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Der "Roten Flora" droht Räumung

Die seit Jahren im Zentrum von Krawallen stehende linksautonome "Rote Flora" in Hamburg soll verkauft werden. Den Besetzern droht nach gut 21 Jahren die Räumung. Einen ersten Vorgeschmack auf ihren Widerstand könnte es schon am Wochenende bei den 1. Mai-Demonstrationen geben.

Sie sind da. Natürlich sind sie da. Sie sind fast immer da, haben teils ihre Matratzen und Schlafsäcke für einen längeren Aufenthalt auf die breite Eingangstreppe des ehemaligen Theaters drapiert, sitzen auf den Stufen und beobachten mehr oder weniger still mit allerlei Alkoholika und Rauchwaren in der Hand das schicke Treiben auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie machen einen entspannten Eindruck. Schließlich müssen sie nicht fürchten - wie sonst an vielen Orten der Stadt - vertrieben zu werden. Die eigentlichen Nutzer des Gebäudes haben nichts gegen Punks, Obdachlose oder Tagträumer. Schließlich befinden sie sich auf dem Territorium der besetzten "Roten Flora" in Hamburg - einem der letzten linksautonomen Zentren in Deutschland.

Wie eine Trutzburg steht die seit gut 21 Jahren okkupierte und regelmäßig im Zentrum von Krawallen und Ausschreitungen liegende "Flora" an der Adresse Schulterblatt 71. Einem Mahnmal gleich dominiert sie das in vielen Reiseführern immer noch als alternativ gepriesene Schanzenviertel. Denn während die Cafés in der Umgebung im Laufe der Jahre immer teurer, die Bars immer hipper und die Klamottenläden immer schicker wurden, sieht die "Flora" nach wie vor genauso heruntergekommen aus wie vor zwei Jahrzehnten - und erinnert damit auch an den Zustand des Viertels, als es dort noch mehr Junkies als Porsche-Fahrer gab. Schließlich sind die Anwohner oft Werbetexter, Agenturen und sonstige solvente "Kreative".

Die ursprünglich gelbe und weiße Fassadenfarbe der "Flora" ist unter den unzähligen Graffiti nach wie vor kaum zu erkennen, weiter dienen die Hauswände als großflächige "Termin-Pinnwand" für Demonstrationen etwa gegen Neonazis, Atomkraft oder Abschiebung. Und doch ist etwas anders: Nach zehn Jahren der mehr oder weniger friedlichen Koexistenz von Polizei und Autonomen steht die "Rote Flora" wieder selbst im Mittelpunkt. Ihr Eigentümer, der Investor Klausmartin Kretschmer, will das Gebäude und das inzwischen wohl millionenteure 1770 Quadratmeter große Grundstück verkaufen, das er 2001 für umgerechnet knapp 190 000 Euro erstanden hat - und zwar rasch.

"Es gibt mindestens ein definitives Kaufangebot und dieses Kaufangebot hat eine Befristung. Ich muss es nur annehmen", sagt Kretschmer. Er weist dabei auf seiner Meinung nach nun obsolete Vertragsklauseln wie die Zustimmungspflicht der Stadt bei einem Verkauf oder die vorgeschriebene kulturelle Nutzung des Gebäudes hin. Außerdem betont er: "Die Duldung kann jederzeit beendet werden, und zwar schon seit zehn Jahren."

Dabei weiß er ganz genau, dass die Verkaufsankündigung allein die Sicherheitsbehörden bereits in Aufregung versetzt. Schließlich hat Hamburg eine lange "Tradition" bei gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der linken Szene. An erster Stelle stehen dabei die jahrelangen Krawalle in der Hafenstraße, an deren Ende im November 1987 es auch Tote hätte geben können - hätten sich der damalige Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) und die Hausbesetzer nicht in letzter Minute geeinigt. 5000 Polizisten standen schon bereit, um die acht zu Festungen ausgebauten Häuser im Hafen zu räumen. "Es war eine gefährliche Situation, (...) die Auseinandersetzung hätte sogar Leben kosten können", sagte Dohnanyi später.

