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4. November 2009, 15:45 Uhr

Das dachten Thatcher & Co. wirklich

Für Kohl war Thatcher nur "diese Frau"

Helmut Kohl nannte Margaret Thatcher in den Monaten nach dem Mauerfall nur noch "diese Frau", wie Mitarbeiter von US-Präsident George Bush ihren Außenamtskollegen in London vertraulich mitteilten. Der britische Botschafter Sir Christoph Mallaby schrieb aus Bonn immer dringlichere Telegramme nach London - darin die Bitte, Downing Street möge doch endlich "in einem positiven Licht" über die deutsche Zukunft sprechen. Alles andere schade dem Ansehen Großbritanniens.

Es ist bekannt, dass Thatcher keinen guten Draht zum deutschen Bundeskanzler Kohl hatte. Für sie repräsentierte er den für sie typischen, rücksichtslosen Deutschen. Thatcher hatte offenbar auch Angst vor einem wieder erstarkten Deutschland, weil sie um Gorbatschow fürchtete. Sie glaubte, dass der Verlust der sowjetischen Einflusssphäre in Osteuropa den Kreml-Chef sein Amt kosten und seine Politik der Perestroika beenden könne. Sie würde zumindest mit ihrer ersten Sorge Recht behalten.

"Sie spielte für alle den Blitzableiter", erklärt der Historiker Patrick Salmon, der die britischen Akten herausgegeben hat. Thatcher sagte offen, was zum Beispiel Mitterrand allenfalls in privaten Gesprächen äußerte - der französische Präsident war ja stets darauf bedacht, seinen "guten Freund" Helmut Kohl nicht vor den Kopf zu stoßen.

Interessante Details aus den Archiven

Zum Mauerfall-Jubiläum kommen pikante Details aber auch aus Moskau. Im Archiv seiner Stiftung hat Michail Gorbatschow Protokolle von Politbürositzungen, Gesprächsabschriften und Tagebuchaufzeichnungen aus seiner Amtszeit gesammelt. Ein Teil davon wurde vor einigen Jahren veröffentlicht, Dokumente zur deutschen Frage, offenbar von Michail Gorbatschow persönlich ausgewählt.

Aber in den Dokumenten wurde offenbar ordentlich gekürzt. Mal waren es nur ein paar belanglose Wörter, mal ganze Seiten oder Gespräche. Die Kürzungen scheinen vor allem einem Zweck zu dienen: Die handelnden Personen, allen voran Gorbatschow selbst, sollen im Licht der Geschichte noch ein bisschen mehr glänzen als im wahren Leben.

Die Realität, es steht zu vermuten, sieht anders aus. Da wurde geschimpft und um Macht wie Geld geschachert wie auf dem Basar, da wurde Blödsinn geredet (und beschlossen). Es zeigt sich, wie verbissen man in Großbritannien und Frankreich gegen die Wiedervereinigung Front machte. Und auch, welches Risiko Helmut Kohl einging, als er faktisch im Alleingang den Zehn-Punkte-Fahrplan zur Einheit verkündete.

Zu verdanken sind diese Einsichten vor allem dem jungen russischen Historiker Pawel Strojlow, 26, der heute in Großbritannien lebt und zum Umfeld des bekannten russischen Dissidenten Wladimir Bukowskij gehört. Strojlow begann vor neun Jahren mit Recherchen in russischen Archiven. Sein Ziel: soviel Dokumente als möglich zu kopieren, bevor der Zugang zu Archiven wieder gesperrt würde.

Gorbatschow sah viele "Klassenfeinde" im Westen

"Ich war so etwas wie ein Spion", sagt er heute. "Es war klar, dass die Machthaber im Kreml die Archive bald wieder schließen würden. Und so kam es ja dann wenig später auch." Strojlow recherchierte drei Jahre lang im Archiv der Gorbatschow-Stiftung, bekam dort schließlich Zugang zu den Original-Dokumenten. Die kopierte er und nahm die Kopien mit, als er später nach Großbritannien ausreiste.

Wie erklärt er die Kürzungen in den Dokumenten? "Gorbatschow war wohl ein viel orthodoxerer Kommunist, als man im Westen dachte. Zumindest gab er sich so. Viele im Westen waren "Klassenfeinde" für ihn, so nannte er übrigens auch Franz Josef Strauss. Für die Nachwelt will Gorbatschow wohl als weitsichtiger Demokrat und Reformer dastehen. Das ist verständlich. Aber die Fakten sollten schon vollständig sein. Es gibt kein Copyright auf die Geschichte."

Den ungekürzten Dokumenten zufolge langweilt Gorbatschow seine Gesprächspartner mit endlosen Monologen über Marx, Engels und Lenin, dabei hört er sich an wie ein Sowjet-Apparatschik alter Schule. Noch 1988 preist er Honecker als "herausragenden Führer der sozialistischen Gemeinschaft" - später bezeichnet er ihn dann als "absoluten Schwachkopf". Mit dem damaligen FDP-Vorsitzenden und Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann hingegen geht es bereits 1988 um die potentiellen Vorzüge des Kapitalismus: Bangemann erzählt, der Amerikaner Henry Kissinger kassiere bis zu 20.000 Dollar für eine Beratung. Doch Gorbi weiß es besser: "Man hat mir berichtet, es sind bis zu 100.000 Dollar."

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