"Ich muss den Laden doch zusammen halten", war damals noch das unerschütterliche Politikverständnis Schäubles. Wer Kohl demontiert, beschädigt die CDU. Wer Kohl kaputt macht, macht die CDU kaputt. Die Partei müsse sich von ihrem Übervater lösen, ohne ihn vom Denkmalsockel zu stürzen. Im Klartext: Nur die Wähler könnten ihn ablösen - wie es dann ja auch 1998 geschah.
Der schmerzhaft sich hinziehende Bruch der Beziehung Schäuble-Kohl begann am exakt 2. Dezember 1999, elf Uhr. Der Mann im Rollstuhl sitzt im Bundestag und diskutiert in eigener Sache - das Behindertengesetz. Da eilt die CDU-Generalsekretärin Angela Merkel nach vorne und flüstert dem neuen Parteichef ins Ohr. Im Protokoll einer Vernehmung des CDU-Wirtschaftsprüfers stünde das Geständnis, dass Kohl mit einer millionenschweren Schwarzgeldkasse operiert habe. Das Protokoll sei längst in den Händen des CDU-Ehrenvorsitzenden Kohl. Der hatte Schäuble allerdings nichts gesagt, obwohl er noch zwei Tage zuvor erklärt hatte: "Die CDU ist stolz auf ihren Ehrenvorsitzenden."
Bis dahin hatte Schäuble den Mann, der ihm eine Partei in Trümmern hinterlassen hatte, mit allem Respekt behandelt. Der wiederum kündigte unverzüglich an, "ich will weiter in der Partei mitarbeiten." Er habe kein Problem damit, sich zurückzunehmen. Die Wahrheit war: Kohl konnte es offenbar nur schwer ertragen, nicht mehr Parteichef zu sein. Er demütigte Schäuble. Vor jedem Treffen des CDU-Präsidiums stand er ein halbe Stunde im Journalistenpulk vor dem Sitzungszimmer und erklärte, wie die Dinge laufen müssten. Heiner Geissler erinnert sich genau, wie das lief: "Dann kam Schäuble mit seinem Rollstuhl, alle blickten auf ihn hinunter und er musste zu ihnen hinaufblicken und Kohl hat sich nicht gerührt."
Als seine Schwarzgeldaffäre aufflog, stellte sich Kohl auf den Standpunkt: Wenn ich stürze, stürzt ihr alle mit. Ohne mich seid ihr doch nichts, war seine Devise.
Zur Selbstverteidigung nutzte Kohl eine Schwachstelle Schäubles. Der hatte eine 100.000-Mark-Spende des Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber im Bundestag auf eine Frage hin nicht offen gelegt. Das war ein Fehler, räumte er später ein. Auf keinen Fall war diese Spende aber vergleichbar mit den Schwarzgeld-Millionen Kohls. Denn Schäuble hatte sie an die CDU-Schatzmeisterin weitergereicht - ohne eine Quittung dafür zu bekommen, dass das Geld in der Parteikasse gelandet war.
Kohl, der von der Schreiber-Spende wusste, ließ den Vorgang Anfang Januar 2000 frühzeitig nach außen sickern, obwohl im CDU-Präsidium bereits beschlossen worden war, sich dazu in Bälde öffentlich zu erklären. Der Mann, der selbst verheimlicht hatte, wie knietief er im Morast einer Spendenaffäre steckte, verweigerte Schäuble damit die Loyalität.
Es kam zu jenem legendären Treffen in Kohls Büro am 19. Januar 2000. Schäuble war dorthin gefahren mit dem festen Entschluss, zum Nutzen der Partei als CDU-Chef zurückzutreten. Kohl fragte ihn: "Trittst du wirklich zurück?" Ja, antwortete Schäuble und forderte auch Kohl zum Rücktritt auf. Der schüttelte den Kopf. Und Schäuble sagte: "Dann Helmut ist es aus mit uns." Es folgte der Satz: "Ich habe schon viel zu viel meiner knapp bemessenen Lebenszeit mit dir verbracht."
Der letzte Satz zu dem Mann, der bei einem gemeinsamen Fototermin mit ihm im Kanzleramt zu Schäuble gesagt hatte: "Wir sind Freunde, wer es nicht begreift, gehört auf die Couch."
Wolfgang Schäuble ist das Opfer einer Affäre geworden, deren skandalösen Kern Kohl zu verantworten hatte. Doch im Blick zurück kann Schäuble heute zu sich sagen, was Helmut Kohl verwehrt ist: "Ich bin mit mir im Reinen."