wie unter Bill Clinton üblich? Undenkbar unter einem Präsidenten Obama.
Er will überparteilich sein, verspricht Obama, wolle als Präsident auf die Republikaner zugehen. Zwei Kollegen aus dem Senat haben es ihm dabei offenbar besonders angetan: der republikanische Grande und Senator Richard Lugar, 76, einer der wichtigsten Außenpolitiker der USA. Lugar wurde zum Mentor des Neulings aus Illinois, er war beeindruckt von dessen Lernfähigkeit - und auch davon, dass Obama noch die langweiligste Sitzung des außenpolitischen Ausschusses bis zum Ende verfolgte. Lugar nahm Obama mit auf eine Reise nach Russland und die Ukraine, brachte ihm die Details nuklearer Abrüstungspolitik bei. Und auch Chuck Hagel taucht immer wieder auf, der unabhängige republikanische Querkopf aus Nebraska, auch er stark in der Außen- und Verteidigungspolitik. Zwei Kandidaten für das Amt des Außenministers? Angeblich macht sich auch John Kerry, vor vier Jahren Präsidentschaftskandidat, Hoffnung auf den Posten.