Er ist der globale Polit-Superstar, der Anti-Bush – und seine erste Welttournee läuft bestens: Auf seiner Auslandsreise tritt Barack Obama auf wie ein US-Präsident. Er macht alles richtig, während Konkurrent John McCain zu Hause patzt. Obama hat sogar einen "Attentatsdienst" in seinem Tross. Von Katja Gloger, Washington

Supercool auf Auslandsreise: Barack Obama trifft in Jordanien ein© AP
Und wieder einmal macht er alles richtig. Vier Tage ist er nun auf seiner perfekt inszenierten Welteroberungstour, und eigentlich kann man sich schon gar nicht mehr vorstellen, dass Barack Obama NICHT Präsident sein könnte. Kuwait, Kabul, Jalalabad, Basra, und dann im Himmel über Bagdad, die Kleidung in dezent passenden Wüstentönen und die Sonnenbrille supercool.
Material für Bilder, Bilder, Bilder. Fotos, Videos, Material für die Frühstücksnachrichten in Kansas, Iowa, Virginia und vor allem Material für die Werbespots der kommenden Monate: Barack Obama, basketballspielend mit GIs in Kuwait. Barack Obama, umringt von strahlenden US-Soldaten im Kampfgebiet in Afghanistan.
Barack Obama, im Helicopter über Bagdad, General David Petraeus, oberster Kommandeur aller Kampftruppen im Nahen Osten, berichtet ihm. Keine Spur von Unwohlsein, keine Spur von Fremdeln, er kennt jedes Detail, hier präsentiert sich ein Mann seinen Truppen, der genau weiß, was er will. So tritt ein Oberkommandierender auf.
Dann als Freund und Beschützer in Israel, friedensstiftend bei den Palästinensern und von historischer Dimension in Berlin. Von überall kommen die Bilder, die suggerieren: Diesem jungen Mann kann Amerika vertrauen. Mit ihm kann Amerika sicher sein. Barack Obama betritt die ganz große Bühne. Er tut dies mit der disziplinierten Selbstverständlichkeit eines Mannes, der fest entschlossen ist, ganz Großes zu leisten, Geschichte zu schreiben. Er traut es sich ja zu.
Acht Länder in sieben Tagen – natürlich ist dies keine höfliche Erkundungsreise eines Präsidentschaftskandidaten. Es sind Wahlkampfauftritte, jeder einzelne wie ein Staatsbesuch inszeniert. Denn natürlich weiß Barack Obama um seine gefährlichste Schwäche: seine angeblich mangelnde Erfahrung, seine Naivität. Immer noch vertrauen 72 Prozent der Wähler seinem republikanischen Konkurrenten, dem Kriegshelden John McCain, wenn es um Fragen der nationalen Sicherheit geht.
Ausgerechnet der machte in diesen wichtigen Tagen eigentlich alles falsch. Während Obama über Bagdad kreiste, wurde McCain winkend im Golfcart im sommerlichen Kennebunckport gesichtet, neben Präsident Bush senior – und der ist noch älter als er. Während Obama die Bedeutung des US-Kampfeinsatzes in Afghanistan unterstrich, sprach John McCain von der "irakisch-pakistanischen Grenze". Als ob es die gäbe.
Es war sein zweiter strategischer Versprecher dieser Art, vor einigen Monaten hatte der Mann schon mal den Irak und den Iran verwechselt. Aber es kam noch schlimmer für McCains PR-Berater. Hatte nicht Barack Obama einen weitreichenden Truppenrückzug aus dem Irak bis 2010 gefordert? Konnte ihm McCain nicht deswegen Unverantwortlichkeit vorwerfen, ein Zeitplan käme einer Kapitulation gleich, tönte er. Doch jetzt deutet selbst Präsident Bush einen Zeitplan für einen Teilabzug an. Und dann befürwortete auch noch der irakische Premier Maliki Obamas Plan. "So verbindet sich Obamas zentraler außenpolitischer Grundsatz auf einmal mit den Wünschen der Iraker selbst", heißt es bewundernd in der "New York Times".
Hatte nicht Obama immer wieder gefordert, auch mit dem starrköpfigen Regime im Iran zu sprechen? Wurde ihm nicht deswegen krachende Naivität vorgeworfen? In der vergangenen Woche trafen sich erstmals amerikanische und iranische Diplomaten, selbst die Möglichkeit einer amerikanischen Interessenvertretung in Teheran wurde angedeutet.
Eine Rede vor dem Brandenburger Tor, Kulisse allenfalls für Präsidenten im Amt, meckerten McCains Berater, neige Obama da nicht zur Selbstüberschätzung? Jetzt wirkt der deutsche Streit um die "location" nur noch kleinlich, provinziell.
Denn in Berlin wird Barack Obama an die Traditionen der großen amerikanischen Präsidenten anknüpfen. An John F. Kennedy ebenso wie an Ronald Reagan. Er wird das gute Amerika zurückbringen, einen Freund der Welt, wie er selbst einer ist. Und er wird mehr von den Verbündeten fordern, mehr Engagement, mehr Opfer auch, etwa in Afghanistan.
Er biedert sich nicht an – denn kein Amerikaner wählt einen Präsidenten, der als zu "europäisch" gilt. Dies musste vor vier Jahren auch schon ein gewisser John Kerry erfahren. Dem wurde seine Popularität in Europa vorgeworfen.
Monatelang hatten seine Berater die Internationalisierungstour des Kandidaten vorbereitet. Umfassend, präzise, oberste Geheimhaltungsstufe. Allein Obamas außenpolitischer Beraterstab umfasst 300 Mitarbeiter, er ist organisiert wie ein kleines Außenministerium, unterteilt nach Regionen. Jeden Morgen liefern ihm die Experten ein update der Weltlage, schicken mögliche Fragen, die ihm gestellt werden könnten – und die Antworten gleich mit.
Obama liest akribisch, er gilt als Aktenfresser, er hat ein fotografisches Gedächtnis, merkt sich jedes Detail. Er liest seine Akten, meist bis weit nach Mitternacht. Hämmert dann kurze Anordnungen in seinen Blackberry, nie länger als zwei Sätze, stets ohne Unterschrift, wie ein Reporter der "New York Times" notierte. Er lässt diskutieren, hört zu, doch er verlangt rasche, klare Entscheidungen. Nächtelange, zigarrenschwere Pizza-Palaver à la Bill Clinton sind undenkbar für einen wie ihn. Wenn der Harvard-Jurist Obama zu Sitzungen lädt, liegt eine schriftliche Tagesordnung vor. Die wird abgearbeitet.
Erlöser oder Verführer? Mehr über Barack Obama und die Stimmung in den USA lesen Sie in der Titelgeschichte des neuen stern. Dazu: Ein Porträt von Obamas Halbschwester Auma, die 16 Jahre in Deutschland gelebt hat.
Katja Gloger Die US-Hauptstadt ist ein politisches Haifischbecken, in dem getuschelt, geschmiedet, verschworen und gestürzt wird. Mittdendrin: Katja Gloger. Die stern-Korrespondentin beobachtet in ihrer Kolumne "Washington Memo" den Präsidenten und beschreibt die, die es werden wollen. Dazu der neueste Klatsch aus dem Weißen Haus und von den Fluren des Kongresses.