Es gärt im Kommando Spezialkräfte, es brodelt. Die Vorwürfe gegen die militärische Führung wiegen schwer: So sei der Standort des Basislagers in der Provinz Paktika riskant. "Dieses Hochplateau in den Bergen ist wie eine Zielscheibe", sagt ein aktiver KSK-Soldat. Schon beim ersten Afghanistan-Einsatz fanden die Deutschen in den Bergen im Südosten schussfähige russische Haubitzen. Afghanen hatten sie zerlegt in schier unzugängliche Bergregionen geschleppt und dort zusammengebaut. Eine lebensgefährliche Bedrohung: "Gefahr von Artilleriebeschuss, kein Ausweichen möglich", sagt der KSK-Mann. "Bei Sandsturm ist keine Luftüberwachung durch Satelliten möglich, keine Versorgung, keine Evakuierung Verwundeter." Anders als bei früheren Einsätzen war diesmal unter den Männern, die vorab den Standort prüften, "kein aktiver Kommandosoldat und niemand mit dem Blick von Spähern".
Mit Sicherheit sei der Standort dieses Lagers Taliban und Terroristen längst bekannt. Die Lage werde von manchen KSK-Offizieren unterschätzt. "Die behaupten, unsere Teams hätten es mit leicht bewaffneten Bauern oder Ziegenhirten mit Sandalen, billigen Kalaschnikow-Kopien und ohne Logistik zu tun." Das Gegenteil beweisen die vielen mehrstündigen Gefechte, die sich Terroristen und Taliban-Kämpfer seit Ende der Schneeschmelze im Frühjahr mit US-Einheiten im Süden und Osten des Landes liefern. Oft sickern sie aus den Stammesgebieten in Pakistan über die unkontrollierbare Grenze nach Afghanistan ein. Wasiristan, wo ein drohender Bürgerkrieg im vergangenen Jahr Pakistans Militärs zum Abzug zwang, ist noch immer Hochburg von al Qaeda. Wasiristan beginnt wenige Kilometer entfernt vom deutschen Basislager.
Tatsächlich hat das "Kommando FOSK", das die Operationen deutscher Spezialkräfte aus einer Kaserne in Potsdam-Geltow führt, beunruhigende Erkenntnisse über die wirkliche Feindstärke: Um US-Militärs ihre Macht zu zeigen, inszenierten feindliche Kräfte eine Kette von Warnungen. Zunächst platzierten sie bei Tageslicht eine schwere Panzermine mitsamt schriftlicher Warnung auf einer von Amerikanern gesicherten Hauptstraße. Dann schaffte es ein bezahlter Bote, einen Lkw bis vors Haupttor eines US-Stützpunktes zu fahren und dort den Wagen und einen Brief zu übergeben. Die Fracht: zwei Tonnen TNT-Sprengstoff. Die Botschaft: Davon sei noch mehr vorhanden. Im April wurden US-Militärs die Koordinaten für ein Funkversteck zugespielt. US-Soldaten fanden das Versteck und staunten: hochwertige Richtantennen, teuerste Fernmeldetechnik. Daneben lagen, fein säuberlich auf dem Tisch, Abschriften von Funkmitschnitten der Einsatzkommunikation von US-Spezialeinheiten, dechiffriert, auf Englisch und übersetzt in die Landessprache. Mehrere Trupps von Delta Force und Navy Seals waren zeitgleich abgehört worden.
Für besonders gut organisiert halten KSK-Soldaten die Drogenkartelle. An die trauten sich selbst US-Militärs bislang kaum heran - zumal sie ihren "Krieg gegen den Terror" mit Hilfe von Warlords führen, die zu den Größen im Heroin-Business zählen. Rund 2,8 Milliarden Dollar, mehr als die Hälfte des afghanischen Bruttoinlandsprodukts, wurden 2004 nach UN-Angaben mit dem Drogenexport erlöst. 87 Prozent des weltweit gehandelten Heroins stammen aus Afghanistan. Jeder Zehnte im Land lebt von der Drogenwirtschaft. Mit Opiummillionen finanzieren Warlords ihre Milizen, Gouverneure halten die Hand über Kartellbosse, inhaftierte Kuriere kommen auf Anruf hin frei. Afghanistan steht an der Schwelle zum Narko-Staat.
Entsprechend gut sind Logistik und Ausrüstung der Drogendealer. Sie verfügen über amerikanische M4- und AR15-Sturmgewehre mit Laserlichtmodulen und Reflexvisieren. Schwer bewaffnete Konvois, bis zu 60 Jeeps voller Opium, Heroin und Morphinbase, rasen über die Ebenen im Westen Richtung Iran. Jinga-Lastwagen zuckeln über Bergpässe im Osten nach Pakistan oder im Norden nach Tadschikistan, von wo Abnehmer die Ware weiterleiten. "Für die Kartelle arbeiten Söldner aus der ganzen Welt", sagt ein KSK-Mann. "Wir wissen, dass ehemalige Kräfte des australischen und des britischen Special Air Service dabei sind."
Die Amerikaner haben nun angekündigt, verstärkt gegen diese Drogenmafia vorzugehen. US-Militärs waren allein im Januar dieses Jahres an neun Operationen beteiligt. Im April wurde der mächtige Drogenbaron Bashir Noorzai verhaftet, der Taliban und al Qaeda mit 28 Millionen Dollar pro Jahr unterstützt haben soll: Nun wird "Asiens Pablo Escobar", wie ein Agent der US-Drogenbehörde DEA Noorzai bezeichnete, in New York der Prozess gemacht. Wie er dorthin gelangte, verschweigen US-Fahnder ebenso wie die Tatsache, dass Noorzais Bruder in Afghanistan nach wie vor für die Sicherheit der Straßen zuständig ist, über die der Fuhrpark der Drogenbanden rollt.
Das Thema Drogenbekämpfung wurde bei der Einsatzvorbereitung in Calw wie ein Tabu behandelt. Offiziell beteiligen sich deutsche Soldaten ebenso wenig an der Drogenbekämpfung wie ihre US-Kameraden. Doch insgeheim, so glauben KSK-Soldaten, "läuft der Einsatz in Afghanistan aufs Ausschalten von Hochwertzielen im Drogengeschäft hinaus. Einige Offiziere haben uns nach Stabsbriefings klipp und klar gesagt, dass es um drug enforcement (Drogenbekämpfung) geht. Wir sollen die Drahtzieher ausschalten, eliminieren."
Nie habe man in Calw so hart "Direct Action" trainiert wie in diesem Jahr, "und zwar die dreckigen Varianten: Mehrere Trupps landen verdeckt, überfallen mit hoher Feuerkraft ein Areal mit Feind - kurz gucken, eliminieren. Notfalls rufen unsere Luftraumbeobachter dann US-Unterstützung aus der Luft." Nie hätten KSK-Scharfschützen sich so intensiv auf "Assassination" vorbereitet: "Verdeckt ran an die Zielperson, ein Schuss, das war's."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 28/2005