Was niemand nur Wochen vorher für möglich gehalten hatte, war eingetreten: Nicht die Bürger hatten vor dem Stasi Angst, sondern umgekehrt. Die Gebäude wurden belagert. In den Gebäuden lagerten die Akten. Nach dem Befehl: "Akten vernichten!", wurden in jeder Hauptabteilung offizielle Mitarbeiter zum Zerreißen abkommandiert. Aus praktischen Gründen konnten die Akten nicht verbrannt werden. Fernbeheizte Häuser haben keine Öfen. Rauch aus dem offenen Fenster hätte die Bürger zum Äußersten getrieben. Sie wollten die Dokumente des Jahrzehnte währenden Machtmissbrauchs in die eigenen Hände nehmen. Die Losung "Freiheit für meine Akte!" ist eine der Stilblüten, die aus der friedlichen Revolution erwachsen sind. Es ging den Menschen um den Teil von sich selbst, der hinter den Pforten der Macht verwaltet wurde.
Neben den Aktenkilometern hat der Stasi 16.000 Sack handzerrissene Akten hinterlassen. Ohne die moderne Technik und einige engagierte Geister im Dienste der Wahrheit wären noch unsere Urururenkel mit den Aktenschnipseln einer kommunistischen Diktatur befasst. Die Schlechtigkeit der Schreiber begegnet dem Leser in jedem Satz. Der Text ist von ihr diktiert. Es wurde über Menschen geschrieben, als wären es Subjekte, die es zu gefügigen Objekten zu machen galt.
Aus den unversehrten Akten des Stasi geht hervor, dass der Apparat gemordet, misshandelt, zersetzt, zerstört, verödet hat. Was könnten die Schnipselsäcke also beinhalten, das an Abscheulichem nicht schon bekannt wäre? Die Einzelheit, das noch relevante Detail. Legen, scannen, rechnen. Kein Schnipsel ist wie der andere. Die Hände des Zerreißenden haben jedem Schnipsel etwas Unverwechselbares verliehen. Aus Wortfetzen werden Sätze, aus Sätzen wird ein Sachverhalt.
Als die Mauer fiel, habe ich nicht daran gedacht, jemals meine Akte lesen zu können. Vierzehn Jahre später saß ich davor. Es wäre schon vorher möglich gewesen, aber ich wollte etwas Zeit verstreichen lassen - vielleicht um daran nicht in Zorn zu geraten. Der Tag vor den Blättern mit Schreibmaschinenschrift war ein Ausflug ins Labyrinth der Ideekranken. Eine IM aus meiner Spitzelclique hatte vorgeschlagen, mich zu verprügeln, um zu sehen, ob ich dann mein "feindliches Verhalten" einstellte, da mir die "wohlgemeinten Ratschläge" offenbar egal seien.
Ausgerechnet eine Frau machte diesen Vorschlag: Der ungezogene Junge muss verprügelt werden. Dabei rührte mein Wirken aus purer Lebensfreude. Welches Vergnügen, den Umständen die richtigen Namen zu geben. Es war immer ein Fest, wenn eine solche Deutlichkeit auf dem Papier stand.
"Seid gewiss, dass das Geheimnis des Glücks die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber der Mut ist." Das Perikles-Zitat hängt bei meinem Lieblingsgriechen in Berlin-Kreuzberg über dem Tresen. Im November 1989 bekam der Satz den großen Atem. Ich durfte nicht mitatmen. Den Bürgerinnen und Bürgern stand das Leuchten von der anderen Seite in den Augen, mich erquickten der Gedanke an die Aktualität des Perikles und Gespräche mit linken Gästen über Sozialismus, der sich nicht so schnell aufgeben dürfe. Als hätte er es in der Hand gehabt, der an einer chronischen Idee leidende Sozialismus.
Ein Maoist warnte eindringlich und mit erhobenem Zeigefinger davor, Grund und Boden zu privatisieren. Ein Marxist erwiderte, wäre die Immobilie DDR nicht vakant, hätte der Westen überhaupt kein Interesse daran. Noch bevor ich das erste Mal in die DDR einreisen durfte, hatte ich mich schon auf den Boden der Tatsachen heruntergefreut. Die Idee von der so genannten besseren Gesellschaft war nicht zu überwinden. Sie schien mir als Mauer zwischen dem real existierenden und dem erträumten so genannten Paradies. Zynisch betrachtet war die DDR nichts anderes als ein "Paradies", das in seiner Grundbedeutung "ummauerter Garten" heißt. Der schlecht gepflegte Garten DDR bekam einen Eigentümer, der ihn besser pflegt und an der Grenze nicht schießen lässt.