In China blühen 100 Millionen Blogs. Zwar sind nicht alle aktiv, aber damit ist das Reich der Mitte Weltspitze. In den Blogs reagieren Metropolenbewohner ihren Frust ab, inszenieren ihre eigene Show oder führen Gefechte. Auftakt zur stern.de-Serie: Wie das Internet China verändert. Von Ellen Deng, Peking

Das glückliche Leben des "kleinen Samens" (M., mit weißer Perücke): Einst litt sie unter Stress, jetzt heilt sie andere davon© privat
Freue dich mich kennen zu lernen, sei glücklich, mir zu verfallen." So beginnt der Einführungstext für den Blog einer jungen Frau, die sich im Internet "Kleiner Samen" nennt. Täglich lesen tausende Chinesen mit Vergnügen über den Alltag der 30-jährigen Büroangestellten, brechen von Zeit zu Zeit vor ihren Computern in lautes Lachen aus. Im echten Leben heißt der kleine Samen Yang Jiachuan oder englisch Vicky Yang. Den Namen, den sie im Netz verwendet, gab ihr ein Freund, der meinte, wie ein Samen habe sie einen großen Kopf und einen kleinen Körper, was er süß und niedlich findet - und sie offenbar auch.
"Früher ging es mir nicht so gut", erinnert sich Yang. Sie arbeitete nach ihrem Studium für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Arthur Andersen und PricewaterhouseCoopers. Obwohl viele davon träumen, für solch bekannte globale Unternehmen zu arbeiten, litt sie unter dem starken Druck und unter dem Konkurrenzverhalten. "Diese Arbeit hat alle meine Vorstellungen übertroffen, aber nicht zum Positiven: Kein Vergnügen, kein Abendessen mit Freunden, zu wenig Schlaf - einige meiner Kollegen weinten von morgens bis abends... Ich zweifelte am Sinn des Lebens. Aber später überwand ich die negativen Stimmungen, merkte: Es ist nicht alles so ernst wie wir es nehmen." Yang blieb zwar im stressvollen Bereich, denn sie möchte ja weiter gut verdienen (sie ist jetzt Managerin einer internationalen Beratungsfirma), aber sie sieht jetzt ihre Arbeit und ihr Leben aus einem anderen Blickwinkel. Sie stieg aus dem "tiefen Tal" auf und erzählt davon in ihrem Blog, den sie vor drei Jahren begonnen hat.
Wie sie auf die Idee kam? "Ich bin jemand, der den neuesten Trends folgen will. Als noch kaum jemand das Wort Blog kannte, las ich davon in einer Modezeitschrift. Aus Neugier googelte ich das Wort und fand Dutzende Seiten. Ich begriff, dass ich wieder einmal hinter dem Trend lag. Als dann auch noch die Chinesin Mu Zimei das Tagebuch über ihre sexuellen Abenteuer ins Netz stellte, eröffnete ich einen eigenen Blog."
Wenn man heute diesen sonnenverwöhnten Blog liest, fällt es schwer, ihn mit der betrübten jungen Frau von damals zu verbinden. Yang bezeichnet sich heute als glücklich, und sie denkt, auch die meisten ihrer Leser bevorzugten Erfreuliches und Sorgenfreies als Dunkles und Bedrückendes: "Es freut mich, wenn ich die Leser zum Lachen und Brüllen bringen kann." Deshalb schreibt sie über ihre Geschäftsreisen und Weiterbildungsseminare, legt dabei Wert auf Witze und lustige Zwischenfälle. Sie erzählt viel davon, was sie gerade anzieht, über ihre Freunde und ihre gemeinsamen Partys, bei denen sie schräge Uniformen und Perücken tragen, über Klatsch und Karaoke, über Spiele wie "Killen" (man muss raten, wer der Killer in der Gruppe ist).
Die Welt von Chinas neuen Büroangestellten wird ohne Auslassungen dargestellt. "Kleiner Samen" macht keinen Hehl aus ihrem Wunsch nach einem Leben im Wohlstand, sagt etwa, "hoffentlich kann ich mir eines Tages schöne Kleider kaufen, ohne auf den Preis zu achten".
Ihre flotte Sprache und ihre farbigen Schilderungen des Nachtlebens interessieren viele in China, wo die Arbeit für die meisten stressig ist und die Freizeit rar. "Mancher denkt, meine Lebensweise ist genau das, was er selbst möchte, fragt mich um Rat; andere bewundern unsere glamorösen Vergnügungen nach Feierabend, wollen dabei mitmachen; jemand hält die Firma, in der ich arbeite, für einen geeigneten Arbeitsplatz für sich selbst und fragt mich nach Einzelheiten. Natürlich kritisieren uns einige als völlig wertlose Personen, die kapitalistische Ausschweifungen lieben, keine Verantwortung für die Gesellschaft zeigen."
Der wohlgelaunte "kleine Samen" lässt sich von solchem Tadel nicht beeindrucken, sie wird ihren Lebensstil nicht ändern. "Denen, die gegen mich protestieren, sage ich: Es gibt viele Wege, die Gesellschaft zu verbessern. Blogs sind wie ein eigenes Land, wir können selbst entscheiden, was wir schreiben und wie wir schreiben." Ein Pekinger Pärchen, beide Fans des "kleinen Samens", unterstützt das: "Wir lesen ihren Blog jede Nacht als Heilmittel gegen Stress, damit allein leistet sie schon einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft."
Wie das Internet China verändert 137 Millionen Chinesen nutzen das Internet, 440 Millionen telefonieren mobil - und täglich werden es mehr. Für viele von ihnen ist die elektronische Welt ein zweites Zuhause, das ihnen manchmal mehr bedeutet als die wirkliche Welt. Die chinesische Journalistin Ellen Deng, 30, Mitarbeiterin des Pekinger stern-Büros und selbst meist online, erzählt in einer vierteiligen Serie auf stern.de, wie das Internet das Leben der Chinesen verändert.