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4. Oktober 2005, 09:55 Uhr

Go West? Stay East!

Zum 15. Jahrestag der Deutschen Einheit wird gefeiert, was noch gar nicht abgeschlossen ist. Eine tragende Rolle im Prozess der Wiedervereinigung nehmen die jungen Ostdeutschen ein - die "Einheitskinder" müssen ihn im Osten vollenden. Von Nils Schmidt

Zoom

Ausgelassene Stimmung vor dem Brandenburger Tor: Rund eine Million Menschen feiern in der Nacht zum 3. Oktober 1990 die wiedergewonnene Deutsche Einheit© Wolfgang Kumm/DPA

Während am 15. Jahrestag der deutschen Einheit auf den Plätzen der Republik gefeiert wird, schreiben sie gerade eine Hausarbeit an der Uni Frankfurt, fahren zu ihrer Zeitarbeitsfirma nach Stuttgart oder einem Praktikum sonstwo zwischen München und Hamburg. Sie sind jung, ostdeutsch und haben kaum Zeit, sich an den Tag zu erinnern, der das geteilte Deutschland auf dem Papier wiedervereinte.

Sie sind die Ost-Generation, die sich im Herbst 1990 im behüteten Raum zwischen Kindergarten und Unterstufe bewegte. Die statt des "Kommunistischen Manifestes" das "Mosaik" gelesen hat. Zur staatlichen Wiedervereinigung haben die heutigen Mittzwanziger rein gar nichts beitragen können - anders als ihre Eltern, Onkel und Tanten bei den Montagsdemos. Am Tag der Einheit waren sie Kinder und Jugendliche. Jetzt sind sie erwachsen und müssen ihren Teil zur inneren Wiedervereinigung des Landes leisten - indem sie den Osten, ihre Heimat, retten. Nicht mehr und nicht weniger. Über alle Hindernisse und Horrormeldungen hinweg.

Die "Einheitskinder" sind die letzte Generation, die noch eigene Erfahrungen in dem Arbeiter- und Bauernstaat DDR gemacht hat, der am 3. Oktober 1990 den Beitritt zur BRD vollzog. Danach wuchsen sie in einem gigantischen politischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozess auf, der auch nach 15 Jahren noch lange nicht zu Ende ist. Nachdem 1989 die Berliner Mauer gefallen und mit ihr das SED-Regime unter dem Druck der Straße zusammengebrochen war, sahen sie Plattenbauten verschwinden, Fabriken und Kombinate sterben und erlebten die Probleme ihrer Eltern und Lehrer, sich an die neue Zeit zu gewöhnen. Eben noch standen sie als Thälmann-Pioniere beim Fahnenappell und bemerkten plötzlich, wie sich die Läden mit Spielkonsolen und Barbie-Puppen füllten, die stinkenden Kloaken wieder zu Flüssen wurden und der Dreck der Chemieindustrie von ihren Kinderzimmerfenstern verschwand. Die Stärke der "Gewendeten" ist die Kraft, Veränderungen für sich zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Nach anderthalb Jahrzehnten haben sie inzwischen auch Erfahrungen mit dem ehemaligen "Klassenfeind" gemacht. So mancher hat in ihm einen Freund oder Lebenspartner gefunden. In Ausbildung, Studium oder Beruf verfolgt man gleiche Ziele, lernt sich kennen und baut Vorurteile ab - bis hin zum völligen Verlust der Identifikation mit der Herkunft.

