Sie wissen, wie man mit Verbrechern umgehen muss: Im Zweiten Weltkrieg verhörten sie in einem geheimen Lager unweit Washingtons die Elite deutscher Kriegsgefangener. Nach 60 Jahren trafen sich die Verhörspezialisten erstmals wieder - ihr Treffen geriet zu einer Demonstration gegen George W. Bush. Von Katja Gloger, Washington

Der Ranger des National Park Service, Randon Bies, 28, der ehemalige Verhörexperten ausfindig machte. Hier mit Georg Frenkel, 87, einem der Veteranen© Katja Gloger
Er war jung, wie die meisten in seiner Einheit, gerade mal 21 Jahre alt. Auch Henry Kolm wollte die Deutschen besiegen - und vielleicht hätte er mehr als Andere Grund gehabt, nach Rache zu suchen. Henry Kolm kam aus Wien, er war erst seit wenigen Jahren in den USA. Die Nazis hatten seine Eltern enteignet, 1939 glückte ihm in letzter Minute die Flucht vor Hitlers Schergen. Doch viele seiner Angehörigen wurden im Holocaust ermordet. Dann wurde Kolm an die Front im Krieg gegen Deutschland abkommandiert - und er landete in einem Vorort von Washington. Er kam nach Fort Hunt. An einen Ort, von dem niemand etwas wissen sollte.
Das weitläufige Gelände einer ehemaligen Festung, idyllisch am Potomac-Fluss gelegen. "Offiziersschule" stand am schwer bewachten Eingang. "Postfach 1142, Alexandria, Virginia" lautete die offizielle Adresse. Elektrozäune, Baracken. Swimming Pool und Golfplatz für die Offiziere. Und regelmäßig fuhren Busse mit abgedunkelten Scheiben vor.
"P.O. Box 1142" war eine Tarnadresse. Seit 1942 lief hier eine top-secret Operation des US-Militärgeheimdienstes MIS unter dem Kürzel "MIS-Y". Gerade mal 17 Kilometer südlich des Weißen Hauses verbarg sich in Fort Hunt ein Lager für deutsche Kriegsgefangene. Noch nicht einmal das Internationale Rote Kreuz wusste von seiner Existenz. Denn Fort Hunt war ein Lager für besondere Gefangene. Hier wurden von 1942 bis 1946 hochrangige Militärs und Wissenschaftler des Nazi-Regimes verhört. Man brauchte Informationen über den deutschen U-Boot-Krieg ebenso wie über das mysteriöse deutsche Raketen-Programm mit dem Kürzel "V". Man suchte Fakten über mögliche Atombombenpläne ebenso wie Standorte von Industrieanlagen für die geplanten Bombardierungen deutscher Städte. Nach Fort Hunt kamen Männer wie Generaloberst Hans-Jürgen von Arnim, der 1943 in Afrika kapituliert hatte. Dutzende hochrangige Wissenschaftler wurden über Wochen in den unterirdischen Räumen von Fort Hunt verhört. Und Nazi-Spionagechef Reinhard Gehlen verbrachte gleich zehn Monate dort.
In Fort Hunt wurden die Männer verhört, die man in der Sprache der Bush-Regierung heute wohl als "high-value detainees" bezeichnen würde. Als Gefangene von ganz besonderem Wert. So wie die, die in den vergangenen Jahren in den geheimen Lagern der CIA verhört und - wie Viele vermuten - dabei auch gefoltert wurden.
In Fort Hunt trafen die Kriegsgefangenen auf Männer wie Henry Kolm. Männer, die monatelang intensiv auf ihre Aufgabe vorbereitet worden waren. Die in der Regel perfekt Deutsch sprachen, viele von ihnen hatten studiert. Sie waren die "interrogators". Die Verhörexperten des US-Militärgeheimdienstes MIS; direkt dem Pentagon unterstellt. Eine Elitetruppe.
Die meisten schwiegen ihr Leben lang. Oft erfuhren noch nicht einmal ihre Ehefrauen von ihrem Einsatz für "Operation MIS-Y". So wurde Henry Kolm, heute 82, renommierter Professor an der MIT-Universität in Boston; sein Freund Arno Mayer, 81, lehrte Geschichte in Princeton. Der gebürtige Wiener Peter Weiss, 81, auch er konnte als Jugendlicher in letzter Minute vor den Nazis fliehen, wurde Rechtsanwalt.
Jahrzehntelang blieben die Akten der "Operation MIS-Y" gesperrt, die letzten wurden erst in den 90er Jahren freigegeben. Die Baracken von Fort Hunt wurden abgerissen, das Gelände der US-Nationalparkverwaltung unterstellt. Heute trifft man sich hier zum Picknick mit Blick auf den Potomac. Und auch die wenigen überlebenden Veteranen der Operation MIS-Y wären wohl längst vergessen, wenn sich nicht ein paar Mitarbeiter der Nationalpark-Verwaltung auf Spurensuche begeben hätten. Vor allem der junge Park-Ranger Brandon Bies, 28, wurde zum engagierten Hobby-Historiker: Er suchte nach Veteranen, stieß im US-Nationalarchiv auf Hunderte Kisten mit Dokumenten. "Wir wollen ein Stück verborgene Geschichte lebendig machen", sagt er.
Katja Gloger Die US-Hauptstadt ist ein politisches Haifischbecken, in dem getuschelt, geschmiedet, verschworen und gestürzt wird. Mittdendrin: Katja Gloger. Die stern-Korrespondentin beobachtet in ihrer Kolumne "Washington Memo" den Präsidenten und beschreibt die, die es werden wollen. Dazu der neueste Klatsch aus dem Weißen Haus und von den Fluren des Kongresses.