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Boombranche Sklaverei

Wer ist Schuld an Ausbeutung und moderner Sklaverei? Die Mafia? Der Staat? Oder gar die ganz normale Mittelschicht? Sicher ist: Die Zahl der Leibeigenen steigt beängstigend. Auch in Europa.

Von Stefan Biskamp, Buenos Aires

  Ein junges Leben, verbracht in einer Ziegelbrennerei: Dieses afghanische Mädchen arbeitet in der Nähe der Hauptstadt Kabul.

Ein junges Leben, verbracht in einer Ziegelbrennerei: Dieses afghanische Mädchen arbeitet in der Nähe der Hauptstadt Kabul.

Als Ezequiel Ferreyra an einem Gehirntumor stirbt, ist er sechs Jahre alt. In der Schule sei er öfter eingeschlafen, gibt die Lehrerin später zu Protokoll. Aber das hat niemanden gewundert. Denn Ezequiel hat hart gearbeitet. Er war ein Sklave. Argentinische Bürgerrechtler entdeckten ihn zwei Jahre zuvor bei heimlichen Besichtigungen in der Legebatterie einer Hühnerfarm nahe Buenos Aires.

"Was hast Du gestern an Deinem Geburtstag gemacht?", wird er in dem versteckt aufgenommenen Video gefragt. "Vier." "Du bist vier geworden?" "Ich habe gearbeitet." "Von wann bis wann?" "Von sechs bis acht." "Von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends?" "Ja. Ich sammle das Blut." "Das Blut der Hühner? Wird das nicht mit Gift behandelt?" "Ja." "Hast Du nicht Angst, Dich zu vergiften?" "Nein." Einer der Aktivisten, die damals filmten, sagt stern.de: "Ich werde den Tag nie vergessen. Der Gestank der Hühnerkadaver, die neben dem Stall verwesten. All die Fliegen. Ein Albtraum."

Im Teufelskreis aus Schulden und Überarbeitung

Ein Schlepper lockte die bettelarme Familie 2007 aus der argentinischen Provinz in einen Vorort der Hauptstadt Buenos Aires, 1500 Kilometer entfernt. Die Ferreyras erhofften sich ein neues Leben. Doch vom geringen Lohn musste der Vater erst Reisekosten und Vermittlung abbezahlen, er geriet in Schulden. Die Legebatterie, die er zu ernten hatte, war zu groß für ihn, die Kinder mussten mitarbeiten. Neue Schulden hätten sonst gedroht oder ein Leben auf der Straße. Wie in der Heimat, aber weit weg. So begann auch Ezequiel Hühnerkot und Blut aus den Wannen zu wischen und Eier zu klauben, die in Regalen der Lebensmittelketten Carrefour und Wal Mart landeten. Sowie im Export der österreichische Firma Ovoprot, die große Lebensmittelkonzerne wie Nestlé mit Trockeneiprodukten beliefert.

Ein Ovoprot-Manager in Buenos Aires sagt stern.de, alle Zulieferer seien regelmäßig geprüft worden, Auffälligkeiten seien nicht beobachtet worden. Das Problem habe sich zudem erledigt, da der umstrittene Hühnerbetrieb inzwischen aufgelöst sei.

Auf Anzeige und Anzeige folgte: nichts

2008 wurde die Farm erstmals angezeigt. Anzeige folgte auf Anzeige. Ezequiel arbeitete weiter. Am 16. November 2010 um 1.35 Uhr nachts starb der Junge in einem Krankenhaus. Nur wenige Tage, nachdem er eingeliefert worden war. Der Verdacht, der Tumor gehe auf die Kontaminierung mit den im Stall versprühten Pestiziden und Desinfektionsmitteln zurück, wurde weder bewiesen noch widerlegt. Die Besitzer der damaligen Farm, mit dem Bürgermeister der Kleinstadt und dem örtlichen Gewerkschaftschef verwandt, sind bis heute auf freiem Fuß.

Die Ferreyras waren Sklaven, sie waren unfrei - sie wurden von bewaffneten Wachdiensten vom Ausgehen abgehalten und standen unter dem Druck, ihre Schulden abzubezahlen. "Hier geht es nicht nur um schlechte Arbeitsbedingungen oder geringe Bezahlung, es geht um Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sagte Xavier Plassat, Dominikanerpriester und mehrfach ausgezeichneter Koordinator brasilianischer Initiativen gegen die Sklaverei, auf einem internationalen Kongress gegen Menschenhandel und organisierte Kriminalität, der bis Freitag in Buenos Aires stattfand.

20 bis 400 Millionen Sklaven gibt es weltweit

Der Fall Ezequiel ist bis ins Detail durch Filmaufnahmen und Zeugenaussagen belegt. Eine Ausnahme. Die Dunkelziffer von Zwangsarbeit und Sklaverei liegt naturgemäß bei nahezu 100 Prozent. Demensprechend schwer ist es, das gesamte Ausmaß der Unfreiheit zu ermitteln. Weltweit wird die Zahl der Sklaven auf mehrere Hundert Millionen geschätzt. Aber in einem sind sich die Experten des Kongresses in Buenos Aires einig: Menschenhandel und Zwangsarbeit boomen wie nie.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ermittelte 2012 weltweit 20,9 Millionen Sklaven, fast doppelt so viele wie einige Jahre zuvor. "Doch das ist konservativ geschätzt", sagt der spanische Bürgerrechtler Moisés Mato López stern.de. Er rechnet mit "rund 400 Millionen Sklaven. Auf 20 Millionen kommen wir schon allein in Indien." Der argentinische Mafia-Jäger Gustavo Vera, der mit seiner Nichtregierungsorganisation "La Alameda" die Tagung veranstaltet, geht ebenfalls von "mehreren hundert Millionen" aus.

