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15. April 2008, 15:37 Uhr
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Die Rückkehr des Hungers

Kekse aus Lehm, Straßenschlachten um Brot: Wegen explodierender Lebensmittelpreise sind Nahrungsmittel für viele Menschen nicht mehr bezahlbar. Weil die Menschheit es trotz oder gerade wegen des steigenden Wohlstands nicht schafft, sich selbst zu ernähren, droht eine Revolte der Hungrigen. Von Lenz Jacobsen

Oft nur noch Haut und Knochen: ein Kind in Afrika© Walter Astrada/AP

Auf Haiti essen sie mittlerweile Dreck. Aus Lehm, Salz und etwas Pflanzenfett backen die Frauen in der sengenden Hitze der karibischen Insel kleine, harte Kekse, mit denen sie ihre Familien über den Tag zu bringen versuchen. Richtiges Essen können sich viele der bitterarmen Inselbewohner schon lange nicht mehr leisten. Reis, Bohnen und Obst verteuerten sich im vergangenen Jahr um 50 Prozent, Nudeln sind doppelt so teuer wie vor zwölf Monaten. Vergangene Woche protestierten hungrige Aufständische in der Hauptstadt Port-au-Prince aus Verzweiflung über die hohen Preise, fünf Tote und weit über hundert Verletzte gab es, die Regierung ist mittlerweile zurückgetreten.

Haiti könnte erst der Anfang einer weltweiten Revolte der Hungrigen sein. Die Weltbank, sonst nicht gerade für schrille Töne bekannt, spricht von "ernsthaften Sicherheitsproblemen" durch hohe Lebensmittelpreise in 33 Staaten. Die Preise aller Grundnahrungsmittel steigen rasant, explodierten allein in den vergangenen zwei Monaten: Der von Reis stieg um 75, der von Weizen um 120 Prozent, auch Mais verzeichnet den heftigsten Anstieg seit Jahrzehnten. Ägypten subventioniert den Brotpreis mittlerweile mit über zwei Milliarden Dollar - und kann ein Chaos in den Bäckereien doch nicht verhindern. In vielen Ländern ist die Lage ähnlich dramatisch, ob Rationierungen auf den Philippinen oder Straßenschlachten in Bangladesh - besonders die ärmsten der Ärmsten der Armen leiden unter jedem Cent, den sie für ihr tägliches Brot mehr zahlen müssen.

Selbst Experten sind überrascht

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schlägt deshalb lautstark Alarm: Sein Präsident Dominique Strauss-Kahn warnte vor "furchterregenden Konsequenzen" und fürchtet: "Hunderttausende könnten an Hunger sterben." Selbst Experten sind von der Geschwindigkeit und dem Ausmaß der Preissteigerungen überrascht. Ein explosives und sich gegenseitig verstärkendes Gemisch aus ökologischen und ökonomischen Faktoren hat die Preise in einem Ausmaß und Tempo explodieren lassen, das selbst Experten überrascht.

Da sind zum einen reihenweise Ernteausfälle, begründet in Dürren, Überschwemmungen, Erosionen - vieles davon direkte oder indirekte Folgen des Klimawandels. In Australien, dem zweitgrößten Weizenexporteur der Welt, hat die Hitze gleich die Hälfte der Ernte vernichtet. Und es ist wohl mehr als wahrscheinlich, das dies nicht der letzte Ernteausfall wegen Trockenheit gewesen sein wird, wie ein Vertreter der Wasserwirtschaft vorsichtig andeutet: "Wir vermeiden es, von Dürre zu sprechen, und sagen lieber, dass das die neue Realität ist."

Börsenspekulanten verdienen an den steigenden Rohstoffpreisen

Die neue Realität, dass ist auch der rasant steigende Ölpreis, der nicht nur das Autofahren, sondern auch die Nahrungsmittelproduktion deutlich verteuert. Simone Pott von der Welthungerhilfe erklärt: "Wenn der Ölpreis steigt, steigen auch die Kosten für Maschinen und vor allem für den Transport der Lebensmittel. Das wirkt sich also gleich mehrfach aus."

