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Auf den Spuren der Sekte

Bilden sie lediglich eine Religionsgemeinschaft? Oder doch eine finstere, gemeingefährliche Psychosekte, die man verbieten muss? Die Hamburger Scientology-Expertin Ursula Caberta hat jetzt ihr neues Buch über die Sekte vorgelegt. Sie warnt vor den Folgen einer Scientology-Mitgliedschaft.

Von Inga Niermann

In dem Buch "Schwarzbuch Scientology" beschreibt die Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology der Stadt Hamburg, Ursula Caberta, auf rund 200 Seiten die Praktiken der "Gehirnwäsche" und die Folgen einer jahrelangen Scientology-Mitgliedschaft für die Betroffenen und ihre Familien. "Das Buch dokumentiert, dass bezüglich Scientology in den letzten zehn Jahren keine Ruhe eingekehrt ist", sagte Caberta am Dienstag bei der Buch-Präsentation in Hamburg. Zwar habe sich Scientology in der Öffentlichkeit etwas zurückhaltender gezeigt. Die Aktivitäten seien aber unvermindert fortgesetzt worden, so Caberta.

Hamburgs Innensenator Udo Nagel warnte vor einer Verharmlosung von Scientology. Die Organisation sei keine Religionsgemeinschaft, sondern sie verbreite eine menschenverachtende Psycho-Ideologie. Die Praktiken der Organisation verstießen gegen die Demokratie, die pluralistische Gesellschaft und die Menschenwürde. "Menschenrechte werden außer Kraft gesetzt", sagte Nagel. Seit 2006 versuche die Organisation verstärkt, Einfluss auf die Regierung und die Gesellschaft zu nehmen.

Caberta berichtete, die "Gehirnwäsche" beginne bereits bei der Rekrutierung des "raw materials" – so nennen Scientologen neue Mitglieder. Später würden sie zum Rädchen im System der Organisation gemacht. "Es gibt viele Opfer der Organisation", sagte Caberta. "Betroffen sind nicht nur die Mitglieder selbst, sondern auch ihre Familien, Kollegen und Freunde."

Besonderes Augenmerk auf Kinder

Das Buch befasst sich auch speziell mit der Situation von Kindern in der Scientology. Für sie hat die Sekte spezielle Bildungseinrichtungen. "Da müssen wir ein besonderes Augenmerk draufrichten", sagte Caberta. Für viel Aufsehen hatte erst vor wenigen Tagen die Flucht der 14-jährigen Stieftochter einer hochrangigen Berliner Scientologin und ihres elf Jahre älteren Stiefbruders in die Obhut der Hamburger Jugendbehörde gesorgt. Das Mädchen hatte beim Jugendamt angegeben, dass sie gegen ihren Willen auf ein Scientology-Internat in Dänemark geschickt werden sollte.

Einen Eilantrag der Eltern des Mädchens mit dem Ziel, Caberta künftige Äußerungen über sie und ihre Tochter sowie über die Motive und Umstände der Flucht zu untersagen, hat das Verwaltungsgericht abgelehnt. Auch gegen das Schwarzbuch macht die Organisation mobil: In einer Erklärung bezeichnet es Scientology als "Schmutzbuch einer korrumpierten Angestellten". Um das Buch zu stoppen, strengte Scientology vor der Veröffentlichung Unterlassungsklagen gegen Caberta und gegen das Gütersloher Verlagshaus an.

Verbot von Scientology gefordert

Caberta forderte erneut, Scientology in Deutschland zu verbieten. Es lägen genügend Hinweise für die Verfassungsfeindlichkeit der Vereinigung vor. Zudem gebe es eine Reihe von Straftaten von Scientology-Mitgliedern, zu denen auch eine Morddrohung gegen sie zähle. Caberta mahnte außerdem die Umsetzung von Handlungsanleitungen an, die die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages vor rund zehn Jahren empfohlen hatte.

Innensenator Nagel sprach sich wie Bayerns Innenminister Günther Beckstein, der das Vorwort des Buches schrieb, ebenfalls für ein Verbot aus. Das werde derzeit geprüft und soll auf der nächsten Innenministerkonferenz im Herbst beraten werden. Der Verfassungsschutz, der Scientology in mehreren Bundesländern beobachtet, schätzt die Zahl der Anhänger in Deutschland auf rund 6000.

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