Seit Urzeiten glaubt man auf den Philippinen, dass Reis nur in dauergefluteten Feldern gedeiht. Doch es geht auch anders. Und ausgerechnet Wasserdiebe haben die skeptischen Reisbauern davon überzeugt. Nun wächst in Ostasien der Reis der Zukunft. Von Hilja Müller

Ein philippinischer Bauer auf einem Reisfeld an den Hängen des Vulkans Mayon - es sind die ärmsten der Armen, die diesen Knochenjob machen© Picture-Alliance
Der Feind musste nachts gekommen sein. Es waren Profis am Werk gewesen, kein Zweifel. Geschickt hatten sie den Lauf eines kleinen Baches verändert, damit ihre Reisfelder ausreichend bewässert würden und sie weiter jadegrün an den steilen Hängen eines abgelegenen Tals in den philippinischen Kordilleren leuchteten. Doch die Wasserdiebe von Dalican sollten an ihrem nächtlichen Coup wenig Freude haben. Die Bestohlenen, Bewohner des kleinen Ortes Fidelisan, auf dessen Gebiet die Quelle des Bächleins liegt, fackelten nicht lange. Mit Verhandeln haben sich die Bergstämme der Philippinen noch nie groß aufgehalten.
Drei Tote forderten die Feindseligkeiten zwischen Dalican und Fidelisan, Entführungen ließen den Konflikt weiterschwelen. Drohungen, die Entführten ebenfalls umzubringen, zwangen die Dorfältesten schließlich, sich an einen Tisch zu setzen. Seither herrscht Frieden in dem Bergtal, der Bach bewässert nun die Reisfelder beider Orte. Die Fehde ums Wasser war in erster Linie ein Krieg um Reis. Das längliche Korn ist das Hauptnahrungsmittel von fast drei Milliarden Menschen. Vor allem in Asien ist eine Mahlzeit ohne dieses Getreide als Magenfüller nicht vorstellbar. Der Stellenwert von Reis spiegelt sich selbst in der Sprache: In Mandarin-Chinesisch ist das Wort für "Reis" gleichbedeutend mit "Essen". Thailänder sagen "Reis essen", wo wir einfach "essen" sagen. Doch Reis benötigt Wasser, um zu gedeihen. Viel Wasser. Mehr als jedes andere Getreide.
Während die Produktion von einem Kilogramm Reis bis zu dreitausend Liter Wasser verschlingt, verbraucht der Anbau von Weizen nicht einmal die Hälfte. Experten schätzen, dass zwischen einem Viertel und einem Drittel der globalen Frischwasserreserven in die Reisgewinnung fließen. Ideale Konditionen für den Reisanbau finden sich beispielsweise in den Deltagegenden Südostasiens, in Ländern wie Vietnam, Myanmar oder Thailand. Der philippinische Archipel hingegen hat zwar endlose Küstenkilometer zu bieten, doch keine gewaltigen Flusslandschaften wie das Mekong-Delta. Auf den Inseln gedeiht längst nicht genug Reis, um den Bedarf der 90-Millionen- Bevölkerung zu decken. Das macht die Philippinen extrem abhängig von Reisimporten aus den Nachbarstaaten. Als im ersten Halbjahr 2008 die Preise für das Getreide explodierten, traf dies den Inselstaat besonders hart. Binnen drei Monaten hatte sich der Preis für die meisten Reissorten auf dem Weltmarkt verdreifacht. Auf Manilas Märkten standen die Menschen fassungslos vor den Preisschildern. Statt 18 Pesos mussten sie nun bis zu 50 Pesos pro Kilo bezahlen, circa 80 Eurocent. Unerschwinglich teuer für die fast 40 Millionen Filipinos, die von weniger als einem Euro am Tag leben müssen. Eine, die es hart getroffen hat, ist Anita Antonio. Sie arbeitet an sechs Tagen der Woche für gut verdienende Ausländer, putzt deren Häuser, bügelt die Wäsche oder passt auf die Kinder auf. Ist sie krank oder fahren die Arbeitgeber in Urlaub, muss sie darauf hoffen, dass diese ihr dennoch ein wenig Geld geben. Zwischen 400 und 500 Pesos bringt die 35-Jährige von einem zehnstündigen Arbeitstag nach Hause, umgerechnet sechs bis acht Euro. Mehr als viele andere Frauen, die als Haushaltshilfen schuften, doch sparen kann Anita Antonio nichts.
