Finanzkrise frisst Hungerhilfe auf

16. Oktober 2008, 13:46 Uhr

Fast eine Milliarde Menschen hat nicht genug zu essen - 70 Millionen mehr als vor einem Jahr. Und die Finanzkrise wird das weltweite Problem verschlimmern: Die Milliarden für die Rettung der Bankhäuser fehlen nun in der Entwicklungshilfe, die Wirtschaft in den betroffenen Staaten schrumpft und auch den Hilfsorganisationen geht das Geld aus. Von Niels Kruse

Flüchtlingskinder im Sudan: Die reichen Staaten geben sich selbst, für die Armen bleibt nichts mehr©

Die Summen sind schwindelerregend: Zwei Billionen Euro versprechen die Regierungen Europas, um das taumelnde Bankensystem wieder ins Lot zu bringen, die USA stellen 513 Milliarden Euro (500 Milliarden Dollar) bereit. Zusammengerechnet eine Zahl mit zwölf Ziffern. Dazu kommen noch die Stützungsgelder der internationalen Notenbanken sowie Finanzspritzen etwa aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Russland und China.

Nun wird das Geld nicht in Gänze auch tatsächlich ausgegeben, doch allein die grundsätzliche Bereitschaft der Regierungen, es im Notfall tun zu wollen, weckt Begehrlichkeiten an anderer Stelle - und durchaus nachvollziehbare. Pünktlich zum Welternährungstag monieren Hilfsorganisationen wie Politik unisono, dass mit nur einem Bruchteil der Gelder das zunehmende Problem der Unterernährung wenn schon nicht gelöst, aber zumindest abgemildert werden könnte.

970 Millionen Menschen von Hunger betroffen

Schwindelerregend auch die aktuellen Zahlen des Washingtoner Forschungsinstituts für Ernährungspolitik (IFPRI): Laut des "Welthungerindex'" werden im kommenden Jahr 970 Millionen Menschen von Hunger und Unterernährung betroffen sein - rund 70 Millionen mehr als in diesem Jahr. "Fast eine Milliarde Hungernde sind eine Schande für die Menschheit. Im Gegensatz zu den Banken sind sie nicht selbst schuld an ihrer Misere", sagte die Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe Ingeborg Schäuble. Und das trotz des Millennium-Ziels der Uno, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Dafür seien jährlich zusätzliche Mittel in Höhe von zehn Milliarden Euro notwendig - ein Bruchteil des Geldes, das für die Unterstützung des Bankensystems ausgegeben wird.

Viele Experten fürchten jedoch, dass die Finanzkrise die Entwicklungspolitik weiter in den Hintergrund drängen wird. Zumal die Hungerkrise viel schlimmer als die Finanzkrise sei, "denn sie bedroht millionenfach Menschenleben", wie Schäuble jetzt sagte. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Entwicklungsexperte Jeffrey Sachs, der zum Beraterkreis von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon gehört, fürchtet allerdings, dass die Betroffenen weiter vernachlässigt werden. Schließlich sei es selbst in den wirtschaftlichen Boom-Jahren nicht möglich gewesen, das Thema zur Priorität zu machen.

Der ärgerliche Trend ist gebrochen

Besonders ärgerlich sei dabei, dass es zwar in zahlreichen Ländern eine positive Entwicklung bei der Hungerbekämpfung gebe, wie IFPRI-Direktor Joachim von Braun sagte, der "langsame Trend" des abnehmenden Hungers aber nun gebrochen sei. Besonders übel ist die Situation in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo und Nordkorea, wo sich die Zahl der Unterernährten verdoppelt hat, wie der "Welthungerindex" zeigt. Insgesamt sind auf der Liste 88 Länder aufgeführt. Auf den hintersten Rängen liegen afrikanische Länder, Schlusslicht ist der Kongo.

Gründe für den Hunger gibt es viele, die Finanzkrise ist ein Teil davon: Außer den steigenden Nahrungsmittel-, Rohstoff- und Energiepreisen gefährdet nun auch noch die drohende Rezession auf den Weltmärkten das Wachstum in den betroffenen Ländern. Laut des Internationalen Währungsfonds wird die Wirtschaftsleistung in den Regionen um zwei Prozent zurückgehen. Das heißt, die armen Staaten werden weniger Geld zur Verfügung haben, sich selbst zu helfen. Daneben macht sich mittlerweile Geldknappheit auch in den reichen Ländern bemerkbar. Ralf Südhoff, Berliner Büroleiter des World Food Programm (WFP) sagt, dass bereits "erste Sponsoren abspringen, weil die Firmen sparen müssen."

