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Die Rückkehr des Hungers

Kekse aus Lehm, Straßenschlachten um Brot: Wegen explodierender Lebensmittelpreise sind Nahrungsmittel für viele Menschen nicht mehr bezahlbar. Weil die Menschheit es trotz oder gerade wegen des steigenden Wohlstands nicht schafft, sich selbst zu ernähren, droht eine Revolte der Hungrigen.

Von Lenz Jacobsen

Auf Haiti essen sie mittlerweile Dreck. Aus Lehm, Salz und etwas Pflanzenfett backen die Frauen in der sengenden Hitze der karibischen Insel kleine, harte Kekse, mit denen sie ihre Familien über den Tag zu bringen versuchen. Richtiges Essen können sich viele der bitterarmen Inselbewohner schon lange nicht mehr leisten. Reis, Bohnen und Obst verteuerten sich im vergangenen Jahr um 50 Prozent, Nudeln sind doppelt so teuer wie vor zwölf Monaten. Vergangene Woche protestierten hungrige Aufständische in der Hauptstadt Port-au-Prince aus Verzweiflung über die hohen Preise, fünf Tote und weit über hundert Verletzte gab es, die Regierung ist mittlerweile zurückgetreten.

Haiti könnte erst der Anfang einer weltweiten Revolte der Hungrigen sein. Die Weltbank, sonst nicht gerade für schrille Töne bekannt, spricht von "ernsthaften Sicherheitsproblemen" durch hohe Lebensmittelpreise in 33 Staaten. Die Preise aller Grundnahrungsmittel steigen rasant, explodierten allein in den vergangenen zwei Monaten: Der von Reis stieg um 75, der von Weizen um 120 Prozent, auch Mais verzeichnet den heftigsten Anstieg seit Jahrzehnten. Ägypten subventioniert den Brotpreis mittlerweile mit über zwei Milliarden Dollar - und kann ein Chaos in den Bäckereien doch nicht verhindern. In vielen Ländern ist die Lage ähnlich dramatisch, ob Rationierungen auf den Philippinen oder Straßenschlachten in Bangladesh - besonders die ärmsten der Ärmsten der Armen leiden unter jedem Cent, den sie für ihr tägliches Brot mehr zahlen müssen.

Selbst Experten sind überrascht

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schlägt deshalb lautstark Alarm: Sein Präsident Dominique Strauss-Kahn warnte vor "furchterregenden Konsequenzen" und fürchtet: "Hunderttausende könnten an Hunger sterben." Selbst Experten sind von der Geschwindigkeit und dem Ausmaß der Preissteigerungen überrascht. Ein explosives und sich gegenseitig verstärkendes Gemisch aus ökologischen und ökonomischen Faktoren hat die Preise in einem Ausmaß und Tempo explodieren lassen, das selbst Experten überrascht.

Da sind zum einen reihenweise Ernteausfälle, begründet in Dürren, Überschwemmungen, Erosionen - vieles davon direkte oder indirekte Folgen des Klimawandels. In Australien, dem zweitgrößten Weizenexporteur der Welt, hat die Hitze gleich die Hälfte der Ernte vernichtet. Und es ist wohl mehr als wahrscheinlich, das dies nicht der letzte Ernteausfall wegen Trockenheit gewesen sein wird, wie ein Vertreter der Wasserwirtschaft vorsichtig andeutet: "Wir vermeiden es, von Dürre zu sprechen, und sagen lieber, dass das die neue Realität ist."

Börsenspekulanten verdienen an den steigenden Rohstoffpreisen

Die neue Realität, dass ist auch der rasant steigende Ölpreis, der nicht nur das Autofahren, sondern auch die Nahrungsmittelproduktion deutlich verteuert. Simone Pott von der Welthungerhilfe erklärt: "Wenn der Ölpreis steigt, steigen auch die Kosten für Maschinen und vor allem für den Transport der Lebensmittel. Das wirkt sich also gleich mehrfach aus."

Hinzu kommt, dass weltweit Börsenspekulanten an den steigenden Rohstoffpreisen mitverdienen. Sie handeln mit Finanzprodukten, die beispielsweise an die Preisentwicklung von Weizen gekoppelt sind. Dass füllt zwar ihre Taschen, trägt aber auch dazu bei, dass Weizen für die Verbraucher noch teurer wird.

