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Vom tiefen Fall eines Saubermanns

Mal wieder ein Sexskandal, ein öffentliches Geständnis, ein Rücktritt und eine gedemütigte Gattin, die artig zu ihrem Mann steht. Typisch Amerika? Im Fall Spitzer geht es nicht nur um Sex. Der Kreuzritter der Moral glaubte wohl, dass auch ganz normale Gesetze für ihn nicht gelten.

Von Katja Gloger, Washington

  • Katja Gloger

Weil Männer bekanntermaßen ja vom Mars sind und Frauen von der Venus, haben die beiden Geschlechter in den vergangenen Tagen wohl auf höchst unterschiedliche Weise auf einen Fernsehauftritt reagiert.

Da stand er vor der Presse der Nation, Eliot Spitzer, der noch vor kurzem so ambitionierte Gouverneur des Bundesstaates New York, ganz ertappter Sünder, die Lippen so zusammengepresst, dass er seinen Mund verschluckte. Und neben ihm, endlose 67 Sekunden lang, grau, verweint, tiefe Falten zogen sich über das gequälte Gesicht, seine Frau Silda, Mutter von drei Töchtern in Teenager-Alter.

Was ist denn schon dabei?

Es war ein Auftritt, der auch die Medienkritikerin der New York Times zu Grundsatzüberlegungen veranlasste. Würden sich die Männer da etwa besorgt fragen, ob es ihnen, Gott bewahre, vielleicht auch mal so ergehen könnte wie Eliot Spitzer, zahlungskräftiger "Kunde-9" beim Prostituiertenservice "Emperors Club VIP"? Schließlich hatte noch Anfang der Woche sogar der renommierte Harvard-Rechtsgelehrte Alan Dershowitz, einst Professor von Eliot Spitzer, die Lage schön geredet: "Was ist denn schon passiert? Ein verheirateter Mann geht zu einer Prostituierten. In Europa würde das noch nicht mal auf den hinteren Seiten einer Zeitung stehen."

Und man überschlug sich regelrecht mit Kommentaren und Ratschlägen aller Art. Auf die eher philosophische Frage "Warum Männer betrügen?" lieferten Psychologen, Anthropologen sowie Paartherapeuten auf allen Fernsehkanälen die immergleichen praktischen Tipps: "Wie wäre es mit einem Kurs in Erotik-Tanz?" Oder: "Frauen geben ihren Männern nicht den emotionalen Beistand, den sie brauchen." Andere erklärten gar die Pharmaindustrie zum eigentlich Schuldigen: "Viagra zerstört unsere Regierung!", hieß es in der bissigen Frauentalkshow The View - es sollte Satire sein.

Die Gattin muss leiden, und zwar öffentlich

Late-Night Talker David Letterman wiederum hatte die politische Dimension im Blick. Tröstend erinnerte er den Ex-Gouverneur an andere historische Szenen, als einst eine Frau zu ihrem Mann hielt - und der daraufhin sogar Präsident wurde: "Spitzer glaubte wohl, dass Bill Clinton all das schon vor Jahren legalisiert hat." Und einer seiner Kollegen höhnte: "Jetzt ist Hillary Clinton nur noch Nummer Zwei auf der Liste der wütenden Frauen im Bundesstaat New York." Ausgerechnet. Dabei will Hillary Clintons Wahlkampfteam um jeden Preis Erinnerungen an die Sexskandale des umtriebigen Gatten vermeiden.

Die Frauen der Nation allerdings diskutierten in dieser Woche ernsthaft auf allen Fernsehkanälen, warum sich, verdammt noch ´mal, betrogene Politikerfrauen in den USA immer noch öffentlich hinter ihren Mann stellen müssen. Weil es angeblich zum Sühne-Ritual einer konservativen Gesellschaft gehört, die ihren Sündern nur vergibt, wenn sie zur Prime-Time zerknirschte Geständnisse samt öffentlich leidender Gattin abliefern? Weil es sich in einer immer noch puritanischen Gesellschaft einfach gehört, dass eine echte amerikanische Frau zu ihrem Mann hält - vor allem, wenn der Politiker ist? Oder weil man so in Wahrheit politische Affären, gar kriminelles Handeln zum rein privaten Fehltritt erklären, verharmlosen kann?