Dabei fehlen dem WFP schon jetzt noch ein Drittel der für dieses Jahr zugesagten Mittel in Höhe von insgesamt sechs Milliarden Euro. "Durch die steigende Zahl der Hungernden und die höheren Preise liegt unser Finanzbedarf doppelt so hoch, wie ursprünglich geplant. Was wir 2009 benötigen, ist noch gar nicht abzusehen", so Südhoff. Er fürchtet, dass die Abermilliarden, die nun für die Banken bereitgestellt werden, am Ende für die Bekämpfung des weltweiten Hungers fehlen werden: "Wobei es natürlich schwer nachvollziehbar ist, dass die Staaten einerseits solche enormen Summen in die Hand nehmen, auf der anderen Seite aber eine Milliarde plötzlich nicht mehr finanzierbar sei."

30 Milliarden Dollar werden pro Jahr gebraucht

Auf rund 30 Milliarden Dollar wird der Bedarf zur Bekämpfung des Hungers geschätzt. Ein Teil davon fließt in die Gewährung der so genannten Mikrokredite, mit deren Hilfe die Bewohner von Dritte-Welt-Staaten ihre Selbstständigkeit finanzieren. Das Modell, für das der Erfinder Muhammed Junus vorletztes Jahr den Friedensnobelpreis erhalten hatte, gilt als äußerst erfolgreiche Hilfe zur Selbsthilfe in Entwicklungsländern. Seine Bank ist eine der wenigen, die keine Spenden von Hilfsorganisationen annimmt, doch üblicherweise meidet ein Großteil der Banken diese Art von Darlehen, so dass deren Vergabe dann doch an den Hilfsorganisationen hängenbleibt. Aufgrund ihrer Finanzlöcher wird das Kreditvolumen aber vermutlich zurückgehen - und damit auch die Hoffnung der Betroffenen auf ein halbwegs würdiges Leben. Das bittere Resultat der globalen Finanzkrise: Der Zugang zum Kapital wird Reichen wie Armen erschwert, doch weil sich die Reichen selber Kredite geben, bleibt für die Armen nichts mehr über.

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KOMMENTARE (10 von 17)
 
HolgerLipp (17.10.2008, 14:43 Uhr)
Sehr geehrte Kommentatoren! Darf ich nochmal...?
Können wir "alte" Probleme mit "alten" Methoden lösen?
Es sieht nach einer "ja, aber..."-Diskussion aus, bisweilen auch nach einem Schlagabtausch. Bringt uns das weiter?
Wir sehen die Probleme. Wir bemerken schmerzlich, dass wir keine Lösung bieten können, zumindest keine, der alle zustimmen wollen.
Ohnmacht ist nicht schön, aber sie ist deutlich. SO geht es offensichtlich nicht. Und DIE Lösung gibt es sowieso nicht; dazu sind die Herausforderungen zu differenziert.
Jede Äußerung hier basiert auf Erfahrungen von EINZELNEN. Und jede Äußerung wird getragen von der individuellen Überzeugung "so ist es doch!". Es ist sicher viel verlangt, aber wollen wir nicht einmal versuchen, ALLES zu integrieren? Alle Interessen - nicht Begehrlichkeiten! -, alle Positionen. Wir brauchen jeden einzelnen. "DIE DA DRAUSSEN" und "DIE ANDEREN" können wir uns nicht leisten, wenn wir das wollen, was den Namen "Lösung" verdient. Und nachdem sich alles immer ändert, können wir uns der "Lösung" auch immer nur annähern.
Manche von Ihnen spenden, manche helfen vor Ort, andere reden darüber und halten das Thema "in Erinnerung" usw. Wir können auf nichts davon verzichten! Und wir können auch nicht auf die verzichten, die gar nichts tun wollen. Wie könnten wir sie ermutigen?
Lassen wir bitte nicht zu, dass bei aller verständlichen Aufgebrachtheit kein Raum mehr für die Frage bleibt: Was könnten wir noch tun?
Und wenn Sie eine Antwort darauf haben, die IHRER ÜBERZEUGUNG entspricht, dann tun Sie es bitte; ganz gleich, was die anderen sagen!
@ suki09
ICH sage danke. Wenn Ihnen mein Beitrag etwas gebracht haben sollte, freut es mich.
@ Kiezzabel
Danke für Ihre Beachtung. Mein Vergleich mit dem Uhrwerk ist sicher sehr mäßig; das Manko von jedem Vergleich. Darf ich einen erneuten Versuch unternehmen? Nehmen wir als "Afrika" z.B. ein "Rädchen im Uhrwerk" und als die Menschen in Afrika die Atome des Rädchens. Ist es wirklich wahr, wenn man von den Millionen Atomen 2000 wegnimmt, dass es "ziemlich egal" ist? Und noch einmal 2000 oder 20000 oder 200000. Wir werden keinen Unterschied sehen oder hören oder fühlen, aber IST DA wirklich auch keiner?? Wie lange wird das "Rädchen" wohl halten, wenn es so weitergeht?
Ist es am Ende nicht EIN Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt? Sind die 2000 Tropfen am Anfang oder in der Mitte "egal"? Wo wäre der letzte Tropfen OHNE die 2000 in der Mitte??
Hat EIN fehlender Dominostein in einer umfallenden Kette von MILLIONEN Steinen keine Schlüsselposition? Vielleicht braucht es auch zwei oder drei, aber viele braucht es nicht, damit die umstürzende Kette aufgehalten werden kann. Mein Angebot steht nach wie vor: Ich trete aus dieser Kette. Kommen Sie mit?
Wollen wir einmal eine andere Kette versuchen?
Der "Penner" IST Teil der Arbeitswelt, der Gesellschaft, der Geldströme. Und daher klafft an diesen drei Stellen jetzt eine Lücke: SEINE Lücke. Warum können, warum wollen wir nichts versuchen, in an seine Stelle einzuladen? Was tun WIR, dass ER nicht in unsere Gesellschaft will? Was sagt das über UNS? Und: Wie soll, wie kann UNSERE Kette weiterlaufen, wenn SEIN Stein fehlt??
Ich möchte nicht behaupten, dass ich gut vergleichen kann; aber eines kann ich garantiert: Ich versichere Ihnen, dass da wesentlich mehr ist; mehr Hintergründe und mehr Möglichkeiten. Sehr viel mehr!
Vielen Dank für das, was Sie schon alles tun. Und, bitte, hören Sie jetzt bloß nicht auf!
ganzbaf (16.10.2008, 23:41 Uhr)
Eliteungeist...