Hinzu kommt, dass weltweit Börsenspekulanten an den steigenden Rohstoffpreisen mitverdienen. Sie handeln mit Finanzprodukten, die beispielsweise an die Preisentwicklung von Weizen gekoppelt sind. Dass füllt zwar ihre Taschen, trägt aber auch dazu bei, dass Weizen für die Verbraucher noch teurer wird.

Weltkarte des Hungers

Der Hauptgrund für die Rückkehr des Hungers aber ist ein ganz anderer: veränderte Essgewohnheiten. "Mit wachsendem Wohlstand wollen die Leute auch endlich etwas anderes essen als immer nur Reis und Brot", erläutert Simone Pott, "sie wollen sich was leisten". Sich was leisten - das heißt vor allem: Mehr Fleisch. Im Westen schon längst Massenware, explodiert jetzt auch in den aufstrebenden Schwellenländern, allen voran China und Indien, die Nachfrage nach Tierprodukten. Und diese sind, agrarökonomisch gesehen, deutlich teurer. Für ein Kilo Schweinefleisch muss man vorher mindestens drei Kilo Getreide verfüttern, für ein Kilo Rindfleisch sogar sieben Kilo. Dieses Getreide fehlt dann an anderer Stelle, um die Massen mit einfachem Brot satt zu kriegen.

Mitschuldig ist die Wirtschaftspolitik des Westens

Es ist eine absurde Situation: Weil es weiten Teilen der Weltbevölkerung immer besser geht, wird die Nahrung immer knapper. Dabei wären gerade die betroffenen Staaten eigentlich locker in der Lage, sich selbst zu versorgen. Viele der ärmsten Länder der Welt sind typische Agrarstaaten. Doch Haiti, Bangladesh oder Vietnam haben ihre eigene Landwirtschaft über Jahrzehnte nicht genug gefördert. "Es fehlt da oft an ganz Grundsätzlichem", weiß Simone Pott, "zum Beispiel an Landrechten und Krediten, mit denen man sich eine Existenz aufbauen könnte." Und an Infrastruktur: "Wer sein Gemüse auf dem Markt verkaufen will, der braucht ja erst einmal Straßen, um zum Markt zu kommen." Doch Straßen gibt es oft nicht, weite Teile der Länder sind gar nicht erschlossen. Deshalb treibt es die Landbevölkerung zu hunderttausenden in die Städte, wo sie nach einer Zukunft und Wohlstand suchen - und oft in elendigen Slums enden.

Mit Schuld an dieser Misere ist auch die Wirtschaftspolitik des Westens. Der hat über Jahrzehnte seine Märkte durch hohe Zölle vor billigen Lebensmittelimporten geschützt, und damit den Export für die ärmeren Länder unattraktiv gemacht. Kim Schmitz, Agrarökonomin an der Uni Gießen, formuliert das so: "Die westliche Subventions- und Zollpolitik hemmt die heimische Agrarwirtschaft in vielen Entwicklungsländern, wenn sie keinen ausreichenden Marktzugang erhalten." Andersherum überschwemmen die Industriestaaten mit ihren subventionierten Billig-Lebensmitteln die Märkte der Entwicklungsländer. Die Staaten wurden so quasi dazu gedrängt, sich von der Landwirtschaft zu verabschieden. Eine Entwicklung, die sich nun rächt. Auch die Entwicklungshilfe trägt eine Mitschuld: "Die Förderung für ländliche Gebiete ist seit Jahren rückläufig", kritisiert Simone Pott von der Welthungerhilfe, dieser Trend müsse nun umgekehrt werden. Vor diesem Hintergrund wundert sie sich über die dramatischen Warnungen des IWF: "Es ist schon komisch, dass man dort jetzt zur eigenen Sache macht, was man jahrelang nicht erkennen wollte."

Doch die Katastrophe bietet auch eine Chance: Mit der Aufwertung der Nahrungsmittel wird die Landwirtschaft wieder attraktiver, Bauern könnten bald wieder von ihrer Arbeit leben. Das wiederum würde in den Entwicklungsländern den Strom der Menschen in die Ghettos der Metropolen aufhalten, wo die Verlierer der Globalisierung zusammengepfercht sind. Weniger Ghettos bedeuten weniger soziale Spannungen, bedeuten weniger Unruhen, bedeuten mehr Stabilität. Am Ende könnte die aktuelle Nahrungsmittelknappheit für die armen Länder eine Chance zur Besserung ihrer Lage sein. Doch noch ist das alles Zukunftsmusik. Während wir im Westen im Zuge der Weltfinanzkrise um unsere Banken zittern, bedroht die neue Welthungerkrise Millionen von Menschen viel unmittelbarer: Es geht ums nackte Überleben.

