In der heißen Phase des US-Wahlkampfs ist der Bundesstaat Iowa wichtiger denn je. Und die Wähler in Iowa sind immer wieder für Überraschungen gut. Barack Obama zieht gerade an Hillary Clinton vorbei. Und bei den Republikanern steht ein gewisser Mike Huckabee an erster Stelle. Von Katja Gloger, Des Moines, Iowa

Der republikanische Kandidat im US-Wahlkampf Mike Huckabee in Iowa: Die Wähler sind hier immer für Überraschungen gut© Picture Alliance
Es scheint, als habe in Iowa mal wieder eine ganz normale Wahlkampf-Woche begonnen. Minus zehn Grad, der erste Schneesturm hat sich verzogen, die Sonne scheint, die Kandidaten sind auf Tour. Noch vier Wochen bis zum Beginn der "primaries", jener landesweiten Abstimmungen, die darüber entscheiden, welchen Kandidaten die beiden Parteien im kommenden Jahr in das Rennen um die Präsidentschaft schicken. Und hier in Iowa finden traditionell die ersten Vorwahl statt. Am 3. Januar um 18.30 Uhr ist es soweit.
Einen Monat noch, eine Ewigkeit im Wahlkampf, es kann so viel passieren in diesen vier Wochen, in denen Iowas Wähler ihre Entscheidung treffen. In der Vergangenheit machte dieser letzte, entscheidende Monat immer wieder Verlierer zu Gewinnern und sicher geglaubte Gewinner zu Verlierern. Also gilt es, in diesen Tagen verstärkt Präsenz zu zeigen. Und so touren die Kandidaten gleich reihenweise durch die Kleinstädte, treten auf in zugigen Turnhallen und Gemeindebibliotheken. Jetzt gilt es verstärkt, die Basis zu überzeugen. "Meet and greet" heißt das hier, man soll tunlichst jedem Wähler höchstpersönlich die Hand schütteln.
In diesen Tagen passieren merkwürdige Dinge in Iowa, der sich "Bundesstaat des Falkenauges" nennt. Zum Beispiel der Aufstieg des Republikaners Mike Huckabee. Der langjährige Gouverneur aus Arkansas war bislang vor allem durch seinen interessanten Namen ("unwählbar", mokierte man sich) und seinen Kampf gegen Übergewicht aufgefallen. Vor allem, weil er selbst 50 Kilo abgespeckt und vier Marathon-Rennen absolviert hat. Außerdem spielt der ehemalige Baptistenprediger leidlich Gitarre und mag die Rolling Stones.
Bislang galt dieser Mike Huckabee als netter, merkwürdiger Außenseiter im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur. Man registrierte, dass er aus Hope, Arkansas stammte - dort wurde auch Bill Clinton geboren. Man registrierte auch, dass er als Gouverneur gleich mehrmals wiedergewählt worden war. Doch er hat kaum Geld, um Wahlkampf zu führen. Und auf einmal führt dieser Mike Huckabee in Iowas Meinungsumfragen. Offenbar gefällt den Menschen hier seine Offensive der Bescheidenheit. Er bietet einfache - zu einfache - Lösungen an, etwa mit seiner Forderung, das Steuersystem abzuschaffen. Doch er ist witzig, hat politische Erfahrung, und er polarisiert nicht. Mike Huckabee ist ein Republikaner zum Anfassen. Einer, vor dem man sich nicht fürchten muss. Er bietet sich an als Mann jenseits der ideologischen Grabenkämpfe. Und genau das gefällt den Menschen in Iowa.
Jetzt interessieren sich die Reporter für den Mann aus Hope. Die Zeitungen schreiben, Hunderte kommen zu seinen Wahlveranstaltungen. Und auf einmal steht Mike Huckabee auch in den landesweiten Meinungsumfragen ganz oben.
Auch bei den Demokraten passieren in diesen Tagen merkwürdige Dinge. Lange hatte es so ausgesehen, als ob Hillary Clinton die klare Siegerin sein werde. Unausweichlich - so hatte sie sich präsentiert. Siegessicher. "Ich werde die Kandidatin sein", hatte sie gesagt. Unausweichlich. Da oben auf der Bühne steht eine Präsidentin - keine Kandidatin. Und genau das mögen die Menschen in Iowa nicht besonders.
Auf einmal zieht dieser Barack Obama an ihr vorbei. Der junge, charismatische Superstar der Demokraten, an dessen Sieg niemand glaubte. Er, der sich monatelang so schwer tat. Weil er lieber diskutieren wollte als Polit-Slogans zu verkünden. Weil er zu naiv erschien, zu unerfahren, unentschlossen. Weil er eine vage, romantische Hoffnung auf ein besseres Amerika verkündete und nicht nur den Kampf um die Macht propagierte. Weil er sich anbietet als Mann jenseits der ideologischen Grabenkämpfe. Auf einmal steht Barack Obama in Iowas Meinungsumfragen auf Nummer Eins. Und Hillary Clinton fällt in der so sicher geglaubten Gunst. Die Menschen in Iowa sagen: Niemand ist unausweichlich.
Jetzt lässt Hillary Clinton ihre Wahlkampfmanager angreifen. Von nun an gehe es um "Charakter". Obama sei nur ein Redner, keiner, der Probleme löse, heißt es. Einer, der nur behaupte, er habe nie Präsident werden wollen - dabei habe er im zarten Alter von drei Jahren schon verkündet: "Ich will Präsident werden". Schon "im Kindergarten" habe Obama US-Präsident werden wollen, lässt sie verbreiten. "Jetzt beginnt der lustige Teil", sagt Hillary Clinton.
Katja Gloger Die US-Hauptstadt ist ein politisches Haifischbecken, in dem getuschelt, geschmiedet, verschworen und gestürzt wird. Mittdendrin: Katja Gloger. Die stern-Korrespondentin beobachtet in ihrer Kolumne "Washington Memo" den Präsidenten und beschreibt die, die es werden wollen. Dazu der neueste Klatsch aus dem Weißen Haus und von den Fluren des Kongresses.