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Der kleine Halbgott

Er feierte Orgien in 32 Residenzen, hielt sich Schauspieler als Leibeigene und stand der schlimmsten Diktatur der Welt vor. Aber aus den Schatten seines Vaters konnte Kim Jong Il nie treten.

Von A. Geiges und N. Kruse

Er war der erste kommunistische Diktator, der sein Amt in Erbfolge antrat. 1994 hatte Kim Jong Il von seinem Vater Kim Il Sung die Macht nach bester Adelsmanier einfach und ohne Wahl übernommen. Doch das väterliche Charisma, seine Ausstrahlung und seinen Nimbus des Volksbefreiers hatte Kim der Jüngere nie. Zeit seines Lebens stand er im Schatten des Staatsgründers, und in letzten Jahren seiner Herrschaft wagte es das geknechtete Volk sogar, ihn "Bastard" und "Schmerbauch" zu nennen. Und dass, obwohl solche Beleidigungen im Terrorreich Nordkorea lebensgefährlich sind.

Denn im Bewusstsein der Nordkoreaner blieb sein Vater Kim Il Sung der anbetungswürdige, gottgleiche Herrscher. Nach seinem Tod war eigens die Verfassung geändert worden: Bis dahin war er "Präsident auf Lebenszeit", nun "Präsident für ewig". Und Nordkorea hat sogar seine Zeitrechnung umgestellt. Sie beginnt nicht mit Christi Geburt, sondern mit der Geburt Kim Il Sungs im Jahr 1912. Und voller Ehrfurcht erzählen Nordkoreaner auch heute noch immer, der 1994 verstorbene Kim Il Sung sei weiterhin ihr Präsident.

Bei seiner Geburt erschien ein neuer Stern am Himmel

Dabei war auch schon für die Geburt des Sohns eine angemessene Legende erfunden worden: Er sei "auf der Spitze des Paektu, des höchsten Bergs Koreas, geboren". Die Niederkunft sei von einer Schwalbe angekündigt worden, über dem Berg habe sich ein doppelter Regenbogen gebildet und am Himmel sei ein neuer Stern aufgestiegen. Dieses Märchen wird überall in Nordkorea auf Wandmalereien dargestellt, sogar in der U-Bahn. Sie erinnern an christliche Fresken über den heiligen Geist.

Die Wahrheit ist weniger prosaisch: Kim Jong Il kam in Wjatskoje zur Welt, einem kleinen Fischerdorf in der sowjetischen Region Chabarowsk, wo seine Eltern während des Zweiten Weltkriegs im Exil lebten. Selbst das Geburtsdatum, 16. Februar 1942, ist erlogen. Kim Jong Il war ein Jahr älter als offiziell angegeben.

Seinen Untertanen zeigte sich Kim Jong Il nur selten, gewöhnlich auf Militärparaden zu runden Jahrestagen. Allerdings auch das nicht immer. Zu Feier des 60. Jahrestags der Staatsgründung blieb sein Sitz auf der Bonzentribüne frei. Gerüchten zufolge hatte er einen Schlaganfall erlitten. Gesichert ist diese Information nicht, genauso wenig wie die meisten Details aus dem Leben des Kim Jong Il. Einige Monate nach seinem Fehlen ließ sich Kim wieder in der Öffentlichkeit blicken - abgemagert und mit dünnem Haar. Selbst medizinische Laien erkannten: Kerngesund ist der Mann nicht.

Kein Cognac mehr, nur noch Bordeaux und Burgunder

Einer der Gründe dürfte wohl im Alkohol liegen. Nord- wie Südkoreaner sind zwar für ihre Trinkfreudigkeit bekannt, aber die Hingabe Kim Jong Ils an einen guten Tropfen erstaunte selbst Kenner: 1994 bestätigte der Cognac-Produzent Hennessy, dass der "geliebte Führer über mehrere Jahre sein weltweit größter Privatkunde war, mit der Lieblingssorte "Paradis Extra". Später trank er auf Anraten der Ärzte nur noch Burgunder und Bordeaux.

Was der Welt verborgen blieb, ist nicht nur sein angeblicher Weltruhm als Komponist. Laut offizieller Biografie soll er sechs Opern komponiert haben. Ebenfalls Weltspitze war er im Golf - zumindest, wenn man einer der schönsten Legenden glaubt: Als Kim das erste Mal überhaupt mit einem Schläger auf dem Platz gestanden hatte, soll er sagenhafte elf Asse geschlagen haben. Die Chance im Lotto zu gewinnen ist deutlich höher.