Auch diesmal fürchten Pessimisten Schlimmes, sollte die "Flora" in falsche Hände geraten und von der Polizei tatsächlich geräumt werden müssen. Einen ersten Eindruck davon könnte es bereits am kommenden Wochenende geben. "Wir rufen aus Anlass der aktuellen Bedrohung der Roten Flora (...) am 30. April zu einer überregionalen Demonstration gegen kapitalistische Stadtentwicklung und Gentrifizierung in Hamburg auf", mobilisieren "Flora"-Anhänger seit Wochen. Unterstützung kommt unter anderem von Fans des links-alternativen Fußball-Bundesligisten St. Pauli. Solidaritäts- und Informationsveranstaltungen auch zur "revolutionären 1. Mai-Demo" in Hamburg gab es bereits in Köln, Frankfurt/Main, Erfurt und Berlin.

Er nennt seinen Namen nicht, natürlich nicht, Fotos sind unerwünscht. Er will "Florian" genannt werden. Gleichwohl redet der "Flora"-Aktivist. Und das ist neu, reagierten die "Rotfloristen" doch in früheren Zeiten eher misstrauisch auf Fremde. Nun jedoch bitten er und seine Mitstreiterin "Florentine" zum Gespräch in eine Anwaltskanzlei fünf Gehminuten von der "Roten Flora" entfernt, wollen unter anderem aufräumen mit Vorurteilen, die "Rote Flora" sei eine Mischung aus terroristischer Vereinigung und Punk-Abspielbude.

"Wir sind ein linksradikales autonomes Projekt", sagt Florentine. Die "Flora" sei primär eine Idee, wie man sich gemeinsam organisieren wolle, was man ändern wolle, wie man sich Gesellschaft, eine solidarische Stadt vorstelle. "Die Rote Flora ist ein Ort, wo alles ausdiskutiert werden soll", betont Florian. Auch deshalb müssten alle Entscheidungen in der allen Interessierten offenen Vollversammlung - dem obersten, von durchschnittlich 150 Aktivisten besuchten Gremium - im Konsens fallen. "Ja, das ist mühsam", räumt Florentine ein. "Aber es ist ein Weg, der mehr Gleichberechtigung bringt. Niemand kann einfach etwas durchdrücken."

In einem Flyer mit dem Titel "Flora bleibt unverträglich - zu den kommenden Kämpfen um die Rote Flora" heißt es: "Es reicht uns nicht, mit der "Roten Flora" einen auf sich selbst gerichteten Erprobungsraum für alternative Organisationsformen und Lebensentwürfe zu betreiben." Die Perspektive bestehe nicht in kleinen neuen "Freiräumen", "sondern im Kampf gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, die uns in solche Nischen zwingen." Oder wie Florentine sagt: "Es ist die Idee, die im Vordergrund steht, nicht die Mauern."

Und die hat angesichts zum Beispiel der Proteste gegen Stuttgart 21 oder angesichts der Wohnungsknappheit, der explodierenden Mieten und der von vielen empfundenen sozialen Spaltung in Hamburg durchaus Konjunktur. Neben den "Rotfloristen" engagieren sich längst auch andere Gruppen für ein gerechteres Miteinander. Bundesweit Aufsehen erregte dabei zuletzt die Besetzung des Hamburger Gängeviertels durch mehrere hundert Künstler.

