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Nazis über Bagdad

Die Nazis hoffen, ein Irak auf der Seite Deutschlands werde den "heiligen Krieg" aller Araber gegen England auslösen und sie selbst zu Herren der nahöstlichen Ölquellen machen. Doch das "Sonderkommando Junck" beginnt mit einer Katastrophe.

Frühsommer 1941: Der Diktator in Berlin will dem Diktator in Bagdad helfen - und schickt die deutsche Luftwaffe zum Krieg in den Irak. Dort regiert General Raschid Ali al-Gailani, der sich eben an die Macht geputscht hat und schon in Kämpfe mit der früheren Kolonialmacht Großbritannien verstrickt ist. "Der Führer wünscht eine heroische Geste", eröffnet am 6. Mai Luftwaffen-Stabschef General Hans Jeschonnek dem Jagdflieger-Oberst Werner Junck in Berlin. Junck soll Luftunterstützung gegen die Briten liefern, die seit Ende April Truppen in Basra an Land setzen, eine Gefahr auch für die deutschen Wüstenkrieger in Nordafrika.

Die Nazis hoffen, ein Irak auf der Seite Deutschlands und Italiens werde den "heiligen Krieg" aller Araber gegen England auslösen und sie selbst zu Herren der nahöstlichen Ölquellen machen. Schon seit 1937 hat Hitler Kontakt zum "Propheten und Groß-Mufti von Jerusalem" der Pan-Arabisten, Amin al-Husseini. Seine Parole: "Im Himmel Allah, auf Erden Hitler."

"Sonderkommando Junck" beginnt mit einer Katastrophe

Doch das "Sonderkommando Junck", eine der geheimsten Operationen des Zweiten Weltkriegs, beginnt mit einer Katastrophe. Major Axel von Blomberg fällt, als er am 12. Mai mit dem ersten deutschen Heinkel-Kampfflugzeug Bagdad anfliegt. "Dies erste im gemeinsamen Abwehrkampf gegen England auf Iraks Boden vergossene deutsche Soldatenblut wird unsere neue Waffenbrüderschaft stahlhart machen", kabelt Ministerpräsident Gailani nach Berlin. Er verschweigt: Irakische Flakschützen haben die He-111 ohne Hoheitszeichen für einen britischen Angreifer gehalten.

Noch ehe Junck mit zwei Schwärmen He-111 und Langstreckenjägern vom Typ Messerschmitt Me-110 über Rhodos und Syrien angeflogen ist und eine Basis im nordirakischen Mosul aufgeschlagen hat, sind Iraks Streitkräfte gegen die Briten hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. Deutschen Angriffen auf den britischen Luftstützpunkt Habbanija und auf einen Lkw-Konvoi aus Transjordanien folgen Gegenschläge der Royal Air Force auf Mosul: Acht deutsche Maschinen werden zerstört. Am 17. Mai meldet der deutsche Gesandte Fritz Grobba: "Eine Me brennend abgestürzt, die andere Notlandung. Je eine Heinkel und Me zwischen Bagdad und Mosul Notlandung. Mannschaft verblutet." Den Deutschen gehen Maschinen, Treibstoff und Munition aus.

Eine letzte Schandtat der Hitlerfreunde

Dennoch befiehlt Hitler per "Führer-Weisung Nr. 30" vom 23. Mai 1941, die "Geheime Kommandosache" Irak "vorwärts zu treiben" und sendet eine 27-köpfige Militärmission unter General Hellmuth Felmy nach Bagdad. Felmy kommt nie an. Am 29. Mai flieht die Regierung Gailani in den Iran. Was von der deutschen Luftwaffe im Irak übrig geblieben ist, setzt sich nach Syrien ab. Zwei Tage später rollen britische Panzer in Bagdad ein. Sie setzen König Faisal sofort wieder ein, doch können sie eine letzte Schandtat der Hitlerfreunde nicht verhindern: Ein Mob zerstört das uralte Ghetto von Bagdad; 179 Juden sterben.

Das zuständige Kommando KG 4 der Luftwaffe kritisiert die Irak-Operation als "Musterbeispiel für mangelnde Vorbereitung und Unkenntnis der allgemeinen Lage". Juncks Flieger haben noch nicht einmal präzise Landkarten. Hitler hat indes nicht viel in den Irak investiert, denn sein Trachten richtet sich schon auf die Sowjetunion.

Mario R. Dederichs/print

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