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14. Oktober 2009, 13:35 Uhr

Der Arzt, der ins Wasser ging

DDR, BRD, Flucht, Ostsee, Schwimmer, Arzt, Republikflucht, Döbler, Peter Döbler, Marine, Fehmarn, Kampfschwimmer, Blue Marlin, Hemmingway, Freiheit, Kiel, Hamburg

Der Lebenstraum wurde wahr: Peter Döbler auf seinem Boot, bereit, den "Blue Marlin" zu fangen© Privat

Inzwischen ist es stockdunkel. Döbler hat etwa zwölf Kilometer zurückgelegt. Es ist kurz vor Mitternacht. Plötzlich schweifen die Lichtstrahlen der Suchscheinwerfer in Strandnähe übers Wasser. Döbler taucht sofort ab. Er hört die Signale eines Patrouillenbootes. Doch er bleibt ganz ruhig, fürchtet nicht, erwischt zu werden. Ohne Licht - auch das hat der Arzt vor seiner Flucht ausprobiert - sehen die Grenzsoldaten durch ihre Fernstecher auf dem Wasser, das schwarz ist wie die Nacht, nichts. Und selbst wenn die Patrouille im offenen Meer nach ihm fahnden sollte, gliche das der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Döbler schwimmt weiter. Angst hat er nicht. Dafür sorgen die Appetitzügler, die nicht nur den Hunger in Schach halten, sondern auch seine Laune aufhellen. Alle vier Stunden schluckt der Arzt eine Tablette. Es ist ganz still auf dem Meer. Über Wasser hört Döbler nur das Plätschern seiner gleichmäßigen Schwimmbewegung, die das Plankton in Wallung bringt, so dass es anfängt zu leuchten und Döbler seinen Kompass unter Wasser lesen kann. Unzählige Herden geleeartiger Ohrenquallen kreuzen seinen Weg. Unter Wasser hört Döbler manchmal das Dröhnen einer Schiffsschraube in der Ferne. Ab und an legt sich der Arzt auf den Rücken, lässt sich treiben, um sich auszuruhen. So schwimmt der Flüchtling Stunde um Stunde gen Westen. Die ganze Nacht hindurch.

Als am Morgen langsam die Sonne durchbricht, taucht im Dunst plötzlich etwas Dunkles vor ihm auf. Döbler kann nicht genau erkennen, was es ist. Ein Boot? Vorsichtig schwimmt er näher an das dunkle Objekt heran. Dann erkennt der Arzt die Tonne, die einen Schifffahrtsweg markiert. Nur einen Moment später rauscht eine Fähre heran. Peter Döbler erkennt die westdeutsche Flagge, winkt und ruft. Doch der Koloss fährt an ihm vorbei. Der Arzt schwimmt weiter. Immerhin hat er schon internationales Gewässer erreicht. Jetzt muss er nur noch durchhalten. In den nächsten Stunden sieht er noch mehr Schiffe, die Kurs auf Westdeutschland genommen haben. Doch sie sind alle zu weit weg. Döbler hat es aufgegeben, sich bemerkbar zu machen. Es kostet zu viel Kraft. Entmutigen lässt er sich trotzdem nicht. Er hat sich zwei Jahre lang jeden Abend vor dem Einschlafen vorgestellt, dass er es schaffen wird. Hat sich selbst hypnotisiert, auf Erfolg geeicht. Der Arzt glaubt so fest an das Gelingen seiner Flucht, dass ihn nichts erschüttern kann.

Doch dann durchzuckt ein stechender Schmerz seine Wade. Ein Krampf. Der Arzt spült eine Schmerztablette mit etwas Seewasser herunter, massiert das Bein und streckt es. Der Krampf löst sich. Döbler schwimmt weiter. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel. Gewitterwolken ziehen auf. Blitze zucken kurz darauf übers dunkle Wasser. Regen plätschert. Döbler schwimmt inzwischen mehr als 20 Stunden in der Ostsee. Seine Lippen brennen vom Salzwasser. Er hat Durst. Doch der Arzt schwimmt einfach weiter, taucht unter den Wellen hindurch, damit er nicht vom Kurs abtreibt.

Eine Stunde lang wütet das Gewitter. Plötzlich bricht der Himmel wieder auf, das Gewitter verzieht sich so schnell wie es gekommen ist. Und der Flüchtling glaubt, seinen Augen nicht zu trauen. Als sich das Wetter aufklart, taucht vor ihm - wie eine Fata Morgana - plötzlich die Küste auf. Fehmarn?! Zahllose Boote schwimmen im Wasser. Eine Segelyacht fährt direkt auf ihn zu. Döbler reißt die Arme hoch und schreit. Die Yacht kommt näher, der Skipper beugt sich über die Reling. "Was kann ich für Sie tun", fragt er. "Ich bin aus der DDR geflohen", ruft Döbler, atemlos, mit letzter Kraft. Der Mann sieht ihn verdutzt an, lässt aber sofort die Jakobsleiter herunter. Döbler klettert die Leiter hoch, stolpert an Bord. Seine Beine zittern, er friert, die Schultern schmerzen, und er hat entsetzlichen Durst. Döbler ist 24 Stunden durch die Ostsee geschwommen. Seine Haut ist völlig aufgedunsen und runzelig. Doch er hat es geschafft. Er ist im Westen. "Ich hatte ja nie den leisesten Zweifel daran, dass ich es schaffen würde. Deshalb bin ich auch nicht in Freudentränen ausgebrochen. Aber ich war unendlich froh."

 
 
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