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So gut war Steinbrück nie

Es ist riskant, wenn ein Ex-Minister den Rückblick auf seine Amtszeit mit "Unterm Strich" titelt. Peer Steinbrück hat es gewagt - und sich rundum schöngeschrieben.

Von Hans Peter Schütz

Das Buch hat Gewicht. 480 Seiten dick, ein Kilo schwer. Es ist einer Weisheit Ferdinand Lassalles gewidmet: "Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist." Deshalb schreibe nun einer Klartext, verspricht der Verlag Hoffmann und Campe. Zeile für Zeile, mit eigener Hand, versichert der Autor.

So war es wohl. Leider.

Stilistisch betrachtet ist die Lektüre von "Unterm Strich" Schwerstarbeit. Sätze von der Länge eines Abschnitts sind fast die Norm. Von sprachlicher Gewandtheit keine Spur. Und nur selten blitzt die griffige Sprache auf, mit der Peer Steinbrück (SPD), ehemaliger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Bundesfinanzminister, seine Politik zu verkaufen verstand.

Milde gegenüber Ackermann

Sei's drum. Der Versuch, die Weltfinanzkrise zu analysieren, muss nicht den Maßstäben der Literaturkritik genügen. Und immerhin lesen sich jene Seiten spannend, die Charakter und Gesinnungsethik der Spitzen der Finanzwirtschaft auf den internationalen Krisenkonferenzen beschreiben. Wie dort die Banker auf den Knien lagen und die Politik demütig um Rettung anflehten. Finanzhaie, die zuvor den Staat mit einem Achselzucken verächtlich abgetan hatten. Aber selbst in diesen Kapiteln, die ein eindrucksvolles Sittengemälde der Bankbranche malen und höchst komplexe Zusammenhänge der Finanzkrise unterhaltend darstellen - selbst dort leistet sich der Autor bemerkenswerte Schwächen in der Sachkritik.

Mit geradezu peinlicher Milde nähert er sich Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Als ob dessen Institut sich nicht ebenfalls an der globalen Finanzspekulation beteiligt hätte, die schließlich die Realwirtschaft global zertrümmert hat. Den Pleite-Bankier Georg Funke, Ex-Chef der Hypo Real Estate (HRE), prangert der Autor als Mann ohne Charakter an. Bei Ackermann kann Steinbrück keine Mitschuld erkennen. Der sei doch mit seinem Geldhaus gut durchgekommen. Als hätte die Deutsche Bank nicht in letzter Sekunde ihre Gift- und Schrottpapieren der IKB Deutsche Industriebank angedreht.

Schwächen? Gab's auch

Sich selbst schreibt Steinbrück, "unterm Strich", die Rolle des kompetenten Krisenmanagers zu. Schwächen? Habe er auch gehabt, räumt der Autor ein. So habe er das Unwesen der Schattenbanken zu spät erkannt. Ein Versäumnis sei es auch gewesen, die Finanzaufsicht nicht verschärft zu haben. War das alles?

Tatsache ist doch, dass der Mann, der sich so gerne auf einem fachlichen Niveau mit Helmut Schmidt sieht und dessen hanseatischen Pragmatismus gerne beerben würde, jahrelang selbst eine höchst fragwürdige Rolle gespielt hat. Kein Bekenntnis zur persönlichen Schuld fällt ihm dazu ein, dass er von 2007 bis zum September 2008 die Finanzmarktkrise krass unterschätzt und herunter gespielt hat. Obwohl es schon im Juli 2007 in seinem eigenen Verantwortungsbereich kräftig gerumpelt hat, weil die IKB zahlungsunfähig war.

Steinbrücks Fähigkeiten als Ökonom

Ein SPD-Fachmann für Finanzen und Wirtschaft spottet darüber: "Steinbrück gibt nur die schönen Fehler zu. So wie Kinder beim Beichten gerne nur die schönen Sünden einräumen und die richtigen verschweigen." Steinbrücks Hauptfehler war das geradezu schon chronische Abwiegeln der Folgen der Finanzkrise. Die sei ein amerikanisches Phänomen, sagte er, eine Folge der US-Immobilienkrise. Das europäische Wachstum und der Arbeitsmarkt seien robust. Nichts werde die deutsche Konjunkturentwicklung trüben. Er predigte diesen Satz ebenso falsch wie der Sachverständigenrat und fast alle ökonomischen Experten: Es wird nicht gefährlich für uns.

Steinbrück, der sich momentan das Format eines SPD-Kanzlerkandidaten für die nächste Bundestagswahl zuschreiben lässt, war ein ahnungsloser Abwiegler. Dabei saß ein Mann wie der Professor Max Otte, der die Krise schon Jahre vorher prophezeit hatte, im Sachverständigenrat. Auch die Warnungen des von ihm so angebeteten Helmut Schmidt schlug Steinbrück in den Wind. Weil er in seiner gesamten Amtszeit an einer chronischen Schwäche litt - seinen mangelnden Fähigkeiten als Ökonom.

Der Fall Asmussen

Die Versuche antizyklischer Finanzpolitik ab 2008, die er jetzt als erfolgreich beschreibt, hat er in Wirklichkeit damals politisch hintertrieben und als unseriöse, effektlose Geldverschwendung beschimpft. Er war nie ein Wirtschaftsfachmann, immer ein Kassierer, der außer seiner Nullverschuldung ab 2009 nichts im Blick gehabt habe, werfen ihm seine Kritiker bis heute vor. Zu Recht. Wäre die Republik damals seinen Ideen gefolgt, wäre die Wirtschaftslage heute schlimmer und die Arbeitslosigkeit höher.

Und noch einen zentralen Sündenpunkt verschweigt Steinbrück: Dass er als Finanzminister, gemeinsam mit seinem Staatssekretär Jörg Asmussen, die Spielräume für Spekulanten zunächst eifrig erweitert hatte. Asmussen darf heute Finanzminister Wolfgang Schäuble dienen. Steinbrück steht nicht mehr in vorderster politischer Linie. Aber er hat den Rückzug genutzt, um sein Wirken in der Finanzkrise schön zu schreiben.

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