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3. Oktober 2008, 08:48 Uhr

Die Wiederauferstehung der Sarah Palin

Mit ihren katastrophalen Auftritten hatte die republikanische Vizepräsidenten-Kandidatin Sarah Palin zuletzt ihre Ahnungslosigkeit bewiesen. Gestern musste sie in ihrer ersten TV-Debatte zeigen, dass sie die Parteibasis noch begeistern kann. Das klappte - weil die Erwartungen entsprechend gering waren. Von Katja Gloger, Washington

Sarah Palin und Joe Biden im direkten Rededuell. Palin schlug sich - bei niedrigen Erwartungen - tapfer© Don Emmert/AP

Das Spiel mit den Erwartungen ist ein alter politischer Trick, und er wird gerne angewandt von Politikern, die gerade mächtig in der Defensive sind. Mach' dich klein, scheinbar verwundbar, lautet die wichtigste Regel. Mach' deinen Gegner groß, scheinbar übermächtig. Beschuldige vorab Andere, vorzugsweise die böse Presse. Dämpfe die Erwartungen - und dann kannst du eigentlich nur noch gewinnen.

Im Vorfeld der gestrigen Duells zwischen Sarah Palin und Joe Biden hatten die Wahlkampfexperten aus dem Lager John McCains genau das versucht. "Wir gehen da wohl in die Höhle des Löwen" hatte einer gestreut. "Ich bin schockiert, wie brutal manche Journalistinnen sein können", empörte sich über angeblich unfaire Fragen ausgerechnet die eiskalte Nicole Wallace, einst Wahlkampfmanagerin von George W., Bush, mit wirklich allen Propaganda-Wassern gewaschen. "Ich stelle mich dem "Ätschi-Bätschi-Da-habe-ich-dich-bei-einem-Fehler-erwischt-Journalismus" hatte Sarah Palin versucht, die Schuld auf die Presse zu schieben. Und selbst John McCain, Meister im Umgang mit den Medien, war sich nicht zu schade. Die Moderatorin der gestrigen Debatte habe ein positives Buch über Obama geschrieben, monierte er. "Das ist wohl nicht sonderlich hilfreich."

Palins Aufgabe: 90 Minuten durchstehen

Denn gestern ging es für Sarah Palin, immerhin Kandidatin für das zweitwichtigste Amt der Welt, vor allem darum, 90 Minuten lang zu überleben. Schon das würde als Triumph zählen.

Und wenn man diesen Maßstab anlegt, dann erlebte man gestern die Wiederauferstehung der Sarah Palin. Energischen Schrittes stürmte sie auf die Bühne, knallenges, glänzendes, schwarzes Kostüm, schwarze, elegante Pumps, große amerikanische Flagge als Anstecker, und sie verbreitete ein Selbstbewusstsein, dass man nicht trainieren kann. "Darf ich Sie Joe nennen?" fragte sie ihren Gegner, und bei so viel Charme konnte der ja gar nicht anders, als zuzustimmen. Strahlend, offen, das Gesicht stets der Kamera, den Zuschauern zugewandt, ab und zu wühlte sie in ihren Spickzetteln. Und dann schob Sarah Palin den Unterkiefer vor und legte los. So schnell, dass man manchmal kaum noch folgen konnte.

Zunächst begeisterte Palin

Dabei hatte die Dame wahrlich keinen guten Eindruck gemacht in den vergangenen Tagen. Nach ihrem strahlenden Debüt auf dem Parteitag der Republikaner vor gerade mal einem Monat, nach ihren umjubelten Wahlkampfauftritten, die zehntausende Fans der konservativen Basis anzogen, hatte man in Umfragen schon einen Palin-Faktor ausgemacht. Eine junge, tüchtige Frau mitten aus dem amerikanischen Leben, eine zupackende Gouverneurin, die große Politik so wunderbar mit dem Privaten erklären konnte. Eine fünffache Mutter, die ein Schiessgewehr bedienen kann und trotzdem noch sexy Slingpumps trägt, ein Politikerinnenleben zwischen Blackberry und Milchpumpe schaukelt und immer noch ihren ‘Kerl" liebt, wie sie sagt. Volksnah, "Gal" nennt sie sich selbst. Das kann "Mädel" heißen - oder auch "Göre." Sarah Palin - ein perfektes Modell des republikanischen Populismus, wie einem Hollywood-Skript entnommen. Endlich schien John McCain jemanden gefunden zu haben, der ihm die Parteibasis an die Wahlurnen treiben könnte. Jemanden, mit dem auch die mächtigen Evangelikalen zufrieden wären. Und vor allem jemanden, mit dem er ordentlich Wirbel machen konnte. Schlagzeilen. Titelbilder. Und wirklich, zunächst wirbelte sie den Wahlkampf ordentlich durcheinander, begeisterte selbst Wechselwähler.