Von Lenz Jacobsen
KOMMENTARE (10 von 38)
 
utospatz (18.04.2008, 13:51 Uhr)
Es wäre von Interesse
eine Hungerkarte Deutschlands zu erstellen, weil nun 1,6 millionenen Kinder in diesem Lande, da sie 26 ct per Monat mehr in der Tasche haben, um aus der Armutsgrenze den Abflug zu schaffen, und die verantwortlichen zugunsten der Eigenkonten per Learjet das Volksvermögen hinraffen.!
H.P. (16.04.2008, 20:40 Uhr)
@RBrunnerHH
+++++@RBrunnerHH .....eine Erfahrung, die Sie sicherlich schon des öfteren gemacht haben dürften, nicht wahr?+++++
Nicht nur ich, alle die sich darum bemühen und bemüht haben im Laufe der Geschichte, selbst ein Jesus Christus wurde nicht für voll genommen und verstanden in seiner Selbsterkenntnis, bis heute nicht.
Der Mensch heute ist sich seiner selbst mehr nicht bewusst.
Bist du dir bewusst, dass du, dein Körper, deine Mit - und Umwelt und die Erde ein gemeinsamer großer Organismus sind?
Bist du dir bewusst, das sich im Aufbau und der Intelligenz deines Körpers der ganze kosmische und evolutionäre Prozess verdichtet und Gestalt gewonnen hat?
Hast du deinen Körper in all seinen Aspekten liebevoll angenommen und bist du breit, gut für ihn zu sorgen?
Gehst du auch liebevoll mit den vielen materiellen Dingen des Lebens, wie z. B. Besitz und Geld um und bist du dir bewusst, dass die äußere materielle Erscheinungsform von geistigen Prozessen und verdichteter Lebensenergie sind?
Lässt du dir genügend Zeit, um die Wunder der Natur und des Lebendigseins immer wieder mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu feiern.
Wenn du vor dem Angst hast, was deine innere Wahrheit ist, wird es dir schwer fallen, die innere Wahrheit eines anderen Menschen oder Wesen anzunehmen.
Wenn du aber dein eigenes Wesen kennst, dann wird dir das Wesen des anderen zugänglich. Im Innersten bist du wesensgleich mit aller Schöpfung. Wenn du mit dir und deinem Leben gut umgehst, gehst du mit der Schöpfung gut um.
Quellentext: Lebe dein Bestes, Individuation und Lebenskunst
Walter- Verlag, Düsseldorf *2001* ISBN: 3530421588. Von Lutz Müller
ramteid (16.04.2008, 12:56 Uhr)
36ster Gedanke
Hier können noch hundert Meinungen geschrieben werden. Ändern wird sich nichts, solange es die Raffkes gibt. Es interessiert die meisten erst, wenn sie selbst betroffen sind. Was sind z.B. 36 Einzelne von 86 Millionen allein in Deutschland. Hilfe zur Selbsthilfe, aber nicht nur auf dem Papier und wieder nur die Raffkes ranlassen. Heute nun die neueste Sau die durchs Dorf gejagt wird, der Deutsche Wetterdienst sagt das Wetter für 2050 voraus und warnt vor Hitze und deren Folgen. Ausgerechnet die, die manchmal nicht mal einen Tag voraus sagen können, erdreisten sich zu solchen Aussagen. Da fragt man sich für wem?
Malt (16.04.2008, 11:31 Uhr)
Ganz einfach:
Jeder bekommt einen Internetanschluss Gratis nach Hause gelegt... und alle Entscheidungen werden Basisdemokratisch via Internetabstimmung entschieden! Technisch sicherlich kein Problem... und es wird tatsächlich der Wille des Volkes berücksichtigt. Damit hat sich auch der Lobbyismus erledigt.... und das Kasperletheater mit unseren Marionettenpolitikern sowieso. Über Fachkompetenz verfügt von denen doch sowieso keiner.... denn das Einzige, was man als Politiker tatsächlich können muss, ist in den nächst höheren Arsch zu kriechen (Früher hies es auch mal, ein Politiker müsse gut reden können... nur seit Glos weiß ich, dass das nicht unbedingt sein muss).
RBrunnerHH (16.04.2008, 11:12 Uhr)
@ganzbaf
natürlich ist die mehrheit dafür, die Mehrheit ist ja auch nicht an den Hebeln der Macht, sondern eben genau jene Minderheit, die sich in der Tat sein Menschengedenken rücksichtslos durchsetzt. Revolutionen kamen und gingen, beherschende und unterdrückende Minderheiten wurden zu Beruhigung des Volkes zum Teil blutig entfernt, nur um einer neuen, alles beherrschenden Minderheit Platz zu machen, die genauso rücksichtslos rafft und frißt. Heutzutage sind unsere herrschenden nur so clever, den Bogen nicht allzu weit zu überspannen (in letzter Zeit sind, sie aber ein bisschen auf dem Weg dahin, um nicht Opfer der nächsten "Kahlrasur" zu werden.
Aber bitte, ich bin kein Missionar, Ihre Meinung und Ihre Sicht sind Ihr gutes Recht und soll mir deshalb nur recht sein.
ganzbaf (16.04.2008, 11:00 Uhr)
@Brunner

