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Der Milde und der Alterszorn

Ein Milliardär bringt sich um - und Anne Will nutzt den traurigen Anlass, um über das "Tabuthema" Freitod zu sprechen. Von den Gästen, die für ihre klare Kante bekannt sind, will aber niemand etwas von einem Tabu wissen - nicht einmal der katholische Hardliner Walter Mixa.

Von Niels Kruse

Es war ein ziemlich großes und ziemlich schweres Thema, das sich Anne Will am Sonntagabend ans Bein gebunden hatte: "Tabu Freitod - Wer hat das Recht, Leben zu beenden?" hieß ihre Sendung. Anlass war der Selbstmord des schwäbischen Millionärs Adolf Merckle, der sich Anfang Januar in der Nähe seines Pharmaunternehmens vor den Zug geworfen hatte. "Die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können", habe den 74-Jährigen in den Suizid getrieben, zitierte die Moderatorin dessen Familie und hatte fünf Gäste eingeladen, um den Bogen von dieser Verzweiflungstat über das grundsätzliche Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen bis hin zur Euthanasie zu spannen.

Es ließe sich wenigstens ein Tag, eine Woche aber wohl eher ein paar Jahre damit verbringen, Für und Wider dieses enormen Komplexes gegeneinander abzuwägen - wobei am Ende nicht unbedingt ein befriedigendes Ergebnis herauskommen muss. So gesehen taugt eine Stunde TV-Diskussion dafür genauso gut wie eine Doktorarbeit oder ein Arte-Themenabend.

Fundi ohne Moralkeule

Die Redaktion von Anne Will hatte eine Handvoll Gäste ins Studio gebeten, die zumindest Kraft ihrer Funktion für ein paar handfeste Ansichten hätten stehen können. Die Rollen waren wie folgt verteilt: Walter Mixa, Bischof von Augsburg, sollte den christlichen Fundi repräsentieren und den Suizid ohne wenn und aber zur Sünde erklären. Ein Gefallen, den er Anne Will nicht tat - zumindest nicht in der erwarteten Rigorosität.

Als Kontrahent diente Roger Kusch, ein leicht zwielichtiger Rechtsaußen-Politiker aus Hamburg, der unter großem Hallo Sterbehilfe als Dienstleistung vermarktet. Aber ebenfalls erstaunlich blass blieb.

Daneben, beziehungsweise gegenüber, saß zudem Katrin Göring-Eckardt, Grünen-Politikerin, neben ihrem Job als Vizepräsidentin des Bundestags Präsidiumsmitglied des Evangelischen Kirchentags - und eine Frau des Ausgleichs. Dazu, als direkt-indirekt Betroffene: Der ehemalige Aufklärer Oswalt Kolle, dessen Frau aktive Sterbehilfe im heimischen Holland in Anspruch genommen hatte, sowie die Autorin Marion Weidner. Ihr Sohn nahm sich 2003 im Alter von 20 Jahren das Leben. Die Mutter weiß bis heute nicht, warum genau.

"Man kann nicht in den Kopf gucken"

Womit die entscheidende Frage im Raum stand, die alle Beteiligten zähe 60 Minuten lang zur Geste der Betroffenheit zwang. Warum bringt sich jemand um? "Man kann dem Menschen nicht in den Kopf gucken", sagte ein Bewohner Blaubeurens in einem Einspielfilm über den Freitod von Unternehmer Merckle. Selbst Bischof Mixa wollte ausnahmsweise nicht absolut erscheinen, für die nun einmal sehr privaten Beweggründe eines jeden Selbstmordes, mit dem Fallbeil kirchlichen Zorns zu drohen. Stattdessen: "Der Freitod gehört enttabuisiert. Niemals sollten wir einen Suizidalen verurteilen, schließlich kann nur Gott in dessen Herz hineinschauen", sagte der Geistliche milde. In diesem pastoralen Ton ging es weiter.

Wenn nicht der alterszornige Oswalt Kolle ab und an für ein wenig Erregung gesorgt hätte: Mal sah er sich gezwungen zu erklären, dass die Nazis keine Euthanasie betrieben hätten, sondern schlicht Mörder gewesen seien. Dann echauffierte er sich darüber, es sei ja wohl nicht Roger Kusch, der sich als Herr über Leben und Tod aufspiele, wie von Walter Mixa kritisiert, sondern der Bischof selbst. Und schließlich fand der Wahl-Niederländer seine eigentliche Gegnerin in Katrin Göring-Eckardt. "Altwerden in Würde ist nicht mehr selbstverständlich", sagte die Gegnerin der aktiven Sterbehilfe. Und beinahe klang es so, als habe sie bereits die Vision einer Gesellschaft vor Augen, die an den Film "Logan's Run" erinnert. Darin wird jeder im Alter von 30 Jahren von Staats wegen ermordet.

Vorausgegangen war Kolles Plädoyer für aktive Sterbehilfe, wie sie in Holland, Belgien, der Schweiz und bald auch in Luxemburg üblich ist. Schließlich, so blaffte der 80-Jährige die Politikerin an, gebe es klare Regeln und Verantwortlichkeiten und kein Arzt würde dort ständig mit einer Todesspritze im Kittel herumlaufen - der Mensch, ein schwerkranker wie seine Frau zumal, müsse schon selbst über sein Schicksal entscheiden dürfen.

Um 22.42 Uhr war klar: Es gibt Gegner und Befürworter der Sterbehilfe. Und beide haben ihre Gründe. Einerseits war es angenehm zu sehen, dass der Sonntagsabend-Talk auch ohne die sonst übliche Aufgeregtheit über die Bühne gehen kann. Andererseits bedingte genau diese Gravität, dass am Ende nur der übliche, fade Nachgeschmack der Dreisatz-Thesen-Abwurf-Institution Anne Will blieb.

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