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Das ist der "Dilettant"

Gregory Engels, 35, wusste nicht, was mit seinem Foto geschehen würde - nun ist es 1,2 Millionen Mal gedruckt. Als "Spiegel"-Titel. Eine Nachfrage.

Von Lutz Kinkel

  Gibt's auch in Business-Klamotte: Gregory Engels, Unternehmer und Pirat

Gibt's auch in Business-Klamotte: Gregory Engels, Unternehmer und Pirat

Es ist verdammt laut im Hintergrund - Kinder juchzen, spielen, kreischen. Wo sind Sie gerade? In der Grundschule meiner Kinder, antwortet der Pirat am Telefon. Der Erasmus Grundschule in Offenbach, Hessen. Gregor Engels, 35, hat sie mitbegründet. Und an diesem Montag, an dem die neue Bibliothek der Schule eröffnet wird, mag er nicht fehlen. Am Abend zuvor hat er mit seinen Kindern noch am Computer gesessen und sich das neue Spiegel-Cover angeschaut. Da ist Papi drauf. Mit Piratenhut, Orga-T-Shirt und "Nein"-Kärtchen in der Hand. Darunter die Headline "Avanti Dilettanti". Ähem.

Schon nach den ersten Sätzen am Telefon ist klar: Engels ist ziemlich entspannt. Und souverän. Viele andere wären vor Wut und Scham die Wände hoch gelaufen, wenn sie sich so, exakt 1.121.000 Mal gedruckt, an allen deutschen Kiosken sehen müssten: käsig, klabauterig, mit Bauchansatz, erkennbar in Szene gesetzt, um den "Dilettanti" der Headline einen möglichst knalligen Ausdruck zu geben. "Mir ist klar, dass es ein Symbolfoto ist", sagt Engels, "dass ich nicht persönlich gemeint bin. Trotzdem werde ich es mir einrahmen." Rahmen? Jawohl: rahmen. Einen Platz dafür hat er auch schon gefunden. Künftig soll das Cover im Flur zum Home-Office seiner Privatwohnung hängen. Auch an der Headline hat er nicht viel auszusetzen. "Grundsätzlich ist das von der Aussage her richtig. Wir sind Neulinge, politische Anfänger, einfach kein Teil des politischen Systems. Unser Dilettantismus hat auch etwas Positives", sagt Engels. Es klingt entwaffnend.

Der 35-Dollar-Hut

Entstanden ist das Bild auf dem Bundesparteitag der Piraten in Offenbach im Dezember 2011. Da es Engels Heimatstadt ist, war er der Hauptorganisator. Natürlich waren zig Presseleute und Fotografen vor Ort, schließlich hatten die Piraten gerade ihren ersten sensationellen Wahlerfolg in Berlin verbucht. Christian Thiel fotografierte - ohne dass es Engels wusste - für den "Spiegel". Und der Lichtbildner hatte seine Motivaussage offenbar schon klar im Kopf. "Das ist ein gestelltes Foto. Der Fotograf hatte mich gebeten, die 'Nein'-Karte nochmal hochzuhalten", sagt Engels. Das hört sich plausibel an, zumal er der Einzige ist, der seinen Arm reckt, die anderen Teilnehmer* im Hintergrund sitzen einfach nur an ihren Tischen. Der "Spiegel" bestreitet jedoch, Einfluss genommen zu haben. Der Fotograf habe gar nicht mit Engels gesprochen, sagt "Spiegel"-Sprecher Hans-Ulrich Stoldt. Und den Piraten auch zu nichts animiert. Aussage gegen Aussage.

Den Hut jedenfalls hatte Engels freiwillig auf dem Kopf. Er hat ihn im Januar 2010** in der Walt Disney World, Orlando, USA, gekauft. Für 35 Dollar. Und Engels liebt dieses Accessoire. "Der ist super, der sieht total klasse aus", sagt er. Auch wenn ausgerechnet dieses Detail für ein bisschen Gegrummel sorgte. "Es gab unter den Berliner Parteifreunden die Kritik, dass wir weg müssten von maritimen Zitaten", sagt Engels. "Ich sehe das nicht so. Solange die Piraten Piraten heißen, wird es diese Metaphern immer geben. Und die sind ja auch stimmig." Von außen betrachtet: eindeutig ein Nebenkriegsschauplatz.

Keine Erwähnung im Artikel

Über den Artikel selbst ärgert sich Engels zumindest ein bisschen. "Da hat jemand versucht, auf Teufel komm raus Kritik zu üben", sagt er. Seine Vermutung: Vor den nun anstehenden Landtagswahlen würden die Medien die Piraten deutlich schärfer als zuvor beurteilen. Das könne aber auch gut sein, weil die Wähler die Absicht dahinter erkennen würden. Was er ebenfalls genauestens registriert hat ist, dass sein Name nicht erwähnt wird. Das fuchst dann doch, zumal Engels nicht irgendwer ist. Er gehört, vergleichsweise, schon zu den alten Hasen der Partei, ist Kovorsitzender des Dachverbandes der Piraten international, außerdem Stadtverordneter und Fraktionschef in Offenbach, nebenbei IT-Unternehmer mit einer eigenen Firma namens "Kompurity" - und bastelt fleißig weiter an seiner Politkarriere. Gerne würde Engels für die Piraten ins EU-Parlament einziehen.

Vielleicht ist es dieser Perspektive geschuldet, dass Engels eine so gar nicht dilettantische Haltung zu den Medien hat. "Meine Nase darf auch mal auf dem Cover eines Magazins auftauchen. Das finde ich in Ordnung", sagt der Deutschrusse. "Schließlich wollen wir ja Leute erreichen. Wenn die Leute nicht über einen reden würden, wäre es auch nicht gut."

* In einer früheren Textversion war irrtümlich von "Delegierten" die Rede. Da es bei den Piraten keine "Delegierten" gibt, haben wir in "Teilnehmer" korrigiert. Red

**Hutkauf: War nicht im Januar 2011, wie ursprünglich behauptet, sondern im Januar 2010. Red.

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