Weltkarte des Hungers

Der Hauptgrund für die Rückkehr des Hungers aber ist ein ganz anderer: veränderte Essgewohnheiten. "Mit wachsendem Wohlstand wollen die Leute auch endlich etwas anderes essen als immer nur Reis und Brot", erläutert Simone Pott, "sie wollen sich was leisten". Sich was leisten - das heißt vor allem: Mehr Fleisch. Im Westen schon längst Massenware, explodiert jetzt auch in den aufstrebenden Schwellenländern, allen voran China und Indien, die Nachfrage nach Tierprodukten. Und diese sind, agrarökonomisch gesehen, deutlich teurer. Für ein Kilo Schweinefleisch muss man vorher mindestens drei Kilo Getreide verfüttern, für ein Kilo Rindfleisch sogar sieben Kilo. Dieses Getreide fehlt dann an anderer Stelle, um die Massen mit einfachem Brot satt zu kriegen.

Mitschuldig ist die Wirtschaftspolitik des Westens

Es ist eine absurde Situation: Weil es weiten Teilen der Weltbevölkerung immer besser geht, wird die Nahrung immer knapper. Dabei wären gerade die betroffenen Staaten eigentlich locker in der Lage, sich selbst zu versorgen. Viele der ärmsten Länder der Welt sind typische Agrarstaaten. Doch Haiti, Bangladesh oder Vietnam haben ihre eigene Landwirtschaft über Jahrzehnte nicht genug gefördert. "Es fehlt da oft an ganz Grundsätzlichem", weiß Simone Pott, "zum Beispiel an Landrechten und Krediten, mit denen man sich eine Existenz aufbauen könnte." Und an Infrastruktur: "Wer sein Gemüse auf dem Markt verkaufen will, der braucht ja erst einmal Straßen, um zum Markt zu kommen." Doch Straßen gibt es oft nicht, weite Teile der Länder sind gar nicht erschlossen. Deshalb treibt es die Landbevölkerung zu hunderttausenden in die Städte, wo sie nach einer Zukunft und Wohlstand suchen - und oft in elendigen Slums enden.

Mit Schuld an dieser Misere ist auch die Wirtschaftspolitik des Westens. Der hat über Jahrzehnte seine Märkte durch hohe Zölle vor billigen Lebensmittelimporten geschützt, und damit den Export für die ärmeren Länder unattraktiv gemacht. Kim Schmitz, Agrarökonomin an der Uni Gießen, formuliert das so: "Die westliche Subventions- und Zollpolitik hemmt die heimische Agrarwirtschaft in vielen Entwicklungsländern, wenn sie keinen ausreichenden Marktzugang erhalten." Andersherum überschwemmen die Industriestaaten mit ihren subventionierten Billig-Lebensmitteln die Märkte der Entwicklungsländer. Die Staaten wurden so quasi dazu gedrängt, sich von der Landwirtschaft zu verabschieden. Eine Entwicklung, die sich nun rächt. Auch die Entwicklungshilfe trägt eine Mitschuld: "Die Förderung für ländliche Gebiete ist seit Jahren rückläufig", kritisiert Simone Pott von der Welthungerhilfe, dieser Trend müsse nun umgekehrt werden. Vor diesem Hintergrund wundert sie sich über die dramatischen Warnungen des IWF: "Es ist schon komisch, dass man dort jetzt zur eigenen Sache macht, was man jahrelang nicht erkennen wollte."

Doch die Katastrophe bietet auch eine Chance: Mit der Aufwertung der Nahrungsmittel wird die Landwirtschaft wieder attraktiver, Bauern könnten bald wieder von ihrer Arbeit leben. Das wiederum würde in den Entwicklungsländern den Strom der Menschen in die Ghettos der Metropolen aufhalten, wo die Verlierer der Globalisierung zusammengepfercht sind. Weniger Ghettos bedeuten weniger soziale Spannungen, bedeuten weniger Unruhen, bedeuten mehr Stabilität. Am Ende könnte die aktuelle Nahrungsmittelknappheit für die armen Länder eine Chance zur Besserung ihrer Lage sein. Doch noch ist das alles Zukunftsmusik. Während wir im Westen im Zuge der Weltfinanzkrise um unsere Banken zittern, bedroht die neue Welthungerkrise Millionen von Menschen viel unmittelbarer: Es geht ums nackte Überleben.

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