"Ich hatte keine Ahnung"

Feministinnen kritisierten die öffentliche Zurschaustellung der gedemütigten Ehefrau: noch in der Stunde großer Seelennot werde sie von ihrem Mann zu politischen Zielen benutzt. Zumal, da man weiß, dass Silda Wall Spitzer mit ihrer Rolle als Politiker-Gattin nie besonders glücklich war. Sie war eine erfolgreiche Anwältin in New York, sie gab ihren Job auf, als ihr Mann politische Karriere machte. Sie kümmerte sich um die drei Töchter, gründete eine Wohltätigkeitsorganisation, und sie machte keinen Hehl daraus, dass ihr die Rolle als First Lady fremd blieb. Doch sie akzeptierte "die Realitäten", wie sie einmal sagte und erinnerte an ihren Namen: der stamme aus dem Altgermanischen, und er bedeute "teutonische Kriegsbraut" oder "bewaffnete Kriegsfrau".

Einzig Dina Maro McGreevey zeigte Verständnis. Die Ex-Ehefrau des Ex-Gouverneurs von New Jersey, der 2004 zurücktreten musste, weil er seine Gattin mit anderen Männern betrogen hatte, schrieb offen über ihren eigenen letzten öffentlichen Auftritt an der Seite ihres Mannes: "Ich hatte bis zum letzten Moment keine Ahnung, was mein Mann sagen würde. Er hatte mir nie gesagt, dass er schwul ist. Eine Stunde vor der Pressekonferenz gab er mir einfach eine Kopie seiner Rede. Ich war wie in einem Nebel. Ich habe es sicher nicht freiwillig gemacht. Er bat mich eben, neben ihm zu stehen. Und das habe ich gemacht. Alles, an was ich denken konnte, war meine Tochter."

Das Sexleben der "Dampfwalze"

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der ehemalige Staatsanwalt von New York jahrelang als Saubermann galt, der entschlossen gegen organisierte Prostitution vorging. Denn er hatte ein von Frauenschutzorganisationen viel gepriesenes Gesetz zur Bekämpfung des organisierten Frauenhandels und des Sex-Tourismus durchgebracht. Dieses Gesetz gilt als eines der härtesten in den USA. Er werde das Problem der Prostitution an der Wurzel packen, hatte er verkündet: an der Nachfrage. Also bei den Kunden. Bei Kunden wie ... Eliot Spitzer.

Nun wird das Sexleben des "nackten Kaisers" (New York Post), der sich selbst gerne als "Dampfwalze" bezeichnete und seine Gegner auch mal als "seniles Stück Scheiße", in allen Details durch die Gazetten getrieben. "Kunde-9" des Escort-Service "Emperors Club VIP" , der für zwei Stunden Sex im Washingtoner Mayflower Hotel gerne 4300 Dollar cash zahlte, ließ die erwünschte Dame (Kristen, Amerikanerin, 50 Kilo, klein, brünett, kurvig) sogar per Zug von New York anreisen - auch wenn er sich beim Kauf des Zugtickets für den preiswerten Bummelzug anstatt des teuren Express-Zuges ein bisschen knickrig zeigte. Diese Tatsache wiederum könnte dem studierten Juristen ein Verfahren wegen "unerlaubten Transportes einer Prostituierten über Bundesstaatengrenzen" einbringen. Dieses "Verbrechen" basiert auf einem Gesetz aus dem Jahre 1910. Charly Chaplin wurde einst deswegen angeklagt; und der Sänger Chuck Berry wurde 1959 sogar zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gesetz wurde nie geändert.

Die Gattin muss leiden, und zwar öffentlich

Noch ist keinerlei Anklage gegen Eliot Spitzer erhoben worden. Doch man darf bezweifeln, dass er nur über außerehelichen Sex, also eigentlich eine Privatsache, stürzte. Auch, wenn man sich gerne an den saftigen Details der Affäre weidet ( "und er wollte wirklich kein Kondom für Oralsex benutzen?") - der hochrangige Politiker mit Saubermann-Image glaubte wohl, dass Gesetze für ihn nicht gelten. Oder zumindest nur teilweise.

