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Und tschüss, ihr Milliarden

Zypern ist gerettet, aber Reiche drücken sich. Obwohl der Inselstaat Guthaben einfror, flossen Hunderte Millionen ab. Nun geht die Angst vor Kapitalflucht um - befeuert vom Chef der Eurogruppe.

Eine Analyse von Thomas Schmoll

  Nach der Zypern-Rettung muss das Land einen Ansturm auf seine Banken fürchten. Es rüstet sich dagegen, dass Geld in Massen das Land verlässt.

Nach der Zypern-Rettung muss das Land einen Ansturm auf seine Banken fürchten. Es rüstet sich dagegen, dass Geld in Massen das Land verlässt.

Der Münchner Vermögensberater Georg von Wallwitz kommentiert auf der Webseite seines Unternehmens "für die gebildeten Stände das aktuelle Marktgeschehen, wahlweise aus der Perspektive des gesunden Menschenverstandes oder der hohen Kultur". Sein jüngster Eintrag richtet sich an die "lieben Kunden mit Konten in Zypern". Der Finanzjongleur rät ihnen: "Geht einfach, um Geld abzuheben, zu den Londoner Filialen der zyprischen Banken. Diese waren auch die ganze letzte Woche offen und es konnte dort problemlos Geld abgehoben werden." Von Wallwitz - "Diskretion ist uns selbstverständlich Pflicht" - lässt durchblicken, dass er in Brüssel eine Ansammlung von Trotteln vermutet: "In der EU ist man anscheinend nicht mit dem Filialbanksystem vertraut und ist daher nicht auf die Idee gekommen, die offensichtlichen Möglichkeiten der Geldverschiebung zu verhindern."

Tatsächlich bezeichneten sich die Geschäftsstellen der Laiki-Bank in London und Birmingham vorige Woche als voll funktionsfähig. "Wir sitzen in einem Meer von Bargeld", prahlte eine Sprecherin des Finanzkonzerns - und das zu einem Zeitpunkt, als die Laiki-Niederlassungen auf Zypern längst geschlossen waren, Online-Banking auf der Insel gesperrt war und an Automaten nur kleine Beträge abgehoben werden konnten. Ziel dieser Maßnahmen war es, Anleger mit mehr als 100.000 Euro auf dem Konto an der Rettung Zyperns zu beteiligen. Gleichwohl verließen - offenbar sowohl vor als auch nach dem Beschluss - hohe Summen das Eiland. Zyprische Medien meldeten Abflüsse von "Unmengen" Geld, die ins Ausland überwiesen oder bar abgehoben wurden.

Strafe für stümperhaftes Vorgehen

Viele Vermögende nutzten offenkundig das Tohuwabohu, das die Euroretter mit ihrem stümperhaften Vorgehen angerichtet hatten. Während der Eskalation des Streits, ausgelöst durch das Nein des Parlaments in Nikosia zum ersten Rettungsvorschlag, waren nach Recherchen der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die Verbindlichkeiten der zyprischen Notenbank gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB) täglich um etwa 100 bis 200 Millionen Euro gestiegen. In den Tagen nach dem - vorläufigen - Scheitern des Hilfspakets habe der tägliche Wert sogar auf mehr als das Doppelte betragen. Allein in der vergangenen Woche könnten Milliarden aus Zypern abgewandert sein.

Die zyprische Notenbank steht plötzlich im Verdacht, zu lasche Vorgaben gemacht, gepennt oder gar ein Auge zugedrückt zu haben. Parlamentspräsident Giannakis Omirou lässt die Vorgänge nach dpa-Informationen untersuchen - auch, ob hohe Beamte aus Regierungsapparat und Banken Insiderwissen genutzt haben, eigenes oder fremdes Vermögen rechzeitig außer Landes zu schaffen. Ein politisch hochbrisanter Verdacht: Während Zehntausende Zyprioten schweren Zeiten entgegengehen und die Auszahlung öffentlicher Gehälter zum 1. April fraglich scheint, nutzten Superreiche ihre Kontakte und Möglichkeiten, ihr Geld vor dem Zugriff des Staates zu retten.

Drohende Massenflucht des Kapitals

Damit es in Zypern nicht zur Massenflucht von Geld kommt und das Finanzsystem der Insel völlig kollabiert, wenn die Banken wie geplant am Donnerstag nach zwei Wochen wieder öffnen, gelten Beschränkungen für Kontobewegungen. Kunden können dann nur Minibeträge abheben. Auch Griechenland, das mit Zypern finanziell eng verflochten ist, hat sich gerüstet, um die Sparer daran zu hindern, in Panik ihre Konten leerzuräumen. Die hellenische Piräus-Bank übernahm alle Niederlassungen der zyprischen Finanzkonzerne Bank of Cyprus, Laiki und Hellenic Bank. Damit sind die Ersparnisse vorerst sicher.

