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8. September 2010, 19:10 Uhr

Bloß nicht "Sarrazin" sagen

Bundespräsident Wulff und Gattin Bettina sind auf Staatsbesuch in der Schweiz - ohne Steinbrück, ohne Kavallerie, aber mit einem Gespenst namens "Sarrazin". Gut, dass die Schweizer auch ein Integrationsproblem haben. Mit den Deutschen. Ein Reisebericht. Von Ulrike Posche, Bern

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"Keine Innenpolitik": Die Wulffs im Land der Banktresore© Ruben Sprich/Reuters

Ob er etwas sagen wird? Ob er das "S"-Wort nennen wird? Sarrazin? Christian Wulff ist die Causa des zur Entlassung empfohlenen Bundesbankvorstands aus heiterem Himmel vor die Füße geflogen. Keiner weiß, wie man das macht, einen Bundesbanker abberufen. Und doch soll er jetzt und am liebsten schnell entscheiden, ob Thilo Sarrazin gehen muss oder bleiben darf, weil er ein Buch geschrieben hat, das bei uns mindestens so viel Wirbel verursachte wie Salman Rushdies "Satanische Verse" in der islamischen Welt. Aber jetzt gerade wird nichts entschieden, denn "wir machen doch beim Staatsbesuch keine Innenpolitik", sagt ein hochrangiges Delegationsmitglied. Das ist schade, denn gerade jetzt würde sich die neutrale Schweiz doch geradezu perfekt dafür anbieten.

Zu den angenehmen Begleiterscheinungen des politischen Geschäfts gehören ohne Zweifel die petites fuites - die kleinen Fluchten. Steht dem Präsidenten oder der Kanzlerin der Ärger bis zum Hals, dann steigen sie in den nagelneuen A319CJ der Luftwaffe und lassen sich von der Flugbereitschaft, von Frau Fuchs, Herrn Hahn, Watz und Geschwind nach Riga fliegen, oder in die Schweiz. So ist Christian Wulff also mit seiner alles überragenden Gattin Bettina und einem blauen Aktenordner unterm Arm zu einem Staatsbesuch bei den Eidgnossen. Ohne Peer Steinbrücks Kavallerie, ohne Dolmetscher, allein in friedlicher Absicht. Die Schweizer, das ist ja bekannt, haben ein nicht ganz spannungsfreies Verhältnis zu den vielen Deutschen, die in ihrem Land leben. Weil die "Schwaben" - und damit sind auch Kölner gemeint, Berliner oder Leute aus Lüchow-Dannenberg - weil die ihnen Wohnungen, Chefredakteursjobs, Lehrstühle und die besten Tische in der Zürcher Kronenhalle wegschnappen. Angeblich. Und die Sprache wollen diese Immigranten auch nicht lernen. Die meisten jedenfalls.

Lochkäse!

Da ist es doch gut, dass der nette Herr Wulff mal vorbeikommt und den Fleiß der Schweizer (Lochkäse), die Alpen (Toblerone), und die Kreativität (Swatch) lobt, und auch das Investitionsvolumen von 31 Milliarden Euro in Deutschland. Sein Besuch solle unter dem Motto "Bildung, Innovation, Technologie" stehen, hat der Präsident gesagt. Man denkt spontan: Hätte er dafür nicht lieber nach China fahren sollen? Oder nach Korea? Stattdessen Heidiland und Fafleralp, Eiger und Geschnetzeltes, Alpenblick und Sonderzug und - was das Beste ist - kein Sarrazin weit und breit, kein Ärger, keine Bundesbank, keine "Bild"-Zeitung. Herrlich!

Gleich bei der Begrüßung in Bern geht es verheißungsvoll los: Die schweizerische Bundeskanzlerin trägt den schönen Namen "Casanova". Es gibt die Botschafter Guldimann und Lorenzo Schnyder von Wartensee, und den Herrn Bölsterli in seiner Funktion als Divisionär und Ehrenoffizier. Also das in etwa, was auf Seiten der deutschen Delegation der Abgeordnete Koppelin von der FDP wäre. Dann warten noch die Ehrendame Nicoletta Schnyder von Wartensee am Roten Teppich, einige Waibelinnen in Paradeuniformen und die Bundespräsidentin. Es ist der erste Staatsbesuch des neuen deutschen Bundespräsidentenpaares - und dann gleich so weit weg! Vorgänger Köhler hatte den Besuch noch geplant, dann aber die Lust verloren. Nun muss Christian Wulff Köhlers Pläne bis zum Jahresende abarbeiten.

Zeppeline?

Der Kluge geht mit dem Zuge, sagen sie in der Schwyz, der Klügere geht mit dem Flügere. Aber es geht dann doch mit dem Extra-Zug weiter nach Bern, wo Kinder mit Fähnchen stehen und herzerwärmend singen, und das Militärmusik-Corps "Smoke on the water" von Deep Purple auf dem zugigen Bundesplatz spielt. Die Schweizer Bundespräsidentin erinnert in ihrer Ansprache an die überragenden Leistungen der großen Schwester Deutschland bei der Konstruktion von Automobilen - aber auch beim Bau von Zeppelinen.

Zeppeline? Auf ewig werde sich nun dieser schöne, erste Staatsbesuch auf "den Synapsen" seines Gehirns festsetzen, sagt der Präsident. Dann schreitet der oberste Notar Deutschlands mit gebotener Eile zu den politischen Gesprächen. Bettina Wulff besucht ein Museum. Sarrazin ist irgendwo da draußen, weit weg in der Welt. Und auf dem Bundesplatz klirren die Fahnen im Wind.

Von Ulrike Posche, Bern
 
 
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