plus Sozialdarwinismus = Faschismus.
Kiezzabel (16.10.2008, 23:12 Uhr)
@suki
Ich habe NICHT geschrieben "Mitgefühl hilft nicht" sondern "Mitgefühl REICHT nicht". Es helfen auch keine Spenden, oder Studenten, die ihr soziales Jahr in Äthiopien verbringen.
Ich sag's mal so: Die Chinesen und die Araber machen's richtig. Während wir mit irgendwelchen bekloppten "helft den armen Negerkindern und spendet brav für Unicef"-Konzeoten dort auflaufen, machen die Geschäfte mit afrikanischen Staaten. Natürlich wird dann die afrikanische Bevölkerung als billig Arbeitskräfte "ausgenutzt". Aber es ist ein Anfang.
Beispiel: Wir spenden kerne Klamotten ans DRK. es gab mal einen Skandal, als herauskam, dass die Plastiksäcke in Dar es Alaam am Hafen versteigert wurden, den eigentlich sollten die Kleider den armen Schwarzen umsonst überlassen werden, was natürlich die dortige Textilwirtschaft versiffte. Deswegen war es letztendlich sinnvoller, die Kleidersäcke zu kommerzialisieren: Für ein paar Dollar konnte man ein Riesenbündel Altkleider kaufen, und damit Handel treiben (was auch nicht gut war für die dortige Textilwirtschaft, aber die war dann schon richtig im Arsch, also egal). Mittlerweile ist der Mitumba (bitte Googlen) ein Markt in Ostafrika, der einige Existenzen sichert, was das bescheuerte Gutmensch-ich-schenk-den-was-weil-dann-habe-ich-was-gutes-getan-Denken niemals geschafft hätte.
Was ich sagen will: Asiaten und Araber machen Geschäfte mit Afrika, während wir "Entwicklungshilfe" leisten.
MMSterling (16.10.2008, 22:04 Uhr)
Finanzhilfen...
sichern wohl eher die Hungerhilfe. Klingt komisch, aber so lange die Staaten der dritten Welt sich nicht selbst ernähren können, sind sie auf die Almosen der Industrieländer angewiesen. Und die haben eben nur Geld übrig, wenn ihre Wirtschaft nicht zusammenbricht. Und so lange die 3. Welt-Staaten ihre Bevölkerungsexplosion nicht in den Griff bekommen, werden sie den Hunger wohl kaum stillen können.
suki09 (16.10.2008, 21:47 Uhr)
@holgerlipp
vielen Dank für ihren klugen Beitrag!
Um es mit Stephen Covey zu sagen:
Sei kein Richter, sei ein Licht.
hannes_schinder (16.10.2008, 21:44 Uhr)
Tja,
Geld kann man nicht essen. Vielleicht sollte in Leistungen oder Naturalien geholfen werden.
Ist doch wirklich peinlich, dass jetzt die Kinder doch verhungern müssen die eben noch Hoffnung schöpfen durften.
Wie tief sind wir gesunken?
suki09 (16.10.2008, 21:37 Uhr)
@kiezzabel
sie "haben nichts gegen Mitgefühl"?
Heißt das, Sie akzeptieren es so wie sie z.B. ein Tempolimit auf der Autobahn akzeptieren ?
Mitgefühl hilft nicht meinen Sie?
Was glauben Sie ist denn sonst die Vorraussetzung für eine Hilfe?
Verhöhnung wie von einigen Autoren hier betrieben wohl kaum.....
Georges13437 (16.10.2008, 21:08 Uhr)
Die Finanzkrise wird nicht nur die Hungerhilfe fressen,
sie wird am Ende uns alle mit Haut und Haaren, verschlungen haben. Alle Zugeständnisse an die Normalbürger werden, wenn es ernst wird, völlig ohne Bedeutung sein. Siegen werden nur die Kriegskassen in denen das Geld der Menschen spurlos verschwinden werden.