Hellas und die anderen Euroländer in finanzieller Not mussten ohnehin bereits gigantische Kapitalabflüsse hinnehmen. Aus Griechenland verließen im Sommer 2012, als die Staatspleite so nah wie nie zuvor war, Woche für Woche legal oder illegal Hunderte Millionen Euro das Land. Mindestens 80 Milliarden Euro wurden ins Ausland transferiert und in Immobilien, Wertpapiere und Tresore gesteckt. Berühmt wurde der Fall mehrerer Nonnen, die bei Grenzkontrollen mit Unmengen Bargeld geschnappt wurden. Viele Griechen legen das Geld auch einfach nur unter das Kopfkissen oder verbuddeln es im Keller. Aus Spanien zogen private Investoren binnen eines Jahres fast 300 Milliarden Euro ab. In Italien wiederum sind die Einlagen immer noch weitaus höher als zum Zeitpunkt der Lehman-Pleite 2008.

Das Eigentor des obersten Euroretters

Die Euroretter sorgen sich nun, dass nach der Entscheidung, Vermögende mit Geld in Zypern zur Kasse zu bitten, das Vertrauen in den Währungsraum schwindet und es zu einer breiten Kapitalflucht aus den Krisenstaaten kommt, die den Finanzkreislauf stört oder zum Erliegen bringt. Die Folgen für die Wirtschaft wären fatal, weil die Geschäftsbanken Unternehmen nicht mehr mit Frischgeld versorgen könnten. Der amerikanische Ökonom Paul Krugman hatte den - gescheiterten - Beschluss der Eurozone, auch Kleinsparer auf Zypern einen Soli-Zuschlag abzuverlangen, mit den Worten kommentiert: "Das ist, als ob die Europäer eine Leuchtreklame hoch halten, geschrieben in griechisch und italienisch, mit den Worten: 'Es ist Zeit, die Banken zu stürmen'." Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, rechnet im Gespräch mit stern.de mit einem "dramatischen Rückgang" von Bankeinlagen einheimischer Großsparer und von Ausländern in der Eurozone, besonders in den Krisenländern. Das Geld muss nicht unbedingt Europa verlassen. "Es fließt in die sicheren Häfen, also in die Schweiz, nach Deutschland, auch nach Kanada oder Australien." Ebenfalls sichtbar wird das bei langjährigen US-Staatsanleihen, die stärker nachgefragt werden.

Der Witz dabei ist: Ausgerechnet Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem hatte die Ängste der Sparer und Investoren befeuert und damit für einen Kurssturz an den Börsen gesorgt. Dijsselbloem hatte in einem Reuters-Interview angedeutet, dass das Vorgehen in Zypern eine Blaupause für andere Wackelkandidaten des Währungsraums sein könnte, also Eigentümer und reiche Anleger von Krisenbanken bei Bedarf zur Sanierung des Unternehmens herangezogen werden. "Es war falsch von Herrn Dijsselbloem zu sagen, was er gesagt hat", kritisierte der französische Zentralbanker Benoît Coeuré ungewöhnlich offen. "Die Erfahrung mit Zypern ist kein Vorbild für den Rest der Eurozone, weil die Situation ein Ausmaß erreicht hatte, das mit keinem anderen Land vergleichbar ist." Nur diesen harten Kurskorrekturen war es zu verdanken, dass sich die Börsen wieder beruhigten.

"Verheerende Signalwirkung"

Doch auch langfristig? Da das Wort "Einzelfall" zum Standardvokabular der Euroretter zählt, dürften Dijsselbloems Aussagen weiteres Vertrauen gekostet haben. Straubhaar sagt zu der Frage, ob der Zypern-GAU überhaupt zu reparieren ist: "Nein, die Signalwirkung ist verheerend, dass der Staat, wenn er es für nötig erachtet, bereit ist, alle Zwangsregister zu ziehen und die Daumenschrauben anzuwenden, wird lange nachhallen und Investoren misstrauisch stimmen." Karel Lannoo, Geschäftsführer des Centre for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel, hingegen hält die Aufregung um Dijsselbloems Äußerungen für weit übertrieben. Es sei doch klar, dass Guthaben über 100.000 Euro bei Bankpleiten verloren gingen. Bis zu diesem Betrag sind die Einlagen gesetzlich geschützt.

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