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Warum wir nicht in einer Zeit "wie in den 1930ern" leben

Krieg, Terror, Putin, Erdogan, Trump - apokalyptische Gedanken sind derzeit verbreitet. Der britische Buchautor und Journalist Paul Mason erklärt, warum der beliebte Vergleich mit den 1930ern trotzdem nicht passt. 

Übersetzt und kuratiert von Sophie Albers Ben Chamo

Machtergreifung: Adolf Hitler, Wilhelm Frick, Hermann Göring und Rudolf Heß am 30. Januar 1933

"Wir sind besser dran als die Menschen 1933", sagt Paul Mason, "bis auf einen Punkt" (Foto: Machtergreifung: Adolf Hitler, Wilhelm Frick, Hermann Göring und Rudolf Heß am 30. Januar 1933)

Terror, Tod und die Aussicht auf Teufel verbreiten Angst und Schrecken. Man kommt bei den schlechten Nachrichten nicht mehr hinterher: Wann war der Brexit? Wann der Putschversuch in der Türkei? Wann war der letzte Terroranschlag in Frankreich? Wie steht es um das belagerte Aleppo? Und wird wirklich Präsident? Wohin macht auch klickt, machen sich Rassismus und Fremdenfeindlichkeit breit. Hass scheint absolut mehrheitsfähig. Rechte Populisten haben Oberwasser. Willkommen in den 1930ern, wird immer wieder düster geraunt. Kommt als nächstes ein Weltkrieg?

Nein, sagt der britische Buchautor und Journalist Paul Mason, und liefert in der britischen Zeitung "The Guardian" eine schlüssige Erklärung, warum wir heute besser dran sind.

Warum die Situation heute besser ist

Tatsächlich gebe es Ähnlichkeiten, beginnt der Text mit dem Titel "Erleben wir die 1930er noch einmal?". Großbritanniens Entscheidung (am 23. Juni übrigens), die EU zu verlassen, erinnere durchaus an 1931, als das Vereinigte Königreich sich als erster großer Staat panisch vom Goldstandard verabschiedete und damit das globale Wirtschaftssystem verließ. Und auch die damalige wirtschaftliche Situation - Depression und Bankenkrise - fände sich in der Gegenwart wieder. Aber ein ernsthaftes Studium der 1930er zeige, dass unsere Situation heute eine deutlich bessere sei - rettbar, allerdings in einem Punkt schlechter.

"Nach dem Crash von 1929 manifestierte sich der wirtschaftliche Niedergang 1931, als die Banken auf beiden Seiten des Atlantiks zusammenbrachen, als trotz schwacher Wirtschaft auch noch Sparmaßnahmen eingeführt wurden, als Finanzzölle helfen sollten, Währungen gesperrt wurden und als wirtschaftlicher Nationalismus Einzug hielt." Dass die Eliten Massenarbeitlosigkeit hingenommen hätten, um die Löhne zu drücken, habe Öl ins Feuer gekippt, schreibt Mason weiter. Militarisierte und massenmörderische, faschistische Gruppierungen hätten dann den Funken geliefert. Zwei Jahre habe es nur gedauert von Hitlers erstem Wahlerfolg 1930 bis zu einem Wahlergebnis von 37 Prozent für die NSDAP.

Dann nimmt Mason sich den Rest Europas vor: in Paris kam es zu von Millionen besuchten rechtsextremen Demonstrationen, in Spanien schlug das Militär 1934 den Streik der asturischen Minenarbeiter nieder, 1935 startete die deutsche Wiederbewaffnung, 1936 brach der Spanische Bürgerkrieg aus, in Frankreich und den USA kam es zu Fabrikbesetzungen. Und in Russland begannen Stalins politische Säuberungen.

Das sei der Wendepunkt gewesen zur Absage an die Demokratie, der Gewissheit des Krieges - und dem Marsch von Millionen Zivilisten in den .

Zeit für das Aber: Mason schreibt, der einzige und größte positive Unterschied zu damals sei, dass unsere Weltwirtschaft eine globalisierte ist. Unsere Wirtschaftssysteme sind voneinander abhängig. Autarkie - das verstünde eigentlich jeder Politiker - sei Selbstmord. Diese Erkenntnis habe 2009 und 2011 dafür gesorgt, dass auf dem G20-Gipfel in London und Cannes ein Zusammenbruch im Stil von 1930 mit vereinten Kräften verhindert wurde. Die Abwehr von wirtschaftlicher und Faschismus habe den Rechtsextremismus bisher im Zaum gehalten.

Das Problem unserer Zeit

Das politische Problem allerdings sei, dass wir eine Sache betreffend schon über 1930 hinaus seien: "Zwingen Sie sich einmal, auf die Subtexte in den sozialen Medien zu achten", schreibt Mason. "Der organisierte Hass gegen die schwarze, weibliche Schauspielerin Leslie Jones, der anonyme Rassismus und Frauenhass, die reflexartige Verquickung von Linkenhass und Islamophobie. Schauen Sie sich die Videos an, die die Menschen tagtäglich konsumieren: schwarze Kinder, die von US-Polizisten ermordet werden, syrische Kinder, die von Assad oder Russland oder den USA in Stücke gebombt werden, Blogger, die vom IS öffentlich hingerichtet werden, die verstümmelten Körper der französischen Partygäste an Nizzas Strandpromenade.

Mason benennt die "Brutalisierung" als das Problem unserer Zeit. Eine ganze Generation sei Massakern, Vergewaltigung und Folter mindestens in Bild und Ton ausgesetzt. Und ein Reflex, der in den 1930ern funktioniert habe, sei heute so gut wie abgestellt: "Egal welche Biografie aus den 30ern und den Kriegsjahren Sie lesen, es gibt fast immer diesen Moment des Begreifens: so sieht eine Leiche aus; Gefangene können erschossen, die Genfer Konventionen können missachtet werden." Die Brutalität betreffend seien wir post-1933, so der Autor. Und im Kampf zwischen Regierung und Bevölkerung gelten die Genfer Konventionen nicht.

"Das Schlimmste an der Gegenwart - und Millionen Menschen spüren das - ist der Impuls in Richtung einer Katharsis." Dass alles wieder so wird, wie es war, ist undenkbar. Denn wenn man sehe, wie Erdoğans Schlägertypen überzeugte, demokratische Journalisten in Gefängnisse bringen, in denen gemäß Amnesty International geprügelt, gefoltert und vergewaltigt wird, könne man sich plötzlich vorstellen, dass es auch in anderen Staaten passiere, die sich Demokratien nennen.

Die Menschenrechte

Zwei grundlegende Dinge unterscheiden uns von den Menschen in den 1930ern, so Mason: auf unserem Planeten gibt es Milliarden gut ausgebildeter Hirne. Und wir haben das Konzept der universell gültigen, unveräußerlichen Menschenrechte verinnerlicht. Betonung auf "universell", damit Staaten, die auf eigenem Boden das Menschenrecht brechen, sich nicht auf Souveränität berufen können. Au diesem Grund sammle ein Mitarbeiter einer Menschenrechtsorganisation zuerst juristisch relevante Beweise, wenn er Zeuge eines Massakers wird, und jage nicht einem Scoop hinterher.

Nein, schließt Mason, das seien nicht die 1930er, bloß mit Drohnen und Trolls. "Wir leben in einem belastbaren, globalen System, das wir verteidigen müssen. Ein Blick in eine unmoderierte Social-Media-Timeline zeigt uns, was passiert, wenn wir das nicht tun."

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