Er ließ südkoreanische Schauspieler entführen

Seine einzige wirklich verbürgte Leidenschaft war der Film. Fast 50.000 Filme soll er besessen haben: von Hollywood-Schinken über nordkoreanischen Eigenproduktionen bis hin zu einer stattlichen Pornosammlung. In den Filmstudios von Pjöngjang sind zahlreiche Fotos zu sehen, auf denen er, so die Bildtexte, Schauspielerinnen erklärt, wie sie ihre Rolle am besten ausfüllen, und Kameraassistenten, wie man das Licht richtig setzt. 1978 ließ er den südkoreanischen Regisseur Shin Sang Ok und dessen Frau, die Schauspielerin Choe Eun Hui entführen, um mit ihnen eine nordkoreanische Filmindustrie aufzubauen. Nach ein paar Jahren Zwangsarbeit durften die beiden wieder in den Süden zurück.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Seine Vergnügungsmädchen sollten nicht allzu groß sein, denn der große Führer maß nur 1,57 Meter

Kaviar aus Moskau, Aal aus Tokio

Einer der wenigen Menschen, die Kim persönlich kennengelernt, und darüber mit westlichen Medien gesprochen haben, ist der japanische Koch Kenji Fujimoto. Ein paar Jahre lang zauberte er dem Diktator sämtliche Köstlichkeiten auf den Tisch und ging dafür auf ausgedehnte Shopping-Touren: Kaviar aus Moskau, Mangos aus Thailand, Papayas aus Singapur, Thunfisch, Seeigel, Aal und Oktopus aus Tokio. Bei einer dieser Touren setzte sich der Koch ab. Fotos, auf denen er gemeinsam mit dem Diktator zu sehen war, belegen Fujimoto Vergangenheit und seine Erzählungen, und bis heute fürchtet er sich vor Racheakten des nordkoreanischen Geheimdienstes.

Der große Führer war ziemlich klein

In seinen insgesamt 32 Residenzen feierte der Despot wilde Orgien, so der Überläufer, "Wenn ihm danach war, ließ der Führer seine Vergnügungsmädchen kommen. Im ganzen Land waren Späher unterwegs, um schöne 16-Jährige zu rekrutieren." Die kommunistischen Konkubinen wurden an einer Spezialschule in verschiedenen Fachrichtungen ausgebildet: Tanzen, Singen, Massage. Die "Vergnügungsmädchen" waren im besten Fall 1,56 bis 1,60 Meter groß, berichtete der Leibkoch. "Dem General dienten auch sehr schöne Mädchen, die größer als 1,70 Meter waren, aber die hatte er nicht so gern, weil sie auf ihn herabschauten, selbst wenn er hohe Absätze trug." Ohne seine hohe Absätze überragten ihn allerdings alle Gespielinnen, denn der große Führer war 1,57 Meter klein.

Während sich der "geliebte Führer" vergnügte, litt rund ein Zehntel der Bevölkerung an Hunger und mehr als ein Drittel Prozent an chronischer Unterernährung. Kims Reich konnte nur mit ausländischer Nahrungsmittelhilfe überleben. Und das über Jahrzehnte hinweg. Misswirtschaft und Missernten brachten das Reich immer wieder an den Rand des Abgrunds. Und je schlimmer die Lage war, desto aggressiver trat Nordkorea nach außen auf. Das Kalkül des "geliebten Führers" und seiner Generäle: Spannungen schüren und darauf hoffen, dass der Westen Gespräche anbietet, die sich in Form von Geld und/oder Lebensmittel auszahlen. Diese Rechnung ist mehr als einmal aufgegangen. So konnte Kim Jong Il sein marodes Reich bis ins 21. Jahrhundert retten.

Wird Kims Sohn zum Konkursverwalter Nordkoreas?

Das Land, das Kim Jong Il hinterlässt, ist eines der Ärmsten der Welt. Eines, in dem die Menschen in schlimmsten Zeiten Gras aßen, um nicht zu verhungern. In dem Sippenhaft und Folter Alltag ist. Eines, in dem Hunderttausende, die nur den Hauch von Kritik äußern, in Arbeitslagern landen, um dort elendig zu verrecken. Angeführt von einer Minikaste aus Privilegierten, die auf Atombomben sitzt. Eine Diktatur wie viele andere auch, sicher, aber in einer Totalität, wie es sie auf der Welt keine Zweite gibt.

Nun übernimmt Kims jüngster Sohn die Dynastie Nordkorea in der dritten Generation. Seit 2010 wird Kim Jong Un an die Macht herangeführt. Gekleidet in schwarzer Neo-Mao-Uniform blickt er bei öffentlichen Auftritten streng aufs Volk hinab und von Reformen, heißt es, gar von einer Öffnung seines Landes, will er nichts wissen. Gottes Enkel könnte endgültig zum Konkursverwalter des Kimschen Familienbesitzes namens Nordkorea werden.

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