Es wird noch einige Zeit dauern, bis auch der letzte Gutgläubige, seine Hoffnung zu Grabe getragen hat und begreifen wird, dass wir alle von Räubern unserer Zeit gewaltig über den Leisten gezogen wurden.
Herzlichst
Georges13437
Kiezzabel (16.10.2008, 19:14 Uhr)
okay, 11.657.999.000
bis 2050.
Ich weiß nicht, wo sie ihre Zahlen herhaben. Meine stammt von der Bundeszentrale für politische Bildung (http://www.bpb.de/files/MUEY95.pdf)
Nun, ich fürchte aber dass es nicht damit getan ist, Fahrrad zu fahren (was ich tue, da ich kein Auto habe) udn weniger Fleisch zu essen (tu ich ebenfalls).
Übrigens kann ich dem Kommentator nicht zustimmen, der meint, jeder einzelne sei wichtig und in einer Schlüsselposition oder so wichtig wie ein Rädchen in einem Uhrwerk. Das ist schlichtweg nicht wahr. Wahr, aber leider sehr traurig ist, dass es ziemlich egal ist, ob im Sudan 2.000 Menschen an einem Tag sterben. Das ist nicht meine Meinung, sondern eine Einschätzung, die leider immer wieder bestätigt wird.
Um bei der Uhrwerkmetapher zu bleiben. Der Penner an der Strassenecke ist nicht Teil des Uhrwerks, er existiert abseits der Arbeitswelt, der Gesellschaft, der Geldströme.
@ Suzuki: Ich habe gar nichts gegen Mitgefühl, aber Mitgefühl reicht nicht. Und Spendengelder leider auch nicht.
Diese Menschen sind weder Zielgruppe, noch Konsumenten oder gar Produzenten.
Deswegen
Nostradamus (16.10.2008, 19:11 Uhr)
Warum?
Es ist schon extrem ärgerlich, wenn Milliarden verheizt und umverteilt werden und der Staat meint in das Feuer noch weitere Milliarden reinlegen zu müssen.
Uns geht es gut. Habe zwei eigene Kinder und zwei Patenkinder für die ich auch dann noch Geld übrig habe, wenn ich den eigenen erklären muß, dass das eine oder andere nicht drin ist.
Allerdings die meisten Banker und Börsianer und auch viele der neuen Manager, die auf Ethik im Geschäftsleben keinen Pfifferling geben, die sehen in sowas allenfalls Schwäche.
Die Welt ist nunmal so, dass die mit den langen Zähne ohne Skrupel am festesten zubeißen.
Ich wiederhole mich: In keinem Staat der Erde regiert eine Mutter Theresa aber es gibt dutzende Saddams.
Diie Asozialen schwimmen hier ganz oben. Da hat Gott offenbar entweder was ganz falsch gemacht oder, wie ich immer spekuliere, die Existenz hier auf Erden ist eben doch eine Zwischenwelt in der die Spreu vom Weizen getrennt wird. Auf der anderen Seite, wer will Menschen, die Defekte im Hirn aufweisen und daher kein Mitgefühl haben dafür bestrafen.
Für die Menschen gilt klar, dass sie den Darwinismus nicht nur auf die Arten des Planeten anwenden sondern auch auf sich selbst. Trotz allem Geschwafel derer, die sich immer wenn es Stimmen gibt in der Kirche sehen lassen.
Herr laß die Wölfe nicht Hirten Deiner Herde sein. Das schließt jeden Menschen ein. Unabhängig von seinem Glauben.
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