Ist Sklaverei nur ein fernes Phänomen?

Den ILO-Zahlen zufolge sind in Lateinamerika 1,8 Millionen Menschen im Stand der Leibeigenschaft. Doch schon Argentinien kommt auf eine halbe Million - nach von der Regierung nie bestrittenen Angaben von La Alameda. "Die Zahl ist tief gestapelt, um uns nicht angreifbar zu machen", so Vera. "Wir setzen für Argentinien 200.000 Sklaven in der Textilproduktion an. Das können wir durch hunderte Begehungen beweisen. Wir wissen aber, dass im Umfeld eines einzigen großen Textilmarkts in der Provinz Buenos Aires schon 300.000 Sklaven arbeiten. Wir wissen also, dass es viel mehr sind."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum die boomende Mittelschicht Ausbeutung forciert und welche Sklavenprodukte in Deutschland auf den Tisch kommen

Sklaverei wächst mit der Mittelschicht

Szenenwechsel. In der sauberen, hochzivilisierten Wirtschaftsmetropole Hongkong mit ihren gut sieben Millionen Einwohnern arbeiten 300.000 Haushaltshilfen als Gastarbeiterinnen aus den Philippinen, Indonesien und Bangladesch. Tendenz steigend. "Denn die Mittelschicht mit ihren langen Arbeitszeiten kann ihre Kinder nicht ohne Hilfe großziehen", sagt die Hongkonger Bürgerrechtlerin Doris Lee. "Per Gesetz sind die Haushaltshilfen dazu verpflichtet, in der Wohnung ihrer Arbeitgeber zu schlafen. Von ihrem Lohn müssen sie die Kosten der vermittelnden privaten Agentur abbezahlen. Viele werden genau dann gekündigt, wenn sie soweit sind. Dann fangen sie mit neuen Schulden für die neue Vermittlung in einer anderen Familie an. Sie sind versklavt."

"Sklaverei ist global", sagt Dominikanerpriester Plassat. Brasilien gilt als Muster im Kampf gegen Zwangsarbeit und Menschenhandel. "Wir haben die Gesetze dagegen, eine engagierte Zivilgesellschaft, handlungsfähige Institutionen - und dennoch nimmt Sklaverei zu. Wir befreien jedes Jahr 4000 Menschen. Aber solange wir die Not nicht beseitigen, die die Menschen in die Sklaverei zwingt, können wir so viele befreien wie wir wollen. Sie kehren als Sklaven zurück. Sie haben keine Wahl."

Erstaunliche Parallelen mit Protokollen von Engels

Der Argentinier Vera erklärt die Zunahme der Leibeigenschaft mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Schwellenländer wie Brasilien: "Sklaverei grassiert, wo schnell eine bürgerliche Mittelschicht hochwächst: Russland und die Länder Osteuropas nach dem Mauerfall; die asiatischen Boomländer; Argentinien und Brasilien. Ein solcher Aufstieg einer Schicht geht nicht ohne extreme Ausbeutung einer anderen." Vera war selbst überrascht, als er vor einigen Wochen in sein Bücherregal griff. Er verglich Passagen von Friedrich Engels "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" von 1845 mit den Protokollen von Sklavenarbeitern in Argentinien der vergangenen Jahre. "Wenn man die Namen schwärzt, sind die Schilderungen im Wortlaut identisch. Wir sind in der gleichen Phase."

"Wir haben es mit einer kapitalistischen Mafia in einem mafiösen Kapitalismus zu tun", sagt Tonio Dell'Olio, katholischer Priester und einer der Führer der italienischen Antimafia-Organisation Libera. Sklaverei sei ohne Korruption und der Beteiligung des Staates nicht denkbar, "es ist eine Mafia". In Italien sei Menschenhandel und Sklaverei nicht das klassische Geschäft von Cosa Nostra, Ndragheta und Camorra gewesen. "Sie kam mit den neuen Mafias aus Osteuropa ins Land - aber sie brauchten deren Zustimmung, und heute sind sie alle daran beteiligt. Ein wachsendes Geschäft."

Als die Mauer fiel schlug die Mafia zu

Inzwischen würden über Sizilien eingeschleuste, nordafrikanische Zwangsarbeiter auf Apfelsinen- und Tomatenplantagen arbeiten. "Die Spaghettisoße aus unseren Sklavenfabriken essen Sie auch in Deutschland. Und wenn Sie sich jetzt noch fragen, was Sie die Sklaverei angeht: Sie können sich nicht vorstellen, wie attraktiv die solide deutsche Wirtschaft für die Mafia ist. Am 9. November 1989 - was geschah da? Die Mauer fiel. An diesem Tag gab es einen mitgeschnittenen Anruf aus Palermo nach Bonn. Ein Mafiaboss sagte seinem Statthalter: Fahr sofort nach Berlin und kauf alles, was Du kriegen kannst."

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