Doch dann brach die globale Finanzkrise aus, in Washington blamierte sich der Kongress, und Sarah Palin wurde mit der Realität konfrontiert. Mit Fragen von Journalisten nämlich. "Welche Zeitungen lesen Sie, um sich über die Welt zu informieren?" "Fast alle." Können Sie uns ein Beispiel nennen? " Ich nutze eine Vielzahl von Quellen". Oder: "Was halten Sie von dem Plan der Regierung zur Finanzkrise?" Ihre Antwort war so lang, so elend nichtssagend, so stümperhaft, so ahnungslos, dass sie im Original in den Satireshows der Spätabendprogramme abgespielt wurde. Sarah Palin - eine Lachnummer fürs Weiße Haus.

Es hieß: runter mit den Erwartungen

Beunruhigt forderten Konservative, die Dame solle abtreten, ab, zurück nach Alaska. Zugleich übernahm Barack Obama in Umfragen die Führung. Also hieß es: runter mit den Erwartungen. Tagelang hatte sie ihren Auftritt geübt, dabei den obersten Grundsatz verinnerlicht: Gebe auf keinen Fall direkte Antworten auf direkte Fragen. Und es funktionierte. Sarah Palin antwortete einfach nur auf Fragen, die sie beantworten wollte. Volksnah gab sie sich, kampfeslustig, eine, die mit Washington aufräumen will. Sie machte auch mal einen Witz über sich selbst, und manchmal zwinkerte sie verschwörerisch mit dem Auge, furchtbar peinlich, so ganz und gar nicht präsidentenhaft.

Lächelnd bediente sie alle republikanischen Klischees von Amerika als dem letzten Leuchtturm der Hoffnung, der Freiheit und der Demokratie. Ich spreche geradeaus, sagte sie, zitierte den republikanischen Heiligen Ronald Reagan, ich werde für Amerika kämpfen, versprach sie. Finanzchaos? Globale Wirtschaftskrise? "Ich weiß, wie sich die Menschen fühlen" sagte sie da. "Die Durchschnittsamerikaner müssen sich jetzt zusammentun und sagen: "Nie wieder!" Der Krieg im Irak? Obamas Plan des Truppenabzugs sei die "weiße Fahne der Niederlage". Der Krieg in Afghanistan? Da verwechselte sie den Namen des Oberkommandierenden. Und Joe Biden war so höflich, den Faux Pas nicht zu korrigieren. Klimawandel? "Nicht alles ist von Menschen verursacht", meinte sie da, trotzig beinahe.

Joe Biden gab eine seiner besten Vorstellungen ab

Und über Sarahs Comeback ging beinahe verloren, dass der Demokrat Joe Biden, seit 35 Jahren im Senat, eine seiner besten Vorstellungen gab. Der Mann, ebenso staatsmännisch wie eitel, war ernsthaft, kenntnisreich, erfahren und zugleich emotional, als er etwa über den Unfalltod seiner ersten Frau sprach. Immer wieder griff er John McCain an, "nein, er ist eben kein Außenseiter", sagte er. Und setzte McCain mit der Politik von George W. Bush gleich - immer wieder und wieder. Da sprach ein Mann mit echtem Vizepräsidenten-Format. Und in den ersten Blitzumfragen ging er als eigentlicher Sieger aus dieser Debatte hervor.

Und dann war die Debatte vorbei, und Sarah Palin strahlte und zitierte mit knappen Handbewegungen ihren Mann, ihre Familie auf die Bühne. Dann nahm ihr fünf Monate altes Baby auf den Arm - und einen winzigen Moment lang schien es, als ob die Welt der Republikaner wieder in Ordnung sei. Es kommt eben auch darauf an, wie niedrig die Erwartungen sind.

Von Katja Gloger, Washington
 
 
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