Wir gehen vor und zurück und wieder zurück und vor und ertappen uns dabei, wie wir den kalten Stein der Säulen streicheln. Das ist mehr als die Sensation des bisher unvorstellbaren, mehr als etwas tun, was man bisher nicht tun durfte: Es ist eine tiefe, emotionale Empfindung, eine seltsame Rührung, die fast die Kehle einschnürt. Ein Gefühl der Gemeinsamkeit mit den Menschen aus der DDR und der BRD um uns herum - klänge es nicht gar so pathetisch, wären die Worte nicht abgenutzt und missbraucht und allzu verdächtig, man müsste es das Gefühl geschichtlicher Zusammengehörigkeit nennen.
Ein Punker-Pärchen - sie Haare, Dress und Fußnägel in Grasgrün, er mit einer lebenden Ratte am Revers -, das aus Berlin-West über die Mauer nach Berlin-Ost geklettert ist, ritzt seine Namen mit einem spitzen Stein in eine der geschichtsträchtigen Säulen. Eine Schändung, sicher - aber was soll's? Die Vopos stört es auch nicht. Sie haben sich in Sichtweite des Paares, keine dreißig Meter von den beiden und uns, am Rande des Platzes zu einer Kette zusammengefunden.
"Die Mauer muss weg", schreibt einer mit schwarzer Farbe auf die Mauer. Das erste Graffito auf der Ostseite. "Die Mauer ist weg!" korrigiert ein anderer. Leute aus dem Westen springen von dem drei Meter hohen Bauwerk auf den Ost-Berliner Asphalt, und Ostberliner lassen sich von "Wessis" nach oben ziehen und springen in den Westen ab.
Ein Japaner drückt seine Handflächen gegen den kalten Beton, sein Freund drückt auf den Auslöser der Videokamera, um den historischen Moment festzuhalten. "Ich bin eben noch ‚Unter den Linden' spazieren gegangen", sagt Herr Katama, Angehöriger der japanischen Handelsmission in Berlin, DDR. "Da kam mir eine Frau entgegen und sagte, sie sei aus West-Berlin und sei am Brandenburger Tor über die Mauer gestiegen. Ich wollte das nicht glauben, deshalb bin ich hergekommen." Herr Katama lebt seit 24 Jahren in Berlin. Er sagt: "Ich bin der erste Japaner, der die Ostseite der Mauer berührt hat."
Lauter Premieren: Ein Arbeitsloser überwindet den "antifaschistischen Schutzwall" mit dem Skateboard unterm Arm. Ein händchenhaltendes Frauenpaar deklariert den Durchschritt unterm Brandenburger Tor zur lesbischen Befreiungstat.
"Das ist ein historischer Moment auch für euch!" rufen jubelnde Berliner immer wieder den Vopos zu. Die meisten behalten ihren versteinerten Gesichtsausdruck, aber einige wenige werden zunehmend locker. Nehmen Zigaretten an, "Marlboro" und "West", immer wieder "West". Ein Oberleutnant der Grenztruppen hilft sogar einer Westberlinerin auf die Beine, die sich beim Sprung den Knöchel verletzt hat. "Das ist Dienst am Volk", sagt er und stellt sich bereitwillig zum Verbrüderungsfoto.
Wie mag denjenigen seiner Kollegen zumute sein, die hier an der Mauer vor einigen Jahren noch unter Schießbefehl standen - und die Flüchtlinge erschossen. Hier, wo sich jetzt Rotkäppchen-Sekt und Mumm zum gesamtdeutschen Pappbecher-Getränk mischen. "Dat wird mein erster Abenteuerurlaub", ruft uns ein "Zoni" zu, der es hinauf auf die Mauer geschafft hat, und zieht sich gleich einen roten Schal über, den ihm ein neuer Freund gegen die beißende Kälte geschenkt hat: Ein Bunter verlässt die Grau-Zone.
Und dann kurvt wahrhaftig einer mit dem Fahrrad durchs Brandenburger Tor, fährt Slalom um die Blumenkästen aus Beton und breitet die Arme aus wie ein Sieger bei der Tour de France. Die Menschen lachen und klatschen begeistert. Der sportliche junge Mann mit dem Schnauzbart hat eine der vielen unglaublichen Geschichten dieser Nacht zu erzählen.
Rene Fricke, 27, zurzeit wohnhaft in Moabit in West-Berlin und ohne feste Beschäftigung: "Ich stamme aus der DDR. Im Juni 1988 wollte ich mit ein paar Freunden über die CSSR in den Westen abhauen. Kurz vor der Grenze haben sie uns erwischt." Acht Monate lang habe er im Knast gesessen. "Dann hat mich der Westen freigekauft."
Seit Februar dieses Jahres lebt er in West-Berlin. "Ich hab im Radio gehört, dass sie die Grenzübergänge aufmachen. Ich hab mich aufs Rad geschwungen, bin von Moabit über den Übergang Invalidenstraße in den Osten gestrampelt, dann auf dieser Seite an der Mauer lang, und schon war ich hier. Das Ganze hat 'ne Viertelstunde gedauert." Was er nun empfinde? "Dass das alles einfach phantastisch ist. Und dass ich das alles nicht glauben werde. Wir träumen det doch alles bloß", sagt er und dreht noch eine Ehrenrunde, vorbei an den Grenzern und jubelnden Leuten.