Die Bevölkerungsmehreit ist laut vieler Umfragen eher sozial und gemeingesellschaftlich denkend unterwegs. Nur ein radikale Minderheit meint, sich rücksichtslos durchsetzen zu müssen. Und mit deren (Geld-)Macht tut sie das auch.
Daher plädiere ich klar für mehr Direktdemokratie. = Die Lösung vieler Probleme.
RBrunnerHH (16.04.2008, 10:54 Uhr)
@endbenutzer
Ich verstehe, was Sie meinen, nur, es war nicht meine Absicht, irgendetwas schönzureden. Es ist nicht schön, was ich behauptet habe, es ist nur leider - aus meiner Sicht - die ungefärbte Wahrheit. Was ist der eigentliche Ursprung der Sozialgesetzgebung, ob nun von Napoleon oder von Bismarck initiiert? Richtig, ein unruhefreies, stabiles Umfeld zu schaffen, dass die reichen, mächtigen und skrupellosen prächtig gedeihen können, unser (schrumpfender) Mittelstand, sind "Brot und Spiele" für das Volk, aber keine Nächstenliebe.
endbenutzer (16.04.2008, 09:58 Uhr)
@RBrunnerHH:
Eher Kritik. Ich bezog mich auf die Aussage, dass der Mensch grundsätzlich rafft und prasst, wenn er die Gelegenheit dazu hat. Solche Sprüche sind für mich nur ein Totschlagargument - wie übrigens auch die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, dass jeder, der die Millionengehälter unserer Manager oder das raffgierige Verhalten einiger Konzerne anprangert, im Grunde genommen doch nur neidisch ist. So kann man sich sein eigenes Fehlverhalten eben auch schönreden..
RBrunnerHH (16.04.2008, 08:49 Uhr)
@endbenutzer
War das nun Kritik oder Zustimmung?
Gruß
endbenutzer (16.04.2008, 08:02 Uhr)
@RBrunnerHH:
"...Erfolg heisst doch mit wenig Einsatz das maximale für sich zu ergattern, es jammern immer jene, die benachteiligt sind, dieselben würden aber keine Sekunde zögern, genauso maßlos zu raffen und zu prassen hätten Sie nur die Möglichkeit, dazu,..."
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Der größte Denkfehler einiger Menschen ist immer der, grundsätzlich von sich auf andere zu schließen. Tatsache ist doch, dass hierzulande niemand etwas wissen will von Hunger und Elend in der Welt. Viel wichtiger sind der jährliche Urlaub, ein großes Auto, mit dem man Nachbarn und Freunde beeindrucken kann und natürlich billige Konsumgüter wie Flachbildschirme, iPods, Internet-Handys etc. DAS ist, wofür sich Otto Normalverbraucher interessiert. Bilder von hungernden Kinder vermiesen da nur die Stimmung. Und nachdenken über eigenes Fehlverhalten kommt schon gar nicht in die Tüte...
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