"Widerstandlos gibt's die Flora nicht", sagt Florian knapp. Wie der aussehen könnte, lässt er offen. Aus der "Flora" heraus werde auf jeden Fall niemand zu Gewalttaten animiert, betont Florentine. "Wir wissen, dass wir die Flora nur politisch halten können. Den militanten Kampf würden wir verlieren." Daran hindern würden sie aber auch niemanden. "Das haben wir nicht in der Hand. Das sind eben die Auswirkungen davon, dass viele ungerecht behandelt werden", sagt Florian. Wenn dann eine Schaufensterscheibe zu Bruch gehe, "dann ist das halt so". Durchaus warnend gemeint heißt es auch in dem Flyer in Richtung des Investors: "Kretschmer scheint (...) nach wie vor zu verkennen, dass die Flora ein Pulverfass sein kann, (...) das einem beizeiten durchaus auch um die Ohren fliegen kann."

Der Gescholtene fühlt sich unfair behandelt. "Ich bin mit der Flora zehn Jahre verantwortlich umgegangen." Er hätte das ehemalige Theater räumen lassen können, habe die "Rotfloristen" aber gewähren lassen. Das gleiche Verantwortungsbewusstsein erwarte er jetzt auch von der Politik, sagt er. Schließlich sei es ja nicht seine Idee gewesen, das damals schon mehr als elf Jahre besetzte Theater 2001 zu übernehmen. Er habe es vielmehr auch auf Drängen der damaligen rot-grünen Regierung unter Bürgermeister Ortwin Runde (SPD) gekauft, die trotz jahrelanger Verhandlungen mit den Autonomen nie zu einem Ergebnis gekommen war und dem Rechtspopulisten Ronald Schill im Wahlkampf 2001 auf keinen Fall Munition liefern wollte. Denn der wollte das Gebäude mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln - und auch Konsequenzen - räumen und abreißen lassen.

"Es kann ja nicht sein, dass ein Privatmann für alle Zeiten die Allgemeinkosten trägt", sagt Investor Kretschmer. Früher habe die Flora keinen Einfluss auf seine übrigen Geschäfte gehabt. Doch seit Einführung der Risikobewertung etwa durch die Basel-II-Regelungen sei das anders. "Da habe ich ein unglaublich schlechtes Ranking bekommen." Die Banken fürchteten, dass Proteste von "Rotfloristen" vor seinen anderen Objekten die Mieteinnahmen sinken lassen könnten, und verlangten deshalb höhere Eigenkapitalquoten und höhere Zinsen. Dies mache "einen hohen sechsstelligen Betrag pro Jahr aus", den er nicht mehr tragen wolle, sagt Kretschmer. Er könne ja nichts dafür, "dass sich in der Flora mit den Jahren ein Gefährdungspotenzial entwickelt hat".

Die Politik hält sich bislang bei dem Thema bedeckt. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hat zwar erklärt, niemand habe vor, "an dem jetzigen Zustand im Großen und Ganzen etwas zu ändern". Ansonsten heißt es aus dem Rathaus offiziell jedoch nur: "Kein Kommentar." Hinter den Kulissen gibt es aber durchaus Leute, die mit Blick auf den 1. Mai von Erpressung sprechen und zudem bezweifeln, dass Kretschmer tatsächlich ein Angebot auf dem Tisch liegen hat. Auch sei juristisch längst nicht geklärt, ob die Vertragsklauseln entgegen Kretschmers Aussagen nicht doch noch gültig seien und er deshalb das Gebäude auch heute nicht einfach verkaufen dürfe.

Den "Rotfloristen" ist das weitgehend egal. Sowohl Scholz als auch Kretschmer haben sie längst "Hausverbot" erteilt, betrachten beide im Grunde als nicht satisfaktionsfähig. "Es gibt keinen Grund für uns, mit denen zu sprechen." Die "Flora" "ist besetzt und bleibt auch besetzt". Im übrigen mache man weiter wie in den vergangenen gut 21 Jahren. Was das bedeuten kann, ist auf einem Schild über dem Eingang einer Bio-Currywurstbude schräg gegenüber der "Roten Flora" nachzulesen. Wegen der regelmäßigen Krawalle wirbt dort bereits ein Cola-Hersteller für seine Brause mit dem Satz: "Nur Wasserwerfer machen wacher."

Markus Klemm, DPA/DPA
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