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Warum Schröder Putin schont

Altkanzler Schröder hat bislang nicht einmal feststellen wollen, dass Putin auf der Krim das Völkerrecht verletzt. Das hat Schröder nun nachgeholt. Aber auch seine Zurückhaltung erklärt.

Von Lutz Kinkel

Wagt auch mal einen "Zweifel" an Putin: Altkanzler Gerhard Schröder (SPD)

Wagt auch mal einen "Zweifel" an Putin: Altkanzler Gerhard Schröder (SPD)

Wenn Altkanzler Gerhard Schröder ruft - aber zugleich die Sonne die Stadt in prickelnde Frühlingslaune taucht - kommen nur die 100-Prozentigen. Ex-Mr. Tagesschau Jo Brauner vertritt sich vor den Hamburger Kammerspielen die Beine, Bürgermeister Olaf Scholz rauscht in seiner 5er-BMW-Limo* an. Überraschenderweise trägt er nicht Nadelstreifen, sondern einen Schlips in SPD-Lila. Heiner Bremer, Ex-RTL-Chefredakteur, fängt Scholz ab und redet auf der Treppe vor dem Theatereingang auf ihn ein. Um sie herum noch mehr Ex und Grau, zumindest was die Haarfarbe betrifft. Die Partei überaltert, es ist nicht zu übersehen.

Schröder, der gekommen ist, um sein neues Buch "Klare Worte" zu promoten - und sich deshalb von der "Zeit" zu einer Matinee einladen ließ - entert kurz nach 11 Uhr gut gelaunt die Bühne. So richtig ernst wird er erst, als es die Moderatoren nach 50 Minuten wagen, ihn auf das alles dominierende Thema dieser Tage anzusprechen: Putin und die Krim. Bislang hatte sich Schröder nicht nur geweigert, eine Vermittlerrolle zu spielen - er hatte nicht einmal die faktische Okkupation der Krim verurteilt. Immerhin dies holt er jetzt nach. Es handele sich um einen "Verstoß gegen das Völkerrecht", sagt Schröder. Aber er sei nicht der Richtige, dies allzu laut zu kritisieren: "Ich bin da vorsichtig mit dem erhobenen Zeigefinger." Immerhin habe seine rot-grüne Bundesregierung den Nato-Angriff auf Ex-Jugoslawien unterstützt - was ebenfalls ein Bruch des Völkerrechts gewesen sei. Auch wenn sich beides nicht vergleichen ließe, handele es sich "formal" um denselben Verstoß: Ein Land greift einen souveränen Staat an.

"Weniger Angst vor Hunden"

Schröder glaubt, Putin habe "gewisse Einkreisungsängste", sehe sich also von EU und Nato umzingelt und reagiere deswegen so hart. "Ob die Mittel, die eingesetzt werden, die richtigen sind, wage auch ich zu bezweifeln", formuliert der Altkanzler vorsichtig. Entschiedener ist sein Urteil über die Vorgeschichte des Konflikts. Die EU hätte die Unkraine nie in dieses "entweder-oder" zwischen Assoziierungsabkommen und Zollunion mit Russland drängen dürfen - zumal das Land kulturuell gespalten sei; Ukrainer im Westen, Russen im Osten. Von der EU-Kommission und ihrem Präsidenten Manuel Barroso scheint Schröder ohnehin nichts zu halten. In diesem Gremium säßen nicht "die Schwergewichte der europäischen Politik".

Gleichwohl: Schröder empfiehlt, die nun gewählte Doppelstrategie - Gesprächsangebote bei gleichzeitigen Sanktionsdrohungen - beizubehalten. Es sei vielleicht überraschend, aber er würde Kanzlerin Angela Merkel "im Wesentlichen" dazu raten: "Machen Sie das, was Sie tun." Auf die Frage, was ihn dann noch von Merkel unterscheidet, antwortete Schröder: "Ich habe weniger Angst vor Hunden." Ein Seitenhieb auf die Kanzlerin, die Putin versuchte mit seiner Labradorhündin einzuschüchtern.

Eigenlob für die Agenda

Die übrige Zeit seines etwa eineinhalbstündigen Auftritts füllt Schröder mit bereits gut abgehangenen politischen Positionen und Bonmots. Er lobt sich für die Agenda 2010, bezeichnet die abschlagsfreie Rente mit 63 als "verhängnisvollen Fehler" und erklärt die Quintessenz seiner politischen Laufbahn mit den Worten: "In meiner Jugend habe ich die Revolution geplant, die ich als Kanzler verhindert habe." Dieser Satz bereitet dem Altkanzler, obwohl er ihn nicht zum ersten Mal verwendet, sichtlich Vergnügen.

Den stern erwähnt Schröder nicht direkt, aber er nimmt Bezug auf eine kürzlich publizierte Titelgeschichte. Darin heißt es sinngemäß, Schröder sei von seiner Frau Doris zu verschärfter Hausarbeit und Kinderbetreuung verdonnert worden, was nicht seine Lieblingsbeschäftigung sei. "Ein Magazin, das, glaube ich, in Hamburg erscheint, schreibt, ich litte darunter", sagt Schröder. "Das ist nicht wahr."

Die Freude indes, mit der Schröder vor der Matinee das Blitzlichtgewitter genießt und nach der Matinee Bücher signiert, legt nahe, dass er unter zu viel Aufmerksam derzeit auch nicht leidet.

In der ursprünglichen Fassung des Textes hieß es, Scholz würde einen 7er-BMW als Dienstwagen fahren. Das ist falsch, er fährt, um genau zu sein, einen 530d xDrive. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen; Red.

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