Bei Luftangriffen auf einen belebten Markt in Bagdad sind mindestens 55 Menschen getötet worden. Auch am neunten Kriegstag gelangen den Alliierten keine weit reichenden militärischen Erfolge.

El Dschasira sendete bereits kurz nach dem Bombenangriff Bilder von verletzten Kindern© AFP
Der alliierte Luftkrieg gegen Bagdad hat nach irakischen Regierungsangaben viele Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. Bei einem Bombeneinschlag in einem Wohngebiet seien 58 Menschen getötet und viele zum Teil schwer verletzt worden, sagte Informationsminister Mohammed Said el Sahhaf. Stunden später erschütterte eine weitere schwere Explosion das Zentrum der Millionenmetropole.
Bei den bislang schwersten Luftangriffen auf Bagdad seit Kriegsbeginn stand die irakische Hauptstadt Freitag nacht und tagsüber lange Zeit unter schwerem Dauerbeschuss. Bei Explosionen auf dem belebten "El Nasser"-Markt im Bagdader Wohnviertel "Schola" sind am Freitag nach Meldungen des arabischen Fernsehsenders El Dschasira mindestens 58 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, getötet worden. Es habe Dutzende von Verletzten gegeben, sagte der Korrespondent des Senders. Anwohner hätten von einschlagenden Raketen bei einem US-Luftangriff gesprochen.
Die Kämpfe zwischen US-Einheiten und irakischen Spezialeinheiten südlich Bagdads dauern an. Nach einem Bericht des US-Senders CNN attackierten "Apache"-Kampfhubschrauber in der Nacht zum Samstag rund 160 Kilometer von Bagdad entfernt Truppen der so genannten Medina-Division der Republikanischen Garde. Dabei seien Panzer und andere Fahrzeuge angegriffen worden. Nach dem Einsatz wurden zwei der Helikopter auf ihrem Stützpunkt im Zentralirak bei einem missglückten Landemanöver zerstört.
Auch ein Büro der regierenden Baath-Partei sei angegriffen worden; acht Menschen starben. Bei den Angriffen warf ein Tarnkappenbomber erstmals zwei so genannte bunkerbrechende Bomben ("Bunker Buster") auf Bagdad ab, wie Pentagonkreise bestätigten. Nach Informationen des arabischen TV- Senders El Dschasira stürzte ein unbemanntes US-Aufklärungsflugzeug auf ein Wohnhaus in Bagdad und setzte das Gebäude in Brand. In mehreren Stadtbezirken der Hauptstadt funktionierten die Telefone nicht mehr.
Das US-Oberkommando Mitte in Katar teilte mit, Berichte über den Angriff würden geprüft. Das US-Verteidigungsministerium hatte bereits am Mittwoch die Verantwortung für eine Explosion auf einem Markt in Bagdad abgelehnt, bei der 14 Menschen getötet wurden. Augenzeugen in Bagdad sagten am Freitagabend, sie hätten kurz vor dem Einschlag ein Flugzeug in großer Höhe vorbeifliegen sehen.
Am frühen Samstagmorgen erschütterte eine Explosion auch eines der größten Einkaufszentren in Kuwait. Nach offiziellen kuwaitischen Angaben schlug eine Rakete in der Nähe der Anlage Suk Schark ins Meer und richtete Sachschaden an.
Im Pentagon in Washington zogen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Generalstabschef Richard Myers eine Bilanz vor dem Beginn des zweiten Kriegswochenende. General Myers zeigte eine Irak-Karte, derzufolge die irakischen Streitkräfte 40 Prozent des Landes nicht mehr unter Kontrolle haben. Die alliierten Luftwaffen hätten über 95 Prozent Iraks die Lufthoheit, nur in Bagdad und Tikrit gebe es noch Flugabwehrfeuer. In den ersten neun Kriegstagen seien 650 Tomahawk-Marschflugkörper auf Irak abgefeuert und mehr als 5.000 Bomben abgeworfen worden.
Nach Angaben eines Militärsprechers wurden allein am Freitag 1.500 Lufteinsätze geflogen, darunter 700 Angriffe. Schwere Kämpfe in der Stadt Nassirijah am Euphrat dauerten an, zwei US-Kampfhubschrauber stürzten nach der Rückkehr von einem Angriff auf Bagdad bei der Landung ab. Die britische Regierung nahm Ermittlungen zu einem weiteren Fall von tödlichem eigenen Feuer auf: Bei Basra sei ein britischer Soldat im Beschuss eines US-Kampfflugzeugs getötet worden, meldete die britische Nachrichtenagentur PA. Seit Kriegsbeginn sind bereits vier britische Soldaten vom Feuer der eigenen Truppen getötet worden.
