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Ein Absturz, der die FDP erfreut

Wegen eines von Unbekannten ausgelösten Ansturms hatte die FDP plötzlich 100.000 Follower auf Twitter und geriet selbst in Verdacht. Die Fan-Zahl ist nun wieder auf Normalmaß. Doch ein Problem bleibt.

Von Thomas Schmoll

  Der sagenhafte Anstieg der Follower auf dem FDP-Twitter-Account war offenbar erkauft.

Der sagenhafte Anstieg der Follower auf dem FDP-Twitter-Account war offenbar erkauft.

  • Thomas Schmoll

Normalerweise freut sich eine Partei über einen Höhenflug, gerade wenn sie so gebeutelt ist wie die FDP. Die Liberalen brachte die jüngste Erfolgswelle allerdings keine Freude, sondern im Gegenteil nur Arbeit, Ärger und den bösen Vorwurf, der Öffentlichkeit einen Zuwachs an Anhängerschaft vorzugaukeln und dafür auch noch zu bezahlen. Der Grund: Die Zahl der FDP-Follower bei Twitter war explodiert. Waren es am 6. Februar noch knapp 6500, folgten ihr zwei Wochen später schon beinahe 40.000, ehe die Zahl am vergangenen Wochenende auf beinahe 100.000 hochschnellte. Für seine "mögliche Erklärung" des mutmaßlichen Sympathiezuwachses, im Portugiesischen stehe das Kürzel FDP für das Schimpfwort "filho da puta" (Hurensohn), erntete das Thomas-Dehler-Haus Hohn und Spott.

Da in Zeiten des Internets ein Verdacht schnell zur Tatsache erklärt wird, musste Parteisprecher Nils Droste tagelang immer und immer wieder beteuern: "Die FDP kauft keine Fans." Die Liberalen forderten die Firma fandealer.de, die Kunden verspricht, deren Reichweite in sozialen Netzwerken "durch natürlichen Fanaufbau" zu steigern, zur Stellungnnahme auf. Das Unternehmen bestätigte, dass die Liberalen nicht hinter dem Ansturm steckten. Gleichzeitig wandte sich die FDP an Twitter, Fake-Follower zu löschen - mit Erfolg.

Am Montag war die Zahl auf rund 34.000 zurückgegangen, seit Dienstag liegt sie bei etwas mehr als 8.300. Die Empfänger der FDP-Kurzbotschaften sind fast alle echt: "Nur noch knapp vier Prozent Fake-Follower sind darunter", ergab eine Analyse des Blogs "Pluragraph", der die Sache aufgedeckt hatte.

"Keine Chance gegen Lady Gaga oder Justin Bieber"

Die Strategen in der FDP-Zentrale dürften erleichtert sein, wieder auf Normalmaß zurückgestutzt worden zu sein. Die Angelegenheit ist damit aber nicht ausgestanden. Ein Verdacht steht nach wie vor im Raum: Dass ein politischer Mitbewerber hinter der Aktion steckt mit dem Ziel, die FDP in Verruf zu bringen: "Eine eingehende Überprüfung des Kampagnenurhebers und dessen Benutzerkontos ergab, dass die Kampagne für die Twitter-Seite der FDP von einem politischen Mitbewerber auf www.fandealer.de lanciert wurde." Den Namen des Auftraggebers will fandealer.de nicht nennen, was insofern nachvollziehbar erscheint, weil sich die Firma damit ihr Geschäftsmodell kaputtmachen würde. Anschließend müsste jeder Kunde fürchten, bei Ärger öffentlich gemacht zu werden. Die Strategen im Thomas-Dehler-Haus erwägen, Strafanzeige zu stellen, um über den juristischen Weg herauszufinden, wer ihr Schaden wollte.

Die FDP ist nicht die erste Partei, der so etwas passiert ist. Vor gut einem Jahr stand die CDU im Verdacht, für 5000 falsche Twitter-Freunde gezahlt zu haben. Auch sie dementierte. "Die CDU Deutschlands hat zu keinem Zeitpunkt und für keines ihrer Angebote den Kauf von Followern beauftragt oder veranlasst." Auch hier löschte Twitter die Fake-Accounts. Mitt Romney, unterlegener Herausforderer von Barack Obama im Rennen um die US-Präsidentschaft, musste sich im Wahlkampf rechtfertigen, weil seine Follower-Zahl quasi über Nacht um 90.000 zugenommen hatte. Er wies den Verdacht, dafür Geld berappt zu haben, ebenfalls von sich: "Wenn der gewinnt, der die meisten Twitter-Follower hat, dann hätte Obama keine Chance gegen Lady Gaga oder Justin Bieber."

