. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
10. November 2009, 11:51 Uhr

Was macht eigentlich ... die Berliner Mauer?

Die Gäste eines Burger-Restaurants in der New Yorker Madison Avenue sitzen im Sommer im Schatten von Mauerstücken, die zu denen gehören, die Hans Eichel während seiner Zeit als Bundesfinanzminister teuer zu stehen kamen. Von den Segmenten lachen die Gesichter der Künstler Kiddy Citny ("Mein Atelier war die Berliner Mauer in Kreuzberg") und Thierry Noir, die diese Mauerstücke schon vor der Wende nachts heimlich besprüht hatten. Die herzförmigen Gesichter mit den fröhlichen Glotzaugen wurden als Postkartenmotiv und Fotokulisse berühmt. Deshalb konnte die Außenhandelsfirma Limex die begehrten Stücke zu einem Gesamtpreis von einer Million Mark verkaufen. Die Künstler gingen allerdings leer aus. Sie sollten mal froh sein, dass sie nicht wegen Sachbeschädigung belangt würden, ließ das Finanzministerium die Mauermaler abblitzen. Das sahen die Richter des Bundesgerichtshof anders und sprachen den Künstlern 500.000 D-Mark zu. Grund: Ihre Graffito hätten den Waschbeton veredelt und eine erhebliche Wertsteigerung erreicht. Hans-Olaf Henkel, ehemaliger Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, exportierte die Mauer nach Frankreich in die Normandie. Nachdem er das Stück Mauer im Garten seines Ferienwohnsitzes platziert hatte, wurden ganze Familien von der geschichtsträchtige Attraktion angelockt. Ein Nachbar schlug Henkel vor, doch sein ganzes Grundstück mit Mauerresten abzuzäunen. Als Schutz gegen Einbrecher.

Sogar der Papst hat ein Stück der Berliner Mauer. Es ist das Geschenk eines italienischen Geschäftsmannes, der es auf der ersten Mauer-Auktion in Monaco ersteigert hatte. Heute schmückt das Stück Weltgeschichte die Vatikanischen Gärten. Das Motiv auf dem Waschbeton: eine alte Ost-Berliner Kirche mit Glockenturm.

Und selbst auf Ibiza ist die Mauer zu sehen. Um seinen in Spanien geborenen Kindern deutsche Geschichte nahe zu bringen, hat der Journalist Olaf Stölt, die Mauer von Deutschland auf die Insel importiert. Stöldt ersteigerte das Stück für 7.000 Euro und stellte es vor den Eingang seines Hauses in Cala Vadella. Der Journalist wollte seinen Kindern nicht nur von der Mauer erzählen, sondern ihnen auch "einen sichtbaren Beweis" für die deutsche Geschichte liefern. "Dabei geht und ging es mir nicht nur um die Nachkriegszeit und die deutsche Teilung, sondern letztlich auch darum, dass die Mauer ein unmittelbares Ergebnis der Hitlerdiktatur und des Nazis-Regimes war."

Die meisten Mauerreste stehen in Europa und in den USA, doch auch auf der anderen Seite der Erdkugel hat die Berliner Mauer Platz gefunden. Ein "alter Ossi" holte die Mauer nach Japan und ließ sie vor dem Gebäude des TÜV Rheinland in Yokohama aufstellen. Uwe Bast, geboren in der DDR, ließ sogar Mauerkünstler Thierry Noir einfliegen, der die verblassten Farben seines Graffito auffrischte und restaurierte. "Es ist toll, dass ich alter Ossi nun die Gelegenheit habe, mir dieses ehemalige Element der Eingrenzung als Demonstration meiner Freiheit dahin setzen zu können, wo ich es will", freut sich Bast.

Die Reste der Berliner Mauer sind heute in aller Welt zu finden. Aus dem Stadtbild Berlins ist die Mauer dagegen fast so gut wie verschwunden. Sicher. In Berlin-Friedrichshain steht sie noch. Auf 1300 Metern, als "East Side Gallery." Und am Mauerpark. Dennoch sind Touristen oft enttäuscht, wenn sie in der Hauptstadt nach Resten der Mauer als Mahnmal suchen. Im "Zorn der ersten Stunde" wurde die Mauer abgerissen und in alle Welt verkauft. "Es ist vor allem ein bleibender Verdienst der Krämerseelen im Berliner Senat, die nie ein eigenes, überzeugendes Konzept für die Relikte der Geschichte entwickelt haben. Mauer, igitt - das war der Reflex der Eingemauerten. Er hält sich bis heute, auch bei den Regierenden", geißelte die Süddeutsche Zeitung den Mangel an Berliner Gedächtniskultur kürzlich in einem Kommentar. Tatsächlich hat Berlin die Chance vertan, die Mauer, das Symbol für Unterdrückung und Menschenverachtung schlechthin, als Mahnmal zu erhalten.

"Die Berliner Mauer in der Welt", herausgegeben im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Berlin Story, 2009, ISBN: 978-3-86855-023-8, 192 Seiten, 19,80 Euro.

Von Kerstin Herrnkind
1 2
weiter  
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
20 Jahre Mauerfall - Am Ku'damm "Ich glaub, ich werd ohnmächtig"

Sonderschicht bei Mc Donald's und ein Türsteher, der Freibier verspricht. Ein Besuch bei der Oma und wildfremde Leute, die sich in den Armen liegen. Eindrücke am Abend des Mauerfalls am Kurfürstendamm, wie sie im stern standen. mehr...

20 Jahre Mauerfall - Gastbeitrag Aus dem Leben eines Dissidenten

In der DDR war er Dissident, Kritiker - und ein Beobachter. Als die Mauer fiel, war er schon im Westen. In seinem Gastbeitrag schreibt der Liedermacher Stephan Krawczyk über das Leben mit Spitzeln, mit Akten und über die Freiheit. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe