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Die Taliban rücken vor - Bundeswehrhelfer sitzen fest

Seit die Bundeswehr abgezogen ist, rücken die Taliban vor: eine tödliche Gefahr, vor allem für die ehemaligen Helfer der Bundeswehr. Die meisten durften nicht nach Deutschland ausreisen. Und wer ausreisen durfte, fühlt sich im Stich gelassen.

Von Gesa Steeger

Selbstmordanschlag in Kunduz

Selbstmordanschlag in Kunduz: Die Sicherheitslage für ehemalige Helfer der Bundeswehr ist prekär.

Kunduz im Nordosten Afghanistans. Hier stand einst das Feldlager der Bundeswehr. Rund 250 Millionen Euro Steuergeld sind in die Infrastruktur des Camps geflossen, es gab Straßen, Bäume, Strom, Wasser, sogar eine raketensichere Verpflegungshalle. Am 6. Oktober 2013 übergab der damalige deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière das Gelände an afghanische Sicherheitskräfte. Seitdem verfallen die Bauten.  Und fast genau zwei Jahre später erleben die dort stationierten Afghanen ihr bislang größtes Debakel: Handstreichartig erobern die Taliban die nahe gelegene Stadt. Und auch wenn sich die Taliban wieder zurückziehen werden - der Überfall ist ein bitterer Beleg für das alte, neue Elend am Hindukusch: Es ist Krieg. Bürgerkrieg. Überall im Land. 

Und es gibt Menschen die spätestens jetzt fliehen - müssen. Die Ortskräfte der Bundeswehr, die Helfershelfer: Dolmetscher, Fahrer, Boten. Eben waren sie noch die Glücklichen, die mit ihrem Lohn ganze Großfamilien über Wasser hielten. Nun sind sie Ehemalige, Verängstigte, Bittsteller. Mitte August standen elf von ihnen vor der Einfahrt zum Camp Marmal bei Masar-i-Sharif, das die Bundeswehr noch nicht vollständig geräumt hat. Sie standen vor einer mit Stacheldraht bewehrten Sicherheitsschleuse, gut ausgeleuchtet und streng bewacht. Aber sie kamen nicht weiter - die Reise in eine gesicherte Existenz blieb ihnen verwehrt. Offizielle Begründung: Ihre Gefährdung sei nicht hinreichend nachgewiesen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums kommentierte auf stern-Nachfrage lakonisch, es stehe den Betroffenen frei, jederzeit wieder einen Antrag zu stellen.

1355 Ausreiseanträge der lokalen Ortskräfte hat die Bundeswehr bislang registriert. Weniger als 40 Prozent hat die Bundesregierung anerkannt.

Die Türsteherin Deutschlands

Verwaltung der Luftwaffen-Kaserne Wahn in Köln Porz. Ein kleines Büro im Erdgeschoss, am Schreibtisch sitzt Anja Siegel, Major. An der Wand hängt ein Foto von Siegel und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, auf dem Boden steht noch die Kiste mit Siegels Einsatzausrüstung, die schwarzen Lederstiefel obenauf. Ihre Augen werden feucht, wenn sie sich erinnert, es geht ihr nah. 2014 war sie sieben Monate lang Leiterin des Standortservice im Camp Qasaba in Kabul, eine Art Türsteherin ihrer Heimat. Wer aus Kabul raus und nach Deutschland rein wollte, musste an ihr vorbei. 45 Anhörungen afghanischer Ortskräften führte sie durch. Und teilte ihnen, nachdem ein Gremium aus Juristen, militärischem Abschirmdienst und interkulturellen Beratern entschieden hatte, das Ergebnis des Verfahrens mit.

Drei Gefährdungskategorien unterscheidet die Bundesregierung. Kategorie eins: akute Gefahr für das Leben. Kategorie zwei: Bedrohung des Betroffenen. Kategorie drei: Es liegen keine hinreichenden Belege für Gefahr oder Bedrohung vor. Die Absagen waren für Siegel das schlimmste. Wut und Verzweiflung schlugen ihr entgegen. "Männer, die drohten ihre toten Kinder auf meinen Schreibtisch zu legen." Sie sagt: "Ich kann die Angst dieser Menschen verstehen." Wie viele Absagen sie in diesen sieben Monaten überbringen musste, weiß Anja Siegel nicht mehr. Vielleicht will sie sich auch nicht so genau erinnern. Sie hoffe, dass die Männer noch leben, sagt sie.

Monatelange Verfahren

Dschawad Wafa, Dolmetscher der Bundeswehr, hatte in einem anderen Camp ein ein solches Verfahren absolviert. Er hatte eine Ausreisegenehmigung, er wartete nur noch auf sein Visum. Ende November 2013, rund einen Monat nach dem Abzug der Bundeswehr aus Kunduz, wird seine Leiche in einem Kofferraum gefunden – gefesselt, gefoltert, erwürgt. Die örtlichen Behörden sind sich sicher: Wafa wurde Opfer der Taliban. Sie waren schneller als die deutsche Verwaltung.

"Manchmal geht es ruckzuck. Aber meistens dauert es viele Wochen, sogar Monate" , sagt Victor Pfaff, Anwalt und Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. Er vertritt afghanische Ortskräfte, deren Aufnahmeverfahren ins Stocken gerät. Oft hake es an einer Stelle und niemand fühle sich zuständig, erklärt Pfaff. Weder die Bundesregierung , noch die Aufnahme-Kommune in Deutschland oder die deutsche Botschaft in Kabul. Die afghanischen Familien lebten in Angst, manche trauten sich nicht mehr, das Haus zu verlassen.

Die Empörung des Ex-Wehrbeauftragten

Es ist ein Zustand, der an die Ehre der Bundeswehr rührt. Reinhold Robbe, SPD, von 2005 bis 2010 Wehrbeauftragter, nennt ihn beschämend. Schuld sei die Starre der deutschen Bürokratie. "Die afghanischen Ortskräfte waren nicht geplant. Sie tauchen nicht in irgendwelchen Gesetzen auf. Daher fallen sie aus dem Raster." Immer wieder habe er in den vergangenen Jahren versucht, auf die Situation der Helfer aufmerksam zu machen - bisher mit geringem Erfolg. Robbe ist empört: "Da müssen erst mehr Menschen sterben, bevor da wirklich was passiert." Inzwischen hat auch Verteidigungsministerin von der Leyen Handlungsbedarf erkannt. Im April kündigte sie an, die Anerkennungsverfahren beschleunigen zu wollen, verlangte mehr "Großzügigkeit". Vier Monate später teilt das Verteidigungsministerium mit, es habe nun zusätzliches Personal nach Afghanistan entsandt.

Ein kleiner Teil, genau: 455 ehemalige afghanische Ortskräfte, leben inzwischen in Deutschland. Einer von ihnen ist Ferooz Khan. Ein großer, schwerer Mann, der eingefallen auf seinem schmalen Bett sitzt. Seine nackten Füße hat er wie zum Schutz unter seinen Körper geschoben. Das kleine Zimmer ist kahl – keine Bilder, keine persönlichen Gegenstände. Mehr Wartesaal als Zuhause. Er sagt: "Hätte ich damals gewusst, was mit mir passiert, hätte ich nicht bei der Bundewehr unterschrieben."

Nur das Zertifikat ist geblieben

Seit eineinhalb Jahren lebt er im Exil. In einem Flüchtlingsheim, irgendwo in Berlin. Eineinhalb Jahre voller Angst um die Familie, fünf Brüder, sieben Schwestern, die Eltern. Eineinhalb Jahre Sehnsucht nach Heimat. Zurück kann er nicht. Die Taliban warten auf ihn. Ein Vogelfreier, zum Abschuss freigegeben. Sein Vergehen: Viereinhalb Jahre als Wachmann im deutschen Feldlager Kunduz gedient zu haben - mit dem innigen Wunsch, das von Kriegen geschundene Afghanistan wieder aufzubauen.

Seit Ferooz Kahn in Deutschland ist, scheint sein Leben an ihm vorbeizuziehen. 399 Euro Sozialgeld bekommt er vom deutschen Staat. Für eine Wohnung auf dem überhitzten Berliner Markt reicht es nicht. In ein anderes Bundesland ziehen darf er wegen der Sozialgeldauflagen nicht. Keine Wohnung, kein Job, die deutsche Sprache hat er nur in Bruchstücken erlernt. Er fühle sich zerrissen, sagt der 24-Jährige. "Halb hier, halb in Afghanistan." Wenn er das Heim verlässt, dann nur, um zum Sprachkurs oder zum Sport zu gehen. Von der Bundeswehr hat er 3890 Dollar Abfindung bekommen . Dazu ein eingeschweißtes Zertifikat, das ihm gute Leistungen im Dienst bescheinigt. Das Geld ist mittlerweile aufgebraucht. Das Zertifikat in einem Koffer verstaut. Von seinem ehemaligen Arbeitgeber hat er seit seiner Ankunft nichts mehr gehört.

Jahre ins Flüchtlingsheim

Neben ihm auf dem Bett liegt sein schwarzes Mobiltelefon. Seine einzige Verbindung zur Familie. Manchmal telefoniert er vier Stunden am Tag mit Afghanistan. Seit er in Deutschland lebt, ist seine Familie ins Visier der Taliban geraten. Das Aufnahmeprogramm der Bundesregierung für afghanische Ortskräfte sieht vor, dass Partner und Kinder ebenfalls einreisen können. Großfamilien stehen nicht auf der Liste. "Höre ich zwei Tage nichts von meiner Familie, habe ich Angst, dass etwas passiert ist", sagt Kahn.

"Die Probleme der Afghanen, die es nach Deutschland geschafft haben sind fast immer die gleichen" , sagt Marcus Grotian, Offizier der Bundeswehr. Er sitzt in der großzügigen Küche seiner Potsdamer Wohnung. Ein Soldat wie aus dem Lehrbuch: akkurate Frisur, knappe Sätze, klare Haltung. Er erzählt von jungen Männern, die schwer traumatisiert sind, von Familien, die monatelang keine Krankenversicherung haben und von Menschen, die ihre ersten Jahre in Deutschland im Flüchtlingsheim verbringen. Jetzt, da Hunderttausende Flüchtlinge aus Syrien ins Land kommen, fällt ihr Schicksal noch weniger auf als zuvor.

Marcus Grotian hat in Afghanistan gedient. Als deutscher Soldat fühlt er sich seinen ehemaligen Kollegen verpflichtet. "Die haben uns geholfen, jetzt müssen wir ihnen helfen." Im Januar diesen Jahres rief das Verteidigungsministerium seine Angestellten dazu auf, Patenschaften für afghanische Ortskräfte zu übernehmen. Auch das Innenministerium gründete ein Netzwerk. Rund 100 Patenschaften hat die Bundeswehr bisher vermittelt, die Polizei etwa die Hälfte. Grotian geht das nicht weit genug. Nicht nur die Bundesregierung ist in der Plicht zu helfen. Für Grotian ist es vor allem die deutsche Gesellschaft, die helfen muss.

Paten gesucht

Im Mai 2015 gründet er das "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte". 20 ehrenamtliche Helfer und Paten hat er bisher für seinen Verein gefunden. Soldaten, Sozialarbeiter, Rechtsanwälte. Sie alle sollen dafür sorgen, dass den afghanischen Helfern der Start in Deutschland erleichtert wird. Sie unterstützen bei der Wohnungssuche, vermitteln Praktika und führen durch den deutschen Behördendschungel. Grotian hofft, dass in Zukunft noch mehr Menschen sich bereit erklären, seinen ehemaligen Kollegen zu helfen. "Nur so können wir versuchen, dieses Problem anständig zu lösen."

Ferooz Kahn darf die nächsten eineinhalb Jahre in Deutschland bleiben. Danach wird geprüft, ob die Gefährdungslage seinen Aufenthalt in Deutschland noch immer rechtfertigt. Bis dahin will er weiter Deutsch lernen, vielleicht eine Ausbildung anfangen. Er träumt von einer Zukunft als Polizist. Irgendwann will er wieder in seine Heimat zurückkehren. Er hofft, dass sein altes Leben bis dahin auf ihn wartet.

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