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Die Afghanistan-Lüge ist jetzt amtlich

Die Veröffentlichung der Wikileaks-Papiere ist politisch brisant, weil sie den Regierungen den Spiegel vorhält und ihre Lügen als solche leuchten lässt. Die Erkenntnisse selbst sind für alle vor Ort keine Sensation.

Eine Analyse von Christoph Reuter, Kabul

Es klingt nach einer Schatzkammer des investigativen Journalismus: Fast 92 000 US-Militärdokumente verschiedener Geheimhaltungsstufen sind an die Öffentlichkeit gelangt. Die Innenansicht des Krieges in Afghanistan von 2004 bis 2009. Das ist zunächst ein Erfolg für "Spiegel", "Guardian" und "New York Times" - und natürlich für den Scoop-Pool "Wikileaks".

Doch liest man sich durch die mehrere Dutzend Beispielfälle, die veröffentlicht wurden, erscheint nur weniges neu. Dass US-Spezialeinheiten klandestin in Afghanistan unterwegs sind und Taliban-Führer umbringen, dass Pakistans Geheimdienst ISI die Taliban finanziell, militärisch, selbst medizinisch versorgt und als verlängerten Arm seines ewigen Kampfes mit Indien benutzt, all das ist wieder und wieder detailliert berichtet worden. Ebenso, dass es über Jahre immer wieder amerikanische Bombardements von Zivilisten gegeben hat sowie die Einsicht, dass der Krieg nicht gut läuft und die Sicherheitslage in Kundus "nicht stabil" ist. Was neu ist: das amtliche Siegel!

Kein Raum mehr für staatsoffizielle Hohlformeln

Dass sich die Dinge eben tatsächlich so ereignen, wie Journalisten es berichtet und Regierungen, darunter auch die deutsche, es nach Kräften geleugnet haben. Brisant sind die jetzt ans Licht gekommenen Dokumente dann, wenn man bislang den staatsoffiziellen Hohlformeln von Ex-Verteidigungsminister Jung, Angela Merkel, Westerwelle & Co. vertraut hatte. Oder wenn man die zahlreichen Kurswechsel der US-Regierung vergessen hatte, deren Politik dem Lauf eines Hasen auf der Flucht gleicht.

Eine Regierung, die Afghanistans Präsident Karzai nach zwischenzeitlicher, vernichtender Kritik nun wieder zum Partner, und ihren Krieg zu einer Erfolgsgeschichte stilisiert. Dann tut sich eine immense Kluft auf zwischen den Schönfärbereien und der Wirklichkeit aus den Frontmeldungen.

Wer sich jetzt überrascht gibt, offenbart, dass er, wie viele Leser, Zuschauer, aber offensichtlich selbst viele Journalisten, im Zweifelsfall immer noch eher regierungsamtlichen Verlautbarungen geglaubt hat als den Recherchen von anderen Journalisten oder unabhängigen Nichtregierungsorganisationen.

Niemand interessiert sich für Opferzahlen

Die Berichterstattung über Afghanistan gleicht einem Zirkus: Je weniger einer weiß, desto begeisterter scheint er in die Tasten zu hauen. In Deutschland ist ein ganzes Buch geschrieben worden nach einer nicht mal zweitägigen Stippvisite. Und je nichtiger der Anlass, desto größer das Aufgebot: Zur internationalen Afghanistan-Konferenz Ende Januar in London reisten ungefähr 400 Journalisten an. Es war nicht mehr als eine hohle PR-Veranstaltung, ebenso wie die Afghanistan-Konferenz am 21. Juli in Kabul, zu der die Berichterstatter ebenfalls wieder in Scharen für ein, zwei Tage kamen.

Doch geht es darum, was wirklich im Land, im Krieg geschieht, schrumpft die Zahl derer, die darüber berichten. Und was sie veröffentlichen, verhallt oft. Wie, als kleines Beispiel, die Meldungen über zivile Opfer nach dem von der Bundeswehr angeordneten Bombardement zweier entführter Tanklaster am 4. September 2009: Zig Agenturen und Zeitungen hatten über tote und verwundete Zivilisten in den Krankenhäusern von Kundus berichtet, Ex-Verteidigungsminister Franz-Josef Jung leugnete wacker. Niemanden interessierte es.