Auch die Gegenseite rüstet auf

Es gibt etliche Firmen wie fandealer.de. In Amerika brummt das Geschäft mit den falschen Freunden. Socialmedia-combo.com verspricht für 52 Dollar 10.000 neue Follower, für 30,99 Dollar gibt es 5000+. Auch die Gegenseite rüstet auf. Zum Beispiel können mit Tools wie bei Followerwonk.com Accounts untersucht werden. Sie finden die typischen Merkmale eines Fake-Followers. Der nämlich hat in der Regel keine oder nur sehr wenige eigene Anhänger und twittert so gut wie nie selbst. Mehr als 90 Prozent der "neuen FDP-Fans" hatten nie oder nur sporadisch Kurzbotschaften in die Welt hinausgeschickt.

Der Kurznachrichtendienst erklärt auf Anfrage von stern.de: "Das Kaufen von Followern verstößt ganz klar gegen die Twitter Policy. Da Twitter-Accounts ausschließlich organisch wachsen sollen, sperrt Twitter alle Accounts, die versuchen, Follower zu kaufen oder zu verkaufen - darunter fallen selbstverständlich auch Taktiken, die als aggressives Folgen oder als Follower-Wechsel gelten." Profile würden gesperrt bei Follower-Trains, Webseiten, die "Mehr Follower jetzt!" garantierten oder jegliche andere Webseiten, die die automatische Erhöhung der Follower-Anzahl anböten. Im Fall der FDP hätten sowohl manuelle als auch automatische Kontrollmechanismen gegriffen.

"Das war eine Ewigkeit"

Dennoch musste sich die FDP, so schildert es ihr Sprecher Nils Droste, ganz schön ins Zeug legen, um Twitter zum raschen Handeln zu bewegen. Was Droste wiederum verwundert. "Glaubwürdigkeit ist doch eine Währung für Twitter." Mit dem Problem hat der Kurznachrichtendienst seit Jahren zu kämpfen, wie viele andere Social-Media-Anbieter freilich auch. Denn Fake-User haben es einfach: Zur Anmeldung reichen ein falscher Name und eine E-Mail-Adresse zu der erfundenen Person. Facebook hatte die Zahl nicht echter Nutzer einmal mit vier Prozent angegeben. Oft steckt allerdings noch nicht einmal böse Absicht hinter solchen passiven Accounts: Viele User melden sich einmal an, schauen sich um - und kommen nie wieder. Doch die "toten" Follower bleiben in den Listen und verfälschen so das Bild. Die Social-Media-Beauftragten großer Unternehmen oder Medienmarken, auch von stern.de, kennen das Problem seit langem. Darum werden Followerzahlen nur sehr begrenzt und vorsichtig als Marketinginstrument benutzt.

Patrick Kurth, thüringischer FDP-Generalsekretär, Bundestagsabgeordneter und von der "Bild"-Zeitung zum Twitter-König seiner Partei erklärt, ist schwer aktiv bei dem Nachrichtendienst. Er geriet im Zuge der Debatte um den FDP-Twitterboom ebenfalls in den Verdacht zu tricksen. Deshalb entschloss sich Kurth nach eigener Aussage, seinen Account zu überprüfen. Der Test habe ergeben: alles okay. "Die Zahl echter Follower ist sehr hoch." Und er hat immerhin knapp 14.500, also deutlich mehr als die FDP-Bundespartei. Seinen Erfolg erklärt er so: "Ich twittere zeitnah und persönlich, auch emotional, und nicht nach strategischen Erwägungen. Das macht den Blog lesenswert." Kurths Profil war im Bundestagswahlkampf 2009 von Twitter als vermeintlicher Spam-Account gelöscht worden. Zwei Wochen rang er damals mit dem Unternehmen, sein Profil zurückzubekommen. "Das war eine Ewigkeit."

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