Jeder Arztbesuch ist ein finanzielles Desaster, jede Stromrechnung reißt eine große Lücke ins schmale Budget. Ihr Mann ist arbeitslos, die drei Kinder gehen zur Schule. Noch. Denn die Uniformen, die Bücher und Hefte sind teuer. "Ich habe keine Chance mehr, meine Familie satt zu bekommen. Schon vor der Reiskrise habe ich fast die Hälfte von meinem Verdienst fürs Essen ausgegeben. Mehr ist nicht drin - oder wir müssen die Kinder von der Schule nehmen", klagt die magere Filipina. Derzeit leistet sich die Familie nur noch halbe Reisportionen, und abends gibt es oft nur Brot. "Da bleibt immer ein leeres Gefühl im Bauch", sagt sie. (…)
(…) Mitte der 1970er-Jahre entwickelten Wissenschaftler des Internationalen Reisforschungsinstituts (IRRI) neue Reissorten, die wesentlich höhere Erträge brachten als traditionelle Sorten. Exportierende Länder profitierten, da sie deutlich mehr Reis ernten und verkaufen konnten. Und für die Armen Asiens wurde ihr Hauptnahrungsmittel wieder erschwinglich, da die Preise für das Getreide auf dem Weltmarkt deutlich sanken. Doch auch diese neuen Reissorten konnten die Reiskrise im Frühjahr 2008 nicht verhindern. Der Grund ist: "Es wird mehr konsumiert als produziert, und das schon seit mehreren Jahren. Nationale Vorräte mussten auf den Markt gebracht werden, und nun sind die Lagerhallen leer. Es gibt keine Puffer mehr, die den Preisanstieg hätten stoppen können", so die ebenso einleuchtende wie bittere Analyse von IRRI-Chef Dr. Robert Zeigler. (…) (…) Ein Mann, der sich bereits seit 20 Jahren mit Klimaveränderungen und deren Auswirkungen auf den Reisanbau befasst, ist Dr. Reiner Wassmann. Von 1991 bis 1999 arbeitete der Deutsche am IRRI und ist 2006 im Auftrag des Forschungszentrums Karlsruhe wieder an den Mount Makiling zurückgekehrt. "Anfang der 1990er-Jahre war das noch ein exotisches Wissenschaftsgebiet, und der Klimawandel nur eine Hypothese", sagt er. "Heute sind die meisten Zweifler überzeugt; die Folgen sind inzwischen ja auch nicht mehr zu übersehen." Deutliche Symptome einer wärmeren Welt seien beispielsweise die häufigeren und heftigeren tropischen Wirbelstürme, die mit brachialer Windgewalt und verheerenden Wolkenbrüchen massive Verwüstungen anrichten. "Gerade was Überflutungen angeht, sind wir sehr besorgt", betont der Klimaexperte.
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"Weltmacht Wasser" bei stern.de Für das Buch "Weltmacht Wasser", herausgegeben von Silvia Feist, berichten 15 Auslandkorrespondenten von Weltreporter.net den jeweiligen Ländern in denen sie leben: Sie sprechen mit den Menschen vor Ort über ihre Lage und beleuchten die Krisensituationen, die Wassermangel oder auch -überfluss bewirken.
stern.de veröffentlicht mit Erscheinen des Buches am 5. März vier Beiträge aus dem Kapitel "Leben mit dem Wasser - Alternativen der Zukunft".
Silvia Feist (Hrsg.), "Weltmacht Wasser. Weltreporter berichten", 14,95 Euro, ISBN 978-3-7766-2596-7, Herbig Verlag 2009