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Finanzkrise frisst Hungerhilfe auf

Fast eine Milliarde Menschen hat nicht genug zu essen - 70 Millionen mehr als vor einem Jahr. Und die Finanzkrise wird das weltweite Problem verschlimmern: Die Milliarden für die Rettung der Bankhäuser fehlen nun in der Entwicklungshilfe, die Wirtschaft in den betroffenen Staaten schrumpft und auch den Hilfsorganisationen geht das Geld aus.

Von Niels Kruse

Die Summen sind schwindelerregend: Zwei Billionen Euro versprechen die Regierungen Europas, um das taumelnde Bankensystem wieder ins Lot zu bringen, die USA stellen 513 Milliarden Euro (500 Milliarden Dollar) bereit. Zusammengerechnet eine Zahl mit zwölf Ziffern. Dazu kommen noch die Stützungsgelder der internationalen Notenbanken sowie Finanzspritzen etwa aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Russland und China.

Nun wird das Geld nicht in Gänze auch tatsächlich ausgegeben, doch allein die grundsätzliche Bereitschaft der Regierungen, es im Notfall tun zu wollen, weckt Begehrlichkeiten an anderer Stelle - und durchaus nachvollziehbare. Pünktlich zum Welternährungstag monieren Hilfsorganisationen wie Politik unisono, dass mit nur einem Bruchteil der Gelder das zunehmende Problem der Unterernährung wenn schon nicht gelöst, aber zumindest abgemildert werden könnte.

970 Millionen Menschen von Hunger betroffen

Schwindelerregend auch die aktuellen Zahlen des Washingtoner Forschungsinstituts für Ernährungspolitik (IFPRI): Laut des "Welthungerindex'" werden im kommenden Jahr 970 Millionen Menschen von Hunger und Unterernährung betroffen sein - rund 70 Millionen mehr als in diesem Jahr. "Fast eine Milliarde Hungernde sind eine Schande für die Menschheit. Im Gegensatz zu den Banken sind sie nicht selbst schuld an ihrer Misere", sagte die Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe Ingeborg Schäuble. Und das trotz des Millennium-Ziels der Uno, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Dafür seien jährlich zusätzliche Mittel in Höhe von zehn Milliarden Euro notwendig - ein Bruchteil des Geldes, das für die Unterstützung des Bankensystems ausgegeben wird.

Viele Experten fürchten jedoch, dass die Finanzkrise die Entwicklungspolitik weiter in den Hintergrund drängen wird. Zumal die Hungerkrise viel schlimmer als die Finanzkrise sei, "denn sie bedroht millionenfach Menschenleben", wie Schäuble jetzt sagte. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Entwicklungsexperte Jeffrey Sachs, der zum Beraterkreis von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon gehört, fürchtet allerdings, dass die Betroffenen weiter vernachlässigt werden. Schließlich sei es selbst in den wirtschaftlichen Boom-Jahren nicht möglich gewesen, das Thema zur Priorität zu machen.

Der ärgerliche Trend ist gebrochen

Besonders ärgerlich sei dabei, dass es zwar in zahlreichen Ländern eine positive Entwicklung bei der Hungerbekämpfung gebe, wie IFPRI-Direktor Joachim von Braun sagte, der "langsame Trend" des abnehmenden Hungers aber nun gebrochen sei. Besonders übel ist die Situation in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo und Nordkorea, wo sich die Zahl der Unterernährten verdoppelt hat, wie der "Welthungerindex" zeigt. Insgesamt sind auf der Liste 88 Länder aufgeführt. Auf den hintersten Rängen liegen afrikanische Länder, Schlusslicht ist der Kongo.

Gründe für den Hunger gibt es viele, die Finanzkrise ist ein Teil davon: Außer den steigenden Nahrungsmittel-, Rohstoff- und Energiepreisen gefährdet nun auch noch die drohende Rezession auf den Weltmärkten das Wachstum in den betroffenen Ländern. Laut des Internationalen Währungsfonds wird die Wirtschaftsleistung in den Regionen um zwei Prozent zurückgehen. Das heißt, die armen Staaten werden weniger Geld zur Verfügung haben, sich selbst zu helfen. Daneben macht sich mittlerweile Geldknappheit auch in den reichen Ländern bemerkbar. Ralf Südhoff, Berliner Büroleiter des World Food Programm (WFP) sagt, dass bereits "erste Sponsoren abspringen, weil die Firmen sparen müssen."

Dabei fehlen dem WFP schon jetzt noch ein Drittel der für dieses Jahr zugesagten Mittel in Höhe von insgesamt sechs Milliarden Euro. "Durch die steigende Zahl der Hungernden und die höheren Preise liegt unser Finanzbedarf doppelt so hoch, wie ursprünglich geplant. Was wir 2009 benötigen, ist noch gar nicht abzusehen", so Südhoff. Er fürchtet, dass die Abermilliarden, die nun für die Banken bereitgestellt werden, am Ende für die Bekämpfung des weltweiten Hungers fehlen werden: "Wobei es natürlich schwer nachvollziehbar ist, dass die Staaten einerseits solche enormen Summen in die Hand nehmen, auf der anderen Seite aber eine Milliarde plötzlich nicht mehr finanzierbar sei."

30 Milliarden Dollar werden pro Jahr gebraucht

Auf rund 30 Milliarden Dollar wird der Bedarf zur Bekämpfung des Hungers geschätzt. Ein Teil davon fließt in die Gewährung der so genannten Mikrokredite, mit deren Hilfe die Bewohner von Dritte-Welt-Staaten ihre Selbstständigkeit finanzieren. Das Modell, für das der Erfinder Muhammed Junus vorletztes Jahr den Friedensnobelpreis erhalten hatte, gilt als äußerst erfolgreiche Hilfe zur Selbsthilfe in Entwicklungsländern. Seine Bank ist eine der wenigen, die keine Spenden von Hilfsorganisationen annimmt, doch üblicherweise meidet ein Großteil der Banken diese Art von Darlehen, so dass deren Vergabe dann doch an den Hilfsorganisationen hängenbleibt. Aufgrund ihrer Finanzlöcher wird das Kreditvolumen aber vermutlich zurückgehen - und damit auch die Hoffnung der Betroffenen auf ein halbwegs würdiges Leben. Das bittere Resultat der globalen Finanzkrise: Der Zugang zum Kapital wird Reichen wie Armen erschwert, doch weil sich die Reichen selber Kredite geben, bleibt für die Armen nichts mehr über.

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