Skandale werden zu spät erkannt

Erst, als sein Nachfolger das Verschweigen von Berichten ihm gegenüber zum Anlass nahm, Generalinspekteur und Staatssekretär zu entlassen, wurde ein Vierteljahr später ein Skandal daraus. Immer wieder müssen erst jene Regierungen, die fortgesetzt Lügen über die Lage in Afghanistan verbreiten, freiwillig oder unfreiwillig ihren amtlichen Segen geben, bevor eine Information geglaubt wird - bis hin zum Detail, dass als Opferzahl des 4. September immer noch die Zahl 142 durch die Medien geistert, obwohl die Nato selbst sie für Makulatur erklärt hat und auch die Bundeswehr zu einer weit niedrigeren Zahl kommt. Doch die 142 sind eben amtlich verkündet worden.

Die Auslese aus den knapp 92 000 Dokumenten jetzt ist weniger eine Enthüllung, als eine Bestätigung. Wobei auch dadurch, dass es sich um "amtliche" Militärdokumente handelt, mitnichten alles stimmt, was darin steht. Was ebenfalls nun seinen Weg über Bande an die Öffentlichkeit gefunden hat, sind all die liebevoll zusammen gehäkelten Informantenberichte vor allem aus Pakistan, die mehr den Wünschen der Adressaten zu entsprechen scheinen als der Wirklichkeit: etwa, dass Osama Bin Laden, seit Jahren komplett abgetauchter al-Kaida-Mythos, an den Sitzungen der "Quetta-Schura" teilnehme, des höchsten Entscheidungsgremiums der Taliban. Nichts spricht dafür, und so geheim ist die Quetta-Schura auch nicht, wenn selbst ihr Personal-Tableau (zumindest das von 2009) bereits veröffentlich worden ist. Oder dass ausgerechnet Hamid Gul, Ex-Chef des ISI und so etwas wie das Sprachrohr der Taliban-Freunde in Pakistan, persönlich die Geheimoperationen plane und die Taliban mit Waffen versorge. Hamid Gul bewegt sich schon seit Jahren weit außerhalb der Entscheidungszirkel des ISI, und genau deswegen darf er Interview um Interview geben.

Enthüllte Dokumente lassen Lügen der Regierungen leuchten

Etwas Beruhigendes aber liest man aus den Berichten: Auch bei Talibans geht manches schief. Weder hat auch nur einer der angeblich 45 in der pakistanischen Aufstandsgegend Waziristan zum Deutschlernen abkommandierten Dschihadisten es geschafft, als Übersetzer bei der Bundeswehr anzuheuern. Noch hat die fundierte Einsicht eines tschetschenischen Taliban-Helfers namens Qari Akha gefruchtet. Er sollte, offenbar als Experte für den Luftkampf, überlegen, wie sich die amerikanischen Jets bekämpfen ließen, die verstärkt in die Kämpfe rund um Kundus eingreifen. Seine profunde Analyse zur Geschwindigkeit von Jets: "Die US-Flugzeuge sind zu schnell." Seine Empfehlung: "Greift lieber die deutschen Hubschrauber an, die sind groß und langsam."

Doch soviel technisches Verständnis bringt die Bundeswehr auch selber mit und hütet sich, mit ihren ungepanzerten CH 53-Hubschraubern in die Nähe eines Gefechtsfelds zu fliegen. Wenn es gilt, Verwundete zu evakuieren, kommen selbst in wenigen Kilometern Entfernung zum deutschen Camp in Kundus amerikanische Blackhawk-Hubschrauber als "Medevacs" zum Einsatz. Keiner der deutschen Hubschrauber kam bislang durch Taliban-Beschuss zu Schaden.

Ob diese Veröffentlichungen nun den Kriegsverlauf beeinflussen werden? Vermutlich, dennoch, ja. Aber nicht, weil sie eine interessierte, aufmerksame Öffentlichkeit mit völlig neuen Enthüllungen über das wahre Geschehen versorgen - sondern weil sie den Regierungen den Spiegel vorhalten und deren Lügen als solche leuchten lassen.

Wenn die Leser, die Öffentlichkeit, die Bundestagsabgeordneten ein bisschen weniger autoritätshörig würden, dann könnte der Druck auf die Regierungen wachsen, nicht für ein blindes "Weiter-so" ein ums andere Mal wider besseren Wissens vom Fortschritt in Afghanistan zu reden. Und sich der Frage zu öffnen, wie man mit einem Desaster umgehen soll.

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