Denn zurücktreten musste der Gouverneur nicht nur, weil er sich in einem Washingtoner Hotel unter dem Namen "George Fox" (der Name eines gar nicht amüsierten Freundes und Spenders) in Zimmer 871 kostenpflichtig vergnügte, sondern weil er möglicherweise versuchte, seine Zahlungen zu verschleiern. Bis zu 80.000 Dollar löhnte er in den vergangenen Jahren dem "Emperors Club VIP" für die Vermittlung von Damen aus dem hochpreisigen Segment. Und nicht alles zahlte der Sohn aus schwerreicher Familie in cash.

Bankmitarbeiter wurden aufmerksam

Die Behörden wurden im Fall Spitzer aktiv, nachdem er von seiner New Yorker Bank offenbar gefordert hatte, eine anstehende Überweisung über 10.000 Dollar in drei kleinere Teilüberweisungen zu stückeln. Die wiederum sollen an Tarnfirmen des Escort-Services gegangen sein. Außerdem drängte Spitzer darauf, seinen Namen aus den Überweisungen tilgen. Dies könnte als "Strukturierung von finanziellen Transaktionen" ausgelegt werden, vielleicht gar für illegale Zwecke - und das ist auch in den USA strafbar.

Spitzers merkwürdige Forderungen wiederum veranlassten die Mitarbeiter seiner Bank offenbar, beim US-Finanzamt Meldung zu erstatten. Zumal, da Eliot Spitzer ja auch zur Gruppe der so genannten PEP gehörte, der "politisch exponierten Personen", deren finanzielle Aktivitäten von Banken besonders aufmerksam verfolgt werden müssen. Dazu gehörte einst auch der chilenische Diktator Augusto Pinochet, der eine US-Bank für seine Geldwäschegeschäfte nutzte.

Der eigenen Arroganz zum Opfer gefallen

Die gemeinsamen Ermittlungen der US-Steuerbehörde und des FBI dauerten sechs Monate. Spitzers ungenierte Telefonate und E-Mails wurden aufgezeichnet, sie boten Beweismaterial satt. Am vergangenen Freitag setzte man Spitzer in Kenntnis. Rasch erinnerte man sich daran, dass Spitzer überall Verfehlung, Korruption und Lüge sah, gegen die er mit "eiserner Härte" vorgehen wollte, etwa an der Wall Street. Doch zugleich hatte er einen möglicherweise illegalen, millionenschweren Wahlkampfkredit seines Vaters, eines New Yorker Immobilienmaklers erst geleugnet, dann heruntergespielt. Und als Gouverneur machte er sich mit seinem Geschwätz mehr Feinde als Freunde.

Eliot Spitzer fiel seiner eigenen Arroganz und seinem Dünkel zum Opfer. Er glaubte wohl, er sei unfehlbar. Dabei hatte er noch im vergangnen Jahr, als er schon Dauerkunde beim VIP-Service war, eine leidenschaftliche Rede gegen die Selbstüberhebung in der Politik gehalten. "Getrieben von Hybris werden wir blind gegenüber unserer eigenen Fehlbarkeit und begehen schreckliche Fehler."

162 schier endlose Sekunden

Als Eliot Spitzer seinen Rücktritt erklärte, sagte er: "Ich habe begonnen, meine privaten Fehltritte zu sühnen. Diese Reue wird mich immer begleiten."

Neben ihm, auf der Bühne, stand zum letzten Mal seine Frau Silda, 162 endlose Sekunden lang. Manchmal blickte sie auf seine Rede, meistens schaute sie regungslos ins Leere. Nur einmal, als er von der "Liebe und dem Mitgefühl" seiner Familie sprach, da zog sie, kaum merklich, die Augenbrauen hoch, beinahe würdevoll. Zu Hause warten drei Töchter auf Silda Wall Spitzer, und sie weiß ja, sie muss sich den Realitäten stellen.

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