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Als Israel sich in Iran verliebte

Es klingt wie ein Märchen. Israelis und Iraner nutzen das Internet, um sich ihrer Zuneigung zu versichern. Gegen einen drohenden Krieg. Ist das naiv oder eine neue Macht von unten?

Von Sophie Albers

  Ein israelisch-iranisches Paar schließt sich der Friedenskampagne "IsraelovesIran" an: "Kiss the war away", so ein Kommentar

Ein israelisch-iranisches Paar schließt sich der Friedenskampagne "IsraelovesIran" an: "Kiss the war away", so ein Kommentar

Beobachter des Konflikts zwischen Israel und Iran haben mit allem gerechnet, nur nicht damit: Seit ein paar Tagen fliegen im Internet Liebesbotschaften hin und her. Ausgerechnet zwischen den beiden Ländern, deren Säbelrasseln seit Monaten so große Kriegsangst schürt: Wird Israel Irans Atomanlagen bombardieren oder nicht? Und wer schlägt dann zurück? Die Kommunikation zwischen den Machtpolitikern Benjamin Netanjahu und Mahmud Ahmadinedschad scheint tot, jenseits aller Wiederbelebungsversuche. Doch dann, als der Druck kaum mehr auszuhalten war, als viele Menschen sich mit tragischem Fatalismus bereits mit dem nächsten Krieg abgefunden zu haben schienen, machte plötzlich ein Facebook-Plakat die Runde, auf dem die Botschaft stand: "Iraner, wir werden niemals euer Land bombardieren. Wir lieben euch!"

Ein Ehepaar aus Tel Aviv, das jeden Tag Plakate designt und ins Internet stellt, hat die eigene, ganz persönliche Angst vor dem Krieg verbalisiert - und damit eine emotionale Lawine losgetreten. Die Israelis wie die Iraner sähen im anderen immer nur die Bestie, erklärt Organisator Roni Edry seine Aktion in einem Interview. Dabei habe er noch nie einen Iraner getroffen. "Und ich habe gedacht, ich sage ihnen einfach, dass ich sie liebe. Das klingt vielleicht dumm, aber es funktioniert."

Antwort aus Iran

Und wie! Mittlerweile sitzen im "situation room" des Designbüros sechs Freunde, die dabei helfen, all die eingehenden Fotos zu bearbeiten und hochzuladen, denn Tausende Israelis sind bereits Edrys Beispiel gefolgt, der sich mit seiner Tochter auf dem Arm und Israel-Fähnchen vor dem Slogan fotografieren ließ. Und als wäre das nicht Überraschung genug, kam dann auch noch die Antwort aus dem Iran.

Hunderte wegen der Zensur meist anonyme Fotos mit Aufschriften wie "Du bist mein erster israelischer Freund" oder "Im Mittleren Osten hat die Gesellschaft begonnen, bitte lasst sie nicht dort enden" gingen auf der Website IsraelovesIran ein. Seitdem macht die Kampagne international die Runde, in Amerika wird darüber genauso berichtet wie in Deutschland und Frankreich. Zu verführerisch ist das Märchen von den Völkern, die sich an den Generälen und Staatsmännern vorbei die Hände schütteln.

Natürlich gibt es auch Zyniker, die die Macher von "IsraelovesIran" für naive Spinner halten, schließlich gehe es hier um die Existenz Israels, die Irans Präsident Ahmadinedschad wiederholt in Frage gestellt hat. Deren Stimmen fallen derzeit allerdings weniger ins Gewicht. Noch überwiegen die Emotionen: Die Fotos und Botschaften "berühren mich so sehr", sagt Roy aus der Nähe von Haifa, im Norden Israels. Das könne ungeheure Wucht entwickeln, hofft er. Auch sein Freund Oren denkt so und glaubt, der Erfolg der Kampagne stehe in Verbindung mit den Sozialprotesten des Sommers. "Die jungen Leute stellen plötzlich Fragen. Wir haben immer in Angst gelebt und darauf vertraut, dass Bibi uns beschützen wird. Aber daran glauben die Menschen nicht mehr unbedingt. Die normale Bevölkerung will keinen Krieg. Es ist immer nur eine winzige Gruppe."

"Alle Optionen liegen auf dem Tisch"

Und was macht die "winzige Gruppe" der Regierenden? Von der iranischen Staatsführung ist bisher nichts zu hören. Israels Präsident Simon Peres hat am vergangenen Montag Neujahrgrüße nach Teheran geschickt und den beiden Völkern "Frieden und Koexistenz" gewünscht. Währenddessen bekräftigte allerdings Verteidigungsminister Ehud Barak bei seinem Berlin-Besuch, dass "alle Optionen auf dem Tisch liegen“. Sein Land könne und werde einen atomar aufgerüsteten Iran nicht akzeptieren.

Die Initiative sei eine schöne Spiegelung dessen, was die israelische Regierung immer wieder betone, sagte der Sprecher der israelischen Botschaft im Gespräch mit stern.de: "Dass dies kein Konflikt zwischen der israelischen und iranischen Bevölkerung ist." Trotzdem müsse aber betont werden, "dass das iranische Atomprogramm weiterhin ein schwerwiegendes Problem ist, das unglücklicherweise nicht durch diese Initiative, sondern nur durch einen entschiedenen politischen Standpunkt der freien Welt gelöst werden kann".

Bleibt also die Frage, was es wert ist, dass das Foto des sich küssenden Paares mit israelischem und iranischem Pass uns so sehr berührt, dass wir es am liebsten sofort weiterverbreiten wollen.

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