Rumsfeld warf Syrien vor, Irak mit Militärausrüstung zu versorgen. Dies werde als feindseliger Akt betrachtet, sagte er. Syrien wies den Vorwurf des US-Verteidigungsministers als unbegründet zurück, wie die amtliche Nachrichtenagentur SANA meldete.
Erstmals hat am Freitag ein hochrangiger US-Heereskommandeur eingeräumt, dass die USA ihren Gegner militärisch unterschätzt haben. Angesichts der unerwartet starken irakischen Gegenwehr wollen die Amerikaner ihre Truppen jetzt um mehr als 100.000 Soldaten massiv aufstocken – beinahe eine Verdoppelung. Die schon vor Tagen geäußerte Befürchtung von Militärexperten, für einen längeren Krieg seien viel zu wenig US-Soldaten im Irak, scheint sich damit zu bestätigen. Die zusätzlichen Soldaten sollen nach amerikanischen Medienberichten im April Richtung Irak in Marsch gesetzt werden. Weitere 30.000 Kräfte hätten den Marschbefehl bereits erhalten.
Am Boden standen Einheiten der alliierten Verbände nach Medienberichten zuletzt etwa 100 Kilometer südlich der irakischen Hauptstadt. Bei Nasirija im Süden sowie bei Nadjaf lieferten sich US-Einheiten und irakische Verbände heftige Gefechte. Der Vormarsch sei vorläufig gestoppt worden, berichtet ein dpa-Reporter, der das 3. Leichtgepanzerte Aufklärungsbataillon der US-Marineinfanterie begleitet. Offensichtlich seien sogar Einheiten teilweise wieder zurückgezogen worden.
Neun amerikanische Soldaten sind nach Angaben eines Reporters getötet worden. Sorgen bereiten den Alliierten die langen Nachschubwege, die immer wieder von irakischen Milizen angegriffen werden: Schon seien die Essensrationen auf eine pro Tag herabgesetzt worden. Im Norden arbeiten die USA weiter am Aufbau einer zweiten Front: Im Laufe des Freitags landeten sie Transportflugzeuge mit Panzern und anderem schwerm Gerät.
Die Lage in der südirakischen Millionenstadt Basra, wo große Teile der Bevölkerung ohne Wasser und Strom auskommen müssen, spitzte sich dramatisch zu. Tausende Zivilisten versuchten nach amerikanischen und britischen Angaben, aus der belagerten Stadt zu fliehen. Sie seien von irakischen Soldaten beschossen worden. Basra wird weiter umkämpft und befindet sich nach den Worten eines britischen Militärsprechers noch lange nicht unter alliierter Kontrolle. Unterdessen traf nach tagelangen Verzögerungen in Umm Kasr im äußersten Süden das erste Schiff, die britische "Sir Galahad", mit mehreren hundert Tonnen Hilfsgütern ein.
Vor dem Hintergrund des schleppenden Vormarsches und der heftigen Partisanenkämpfe im Süden wird die Kritik an der US-Strategie immer lauter. Sie kommt jetzt auch aus den Reihen der kämpfenden Truppe: Der US-Kommandeur der Bodentruppen im Irak-Krieg, General William Wallace, sagte: "Wir wussten, dass es sie (die irakischen Kräfte) gibt, aber wir wussten nicht, wie sie kämpfen würden." Die USA hätten ihren Gegner militärisch unterschätzt. Das US-Zentralkommando widersprach den Äußerungen. Doch immer mehr Militärexperten und Ex-Generäle widersprechen den Aussagen des Weißen Hauses und des US-Oberkommandos in Katar, die tagtäglich beteuern, alles gehe nach Plan.
Das Ausland geht mit den Amerikanern teilweise noch härter ins Gericht: Die Strategie, als Befreier in den Südirak zu ziehen, sei "spektakulär gescheitert", schreibt etwa die linksliberale französische Tageszeitung "Libération" und wirft den US-Generälen "Versagen" vor. Wie ein Relikt aus ferner Vergangenheit wirkt da die Prognose des britischen Verteidigungsministers Geoff Hoon, der am ersten Wochenende nach Kriegsbeginn tönte, man werde Bagdad bis Dienstag erreicht haben. Jetzt, drei Tage nach Ablauf des von Hoon genannten Datums, stehen die Alliierten noch immer knapp hundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt – und müssen um strategisch minderwertige Städte wie Nasirijah heftiog kämpfen.