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Der tiefe Fall eines Superstars

Als US-Außenministerin Condoleezza Rice ihr Amt antrat, galt sie als Hoffnungsträgerin für eine neue US-Außenpolitik. Doch seitdem hat die Frau, der alles leicht zu fallen schien, viel von ihrem Glanz eingebüßt.

Von Katja Gloger, Washington

Sicher bemüht sie sich, auf ihre Art. Jettete in den vergangenen beiden Jahren fast 900.000 Kilometer um den Globus. Mit ihrer Boeing 757 immer wieder mitten rein in Krisenregionen, den Nahe Osten, Afghanistan, Irak; Orte wie Mauritius sind nur zum Auftanken in ihrem Reiseplan verzeichnet. Stets tipptopp gekleidet, gerne im feinen, dunkelblauen Kostüm, figurbetont, passend dazu die Ferragano-Pumps. Elegant, stets mit feinem Lächeln und gesetzten Worten - hatte doch schon ihr Mentor und Vorbild George W. Bush von ihrer Grazie und Würde geschwärmt, als er Condoleezza Rice vor zwei Jahren zur Außenministerin kürte: "Sie vertritt das Beste, was Amerika hat."

Sie, die Unermüdliche, die schon morgens um Fünf aufs Laufband steigt, tagsüber die Welt bearbeitet und am Abend noch Bach-Sonaten auf ihrem Klavier spielt, wenn sie ihrem Appartement im Watergate-Hotel sitzt, mit Blick auf den Potomac-Fluss.

Und wurde sie nicht schon als potentielle Präsidentschaftskandidatin gehandelt, in einem ultimativen Showdown mit Hillary Clinton?

Ach ja.

Condoleezza Rice trat an, amerikanische Außenpolitik neu zu gestalten. Ihre "Diplomatie der Transformation" sollte die Welt nach ihrem Willen verändern, und die persönliche Nähe zum Präsidenten sollte ihr dabei helfen. Nicht wie ihr Vorgänger Colin Powell, der seinen Chef ab und zu mal anrufen durfte und dann an den Kriegsplänen für den Irak herummäkelte... Nein, "Condi" sollte die "sanften" Tugenden amerikanischer Politik vertreten - Soft Power eben. Auch im Nahen Osten, mit Israel und Palästina.

Ach ja.

An diesem Freitag empfängt sie im State Departement ihre Kollegen aus der EU, unter anderem vertreten durch Deutschlands Frank-Walter Steinmeier, dazu den kritteligen Außenminister von Russland sowie den Generalsekretär Vereinten Nationen. Die Truppe nennt sich "Nahost-Quartett" und soll helfen, der Region den Frieden zu bringen. Nur wie, weiß keiner so genau. Eine Zwei-Staaten-Lösung, einen unabhängiger Staat Palästina, fordern die Europäer. Die USA halten an der langwierigen "roadmap" fest, an den "Phasen", die sich ins Unendliche ziehen lassen, wie bislang. Das Quartett tagte zum letzten Mal vor rund einem Jahr. Doch dann soll EU-Vorsitzende Angie Merkel im Januar bei Bush gedrängelt haben, verbindlich und zäh, wie es so ihre Art ist, einen Versuch sei es doch wert, und das konnte George W. seiner Verbündeten nicht verwehren. Immerhin: Palästinenserpräsident Abbas soll bald nach Washington kommen. Er braucht dringend Geld. Die USA haben Hilfsmittel eingefroren, wegen der radikalen Hamas.

Palästina als Köder

Doch auch europäische Diplomaten vermuten, dass es den USA gar nicht mehr um einen wirklich unabhängigen Staat Palästina geht. Amerika braucht vielmehr die Unterstützung moderater arabischer Staaten für das amerikanische Vorgehen im Irak und im Iran. Und da dient Palästina als Köder.

Denn eigentlich weiß jeder - die USA haben in der Region den letzten Rest ihrer Glaubwürdigkeit verspielt. Die letzten Friedensverhandlungen liegen sechs Jahre zurück - es war vor Bushs Amtsantritt. Schon lange sind die USA kein ehrlicher Makler mehr - und dazu hat Condoleezza Rice eine Menge beigetragen. Im vergangenen Sommer, als Israel in den Libanon einmarschierte, wovon sprach sie da? "Von den Geburtswehen eines neuen Nahen Ostens." Das Ergebnis? Ein Desaster. Heute empfängt man sie, wenn sie wieder mal auf einer "Zuhör-Tour" durch die Region ist, man lächelt, verabschiedet luftige Erklärungen. Und dann wartet man das Ende ihrer Amtszeit ab.

Und so rächt sich jetzt auch die ergebene Nähe zu ihrem Präsidenten, die Condoleezza Rice so rasch nach ganz oben katapultierte. Sie, die junge Karriereprofessorin, die einst als "Realistin" in den Nationalen Sicherheitsrat kam. Sich dann zu einer glühenden Anhängerin der "Freiheitsagenda" wandelte, mit Bush die "Achse des Bösen" besiegen wollte. Jeder weiß: Als ehemalige Nationale Sicherheitsberaterin trägt Condoleezza Rice einen guten Teil der politischen Verantwortung für den Irak-Krieg. Doch dies scheint sie nicht anzufechten. "Ich habe tiefgehende Überlegungen über den Irak angestellt", sagte sie noch im Dezember während einer Pressekonferenz mit Deutschlands Emissär Steinmeier. Das Ergebnis? Bush schickt 20.000 zusätzliche Soldaten in den Irak - auch wenn längst die Mehrheit der Amerikaner dagegen sind.

Rice wahrte die Contenance

Dann saß "Madam Secretary", wie sie nach dem diplomatischen Protokoll angesprochen wird, vor dem Streitkräfteausschuss des mächtigen US-Senats, klein und gebeugt, die Mundwinkel zeigten nach unten, und sie verteidigte die Politik ihres Präsidenten, obwohl selbst hohe Militärs Kritik übten. Sie? Kein Zweifel, kein Zaudern. Und da reichte es dann irgendwann sogar der Senatorin Barbara Boxer aus Kalifornien: Schließlich habe Frau Rice keine Kinder, die im Irak getötet werden könnten, entfuhr es ihr bitterbös.

Madam Secretary wahrte die Contenance. Das kann sie.

Sie regiert mit einem engen Zirkel vertrauter Berater oben im siebten Stock des State Departments an der C-Street. Freundlich, unnahbar, undurchschaubar. Ihr Erster Stellvertreter, der ebenso kluge wie trockene Banker Robert Zoellick, ging nach einem Jahr. Es dauerte mehr als sechs quälende Monate, einen Nachfolger zu finden. Vor wenigen Wochen dann ging auch Philip Zelikow, seit beinahe 20 Jahren einer ihrer engsten Vertrauten - wegen eines Lehrauftrages, heißt es. Doch man weiß auch, er hatte früh vor dem "gescheiterten Staat Irak" gewarnt.

Sie begann als Superstar. Jetzt bezeichnet man sie nur noch als Prototyp des Protegés. Sie stieg hoch.

Von dort fällt man tief.

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