"Einheitskinder" auf dem Weg in den Westen

Bisweilen erschreckend ist die Konsequenz, mit der junge Ostdeutsche ihre Heimat aufgeben, wenn es um die eigene Lebensperspektive geht. Wohlgemerkt aus ökonomischen Zwängen und nicht aus individuellem Antrieb. Etwa 1,5 Millionen Bürger haben die Neuen Länder seit 1990 per saldo verloren - allen voran die jungen, gut ausgebildeten "Einheitskinder". Durch ihre Abwanderung verschwindet die einzige Generation, die den Osten wirklich in die Zukunft tragen könnte: weg von der Alimentierung durch den Westen, auf eigene Füße. Weil sie die schwierige Situation der ostdeutschen Länder verstehen und fühlen können, haben die "Einheitskinder" eine besondere Verantwortung. Sie könnten die Erwartungen erfüllen, die ihre vom Sozialismus sozialisierten Eltern an den Kapitalismus knüpften. Sie könnten das, in dem sie es selbst schaffen - und zwar nicht in Baden-Baden oder Mainz, sondern in Pritzwalk oder Weißenfels. Sie könnten das Versprechen der "blühenden Landschaften" doch noch wahr machen, und so ihren Beitrag zur Einheit leisten. Auch wenn das weitere 15 Jahre dauert. Sie könnten es zumindest versuchen - zusammen mit denen, die aus den alten Bundesländer zugezogenen sind.

Dabei müsste das Gros der jungen Ostdeutschen in der Heimat bleiben, wenn der Osten demografisch und wirtschaftlich eine Zukunft haben soll. Hier müssten sie eine gute Ausbildung erhalten und diese anwenden können, Unternehmen gründen und Investoren anlocken. Hier müssten sie Kinder kriegen, Einkaufen gehen und historische Verbindungen zu Polen, Tschechien, Ungarn und Russland neu beleben. Wenn sie es nicht schaffen - wer dann? Der Osten droht, geistig zu veröden, zu vergreisen und zu verarmen. Die Erwerbslosenquote ist mit 18,2 Prozent fast doppelt so hoch wie im Westen. Doch gerade weil die "Einheitskinder" so flexibel und gut ausgebildet sind, und weil sie sich zu ihren Wohlstandshoffnungen bekennen, suchen sie ihre Chancen im Westen. Die Revolution dieser Generation findet nicht auf den Straße von Plauen oder Rostock, sondern auf der A4 oder A20 in Richtung Westen statt. Mit Golf statt Trabant. Jeden Tag. Scheinbar unaufhaltsam.

Drängende Fragen, keine Antworten

Im Wahlkampf hat der "Brain-" und "Youth-Drain" des Ostens keine Rolle gespielt - weder bei CDU und SPD noch bei der angeblich so ostaffinen Linkspartei. Die gesamte politische Elite des Landes kümmerte sich lieber um "Hartz IV", "Jammerossis" und "Frustrierte". Denen, die nun wirklich nicht frustriert sind, gab sie keine Antworten auf drängende Fragen: "Wo sollen wir nach unserer Ausbildung arbeiten? Warum trifft man in München mehr junge Sächsinnen als in Zittau? Warum gibt es so wenige Förderprogramme speziell für junge Leute im Osten? Ist die Einheit erst vollendet, wenn alle jungen Ostdeutschen endgültig 'rüber gemacht' haben?"

Die "Einheitskinder" selbst würden oft gern im Osten bleiben, sie sehnen sich nach ihren Familien und Freunden. Das zeigen die freitäglichen Staus auf allen Autobahnen, die in die Neuen Länder führen. Trotz Rückhol-Agenturen und Imagekampagnen wie "Denkfabrik Thüringen": Realität ist "Go West" statt "Stay East". Genau umgekehrt müsste es sein: Nicht für immer in den Westen gehen, sondern im Osten bleiben und ihn weiter entwickeln. Wenn wochentags in einer Leipziger Straßenbahn fast nur unter 20- und über 40-Jährige sitzen, ist ein Punkt erreicht, an dem die Feierlaune einem Gedanken weicht: Welche Aussicht hat der Einigungsprozess, wenn diejenigen, die ihn im Osten vollenden müssen, auf dem Weg in den Westen sind?

Bücher zur deutschen Einheit In der zeitgenössischen Sachliteratur ist ein neues Interesse am Einigungsprozess spürbar. In Reportagen, Essays und nüchternen Betrachtungen legen die Autoren die Finger auf offene Wunden - und machen Heilungsvorschläge.

Zur Person

Zur Person Nils Schmidt, Jahrgang 1982, ist in Leipzig aufgewachsen und zur Schule gegangen. Seit 2002 studiert er an der TU Ilmenau in Thüringen Angewandte Medienwissenschaft. Zur Zeit absolviert er ein Praktikum in der Redaktion von stern.de

Von